KI oder Gen Z, wer bekommt den Job?
Unsere Autorin ist 18 und macht bald ihr Abitur. Sie fragt sich, welchen Beruf sie später ausüben soll – und ob sie gegen künstliche Intelligenz überhaupt eine Chance haben wird
Vor einigen Monaten hatte ich eine Videoberatung der Bundesagentur für Arbeit. Dabei wies mich der Berater auf Jobtests im Internet hin. Ich hatte mir eigentlich einen konkreten Berufsvorschlag erhofft, also fragte ich genauer nach: „Ergibt es durch die KI überhaupt noch Sinn zu studieren, oder sollte ich lieber etwas Handwerkliches machen?“ Er riet mir, Vertrauen in mich zu haben, auch wenn ich noch nicht wisse, was ich werden will.
Hä? Das reicht mir nicht.
Jedes Jahr fragen sich junge Menschen, die vor ihrem Abschluss stehen, welchem Beruf sie später einmal nachgehen sollen. Die Auswahl ist groß und unübersichtlich. Dazu kommt: Während wir herauszufinden versuchen, was zu uns passt, verändert sich die Berufswelt. Vor allem durch die KI. Das besorgt mich, und damit bin ich nicht allein. Laut der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ haben 30 Prozent der befragten Jugendlichen im Alter von 14 bis 29 Jahren Angst davor, dass ihre Arbeitskraft durch eine KI ersetzbar wird. Was können junge Leute also heute lernen, damit sie in der Zukunft Arbeit finden?
Keine Angst bei der Berufswahl
Mit 8 Jahren war ich mir sicher, ich will Astronomin werden. Mit 10 Jahren dachte ich, ich studiere einmal Jura. Heute bin ich 18 Jahre alt, mache bald mein Abitur und bin lost. Grafikdesign macht mir Spaß, aber ständig höre ich, dass der Beruf wegen der KI aussterben wird. Journalismus finde ich auch interessant, aber wie lange wird es den Job wohl noch geben? Am Frühstückstisch erzähle ich meiner Mutter, dass ich beunruhigt bin wegen der KI. Mama schwärmt von ihrem langen Kulturwissenschaftsstudium und wie toll die Suche nach dem richtigen Job war. Sie sagt: „Angst ist nie ein guter Berater.“
Dagegen helfe, herauszufinden, woher sie stamme, und daraufhin zu handeln. Also lege ich los und schreibe drei Bewerbungen für einen Praktikumsplatz. Eine an meine Lieblingsbäckerei, eine an eine NGO für Grundeinkommen und eine an die fluter-Redaktion. Die Bäckerei bietet mir gleich einen Ausbildungsplatz an. Die NGO hat nicht die nötigen Kapazitäten. Die fluter-Redaktion sagt mir das Praktikum zu.
Nach zwei Tagen steht fest: Ich schreibe diesen Text über meine Angst vor der KI. Also fange ich an, wie für Journalist*innen üblich, zu recherchieren. Mein erster Schritt, ich google: Der „Future of Jobs Report 2025“ des Weltwirtschaftsforums prognostiziert bis 2030 den Wegfall von 92 Millionen Arbeitsplätzen weltweit – acht Prozent aller Jobs –, neben demografischen Veränderungen und wirtschaftlichem Druck sollen technologische Entwicklungen, allem voran die KI, daran schuld sein. Gleichzeitig könnten 170 Millionen neue Stellen entstehen, prozentual wachsen diese am schnellsten im Kl- und Datenanalyse-Bereich. Große Zahlen, mit denen ich nicht so viel anfangen kann, deswegen kontaktiere ich den Arbeitsforscher Dr. Hans Rusinek für mehr Klarheit.
Was Menschen besser können? Leidenschaft!
Ich frage ihn, was denn die 92 Millionen Arbeitsplätze sind, die wegfallen. Er widerspricht: Nicht ganze Jobs würden wegfallen, sondern um die 40 Prozent der To-dos innerhalb der Jobs könnten womöglich automatisiert werden. Ob es hingegen Branchen gibt, die sich wenig verändern? „Branchen mit Herz- und Handarbeit“, antwortet Rusinek. „In der Pflege zum Beispiel.“ Dann nennt er weitere Berufe, die eher schlecht bezahlt werden. Muss ich mich am Ende wohl zwischen Geld und Sicherheit entscheiden? Echte Sicherheit, sagt er dann, könne man in diesen Zeiten sowieso nicht versprechen. „Das interessantere Wort in der Berufsfindung ist die Leidenschaft.“ Man solle sich fragen: Wofür bin ich bereit zu leiden? Denn er meint, wer Leidenschaft hat, der wird richtig gut in seinem Job. Dann könne die KI nicht mithalten.
Leidenschaft, ist die Antwort wirklich so einfach? Dr. Katharina Zweig ist Informatik-Professorin an der RPTU Kaiserslautern. Sie kennt sich mit KI aus und hat eine Vorstellung davon, wie sich die Wirtschaft weiter entwickeln könnte. Zweig sagt, sie selbst habe ihren eigenen Kindern geraten, etwas mit den Händen zu machen. Die besitzt die KI schließlich nicht. Da sind wir also wieder bei sozialen und handwerklichen Berufen. Doch wenn man sich nur aus Angst vor der KI für einen Job entscheide, würde man langfristig nicht glücklich sein. Sie betont, wer eine Leidenschaft hat, der sollte ihr auch folgen. Wer keine hat, der sollte sich breit aufstellen, zum Beispiel durch ein interdisziplinäres Studium. Ich solle mich von dem Gedanken lösen, nur für einen Beruf zu lernen: „Diese Vorstellung, ich habe zum Beispiel erst Biochemie studiert und werde dann Biochemikerin. Das ist letztlich nur der Name des Abschlusses.“
Meine Generation müsse flexibel sein, denn viele Unternehmen wissen auch gerade nicht wirklich, wie es weitergeht. Wichtig sei, viel Expertise aufzubauen: „Vor allem im Feld des kritischen Denkens und Lesens. Also die Fähigkeit, einen Sachverhalt sehr schnell einschätzen zu können. Am Ende ist es das, was euch von der Maschine unterscheidet.“
KI ist ein Werkzeug, kein Konkurrent
Bei dem Wort „Maschine“ spüre ich Erleichterung, denn KI ist eine Technologie, kein Gegenüber, kein Kollege, mit dem ich konkurrieren sollte. Dann höre ich den für mich wohl ergiebigsten Ratschlag von Zweig: „Beschäftigt euch mit der Technologie, lernt, was man damit machen kann, lernt, wie ihr euch mit der Maschine verbessern könnt.“ Denn jede technische Neuerung verändert Arbeit irgendwann, auch wenn am Anfang niemand genau sagen kann, wie. Wer hätte vor der Industrialisierung gedacht, dass große Fabriken Handwerksbetriebe größtenteils ablösen? Wer hätte Anfang des 21. Jahrhunderts gedacht, dass Influencer*innen so wichtig werden für den Werbemarkt?
Dank Hans Rusinek und Katharina Zweig sehe ich KI etwas gelassener. Gleichzeitig merke ich aber, dass auch sie nur ahnen können, wie sich die Dinge entwickeln werden.
Folgen junge Menschen der Argumentation der Expert*innen, dann müssen sie etwas finden, was ihnen Spaß macht, und darin richtig gut werden – besser als die KI, und in manchen Berufen auch: mit ihrer Hilfe.
Bei dieser Recherche habe ich drei Faktoren gefunden, die mir den nötigen Antrieb dafür geben könnten: Sinn, Spaß und Sicherheit. Ich möchte etwas für die Gesellschaft leisten. Es soll kreativ sein und im Kontakt mit Menschen, weil mir das Freude bereitet. Und ja, auch finanzielle Sicherheit: Geld entscheidet ja leider schlussendlich, ob ich mir von der Arbeit ein angenehmes Leben leisten kann. Jetzt, wo ich meine Richtung kenne, vertraue ich eher darauf, meinen Weg zu finden. Das Praktikum war dafür ein wertvoller Schritt.
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Illustration: Stephan Dybus