Müllhalde der Geschichte
In Nord- und Ostsee lagern 1,6 Millionen Tonnen Kampfmittel, größtenteils aus dem Zweiten Weltkrieg. Wenn sie nicht bald vom Meeresgrund geholt werden, droht eine Naturkatastrophe. Können die Forscherinnen und Forscher den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen?
Im Sommer ist auf dem Campingplatz in Wisch an der Ostseeküste der Teufel los, jetzt ist die „Heidkoppel“ im Winterschlaf. Die Imbissbude vorm Deich ist zu, der Parkplatz leer. Die Einzigen am Strand sind ein Mann und seine beiden Hunde. Völlig unbeeindruckt, wie immer, rauscht neben ihnen die mächtige Ostsee. Nicht mal zwei Kilometer Luftlinie von hier, weniger als 20 Meter unter der Wasseroberfläche, liegen 300.000 Tonnen Munition, Torpedoköpfe und Minen, Pistolenkugeln und ganze Bomben.
Der Boden der deutschen Meere ist eine riesige Müllhalde für Kampfmittel jedweder Art. Schätzungsweise 300.000 Tonnen befinden sich in der Ostsee, weitere 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee. Damit Deutschland niemals mehr seine Nachbarstaaten bedroht, beschlossen die Siegermächte im Potsdamer Abkommen, alle Waffen zu entsorgen. Nur: Wohin damit, wohin mit diesen Massen? Die Alliierten entschieden, sie im Wasser zu versenken.
„Eine Lagerung an Land wäre viel komplizierter und gefährlicher gewesen“, sagt Geophysikerin Ronja Strehlau. Sie, 28 Jahre alt, ist seit kurzem zuständig für den Bereich „Munition im Meer“ beim Kampfmittelräumdienst des Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. An einem Novembermittag sitzt Strehlau mit ihrer Kollegin, der Geowissenschaftlerin Mareike Keller, 37, in einem kleinen Büro des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel. Unter anderem von hier aus findet die Rettung der Ostsee statt. Denn die beiden Frauen sind Teil der gigantischen Aufräumaktion, die gerade erst begonnen hat.
Schutzkleidung und Metallkäfig: Die Ausrüstung bei einer Munitionsbergung in der Lübecker Bucht
Keller zeigt ein paar Ausdrucke mit Fotos, die sie und ihr Team vor wenigen Monaten mit autonomen Unterwasserfahrzeugen vom Forschungsschiff „Alkor“ aus vom Meeresgrund der Kieler Bucht aufgenommen haben. Wie ein Haufen verstreuter Tetris-Steine liegen dort im Schlick und Sand unscheinbar wirkende Objekte, die langsam vor sich hin rosten. Munitionskisten, Minen, Torpedos, Panzerfäuste, Fliegerbomben, Sprengköpfe und Kartuschen gefüllt mit hochgiftigem TNT, Schießwolle und Phosphor. Das Team untersucht die Langzeitgefahr der Altlasten, die der Kieler Bucht jetzt zum Verhängnis werden könnte.
Im selben Büro sitzt aktuell auch Kim Detloff, Leiter Meeresschutz beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). „Jahrzehnte des Stillhaltens“, so benennt er die Lage. Zwar habe es in der Vergangenheit immer wieder Unfälle mit unter Wasser explodierten Grundminen oder an den Strand gespültem Phosphor gegeben. Doch die größte Gefahr gehe eindeutig von Sprengstoffgemischen aus, die ins maritime Nahrungsnetz gelangen. Und damit im schlimmsten Fall ins nächste Fischbrötchen. Kampfmittel wurden in der Regel ohne Zünder versenkt, doch durch die langsame Zersetzung des Materials und durch Abrieb werden immer mehr hochgiftige Stoffe freigesetzt. Wissenschaftler:innen des Thünen-Instituts haben in der Nähe von Munitionsversenkungsgebieten erhöhte Tumorraten bei Fischen nachgewiesen. Noch bestehe bei „99,9 Prozent der aus Nord- und Ostsee gefischten Tiere keine Gefahr für den Menschen“, sagt Kim Detloff. Doch je mehr (chemische) Kampf- und Sprengstoffe freigesetzt würden, desto schlimmer. „Wenn wir nicht handeln, droht uns in 20 bis 30 Jahren ein apokalyptisches Szenario“, sagt Kim Detloff. Er meint: mehr kranke Tiere, vergiftete Fische und damit auch eine große Gefahr für die Menschen, die sie essen.
Hier gibt es noch einiges zu erforschen: ein Fund einer Munitionsbergung
Bereits seit 2016 sucht und untersucht das GEOMAR in Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten die Munition im Meer, doch erst seit die Ampelparteien 2021 ein „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“ in ihren Koalitionsvertrag aufnahm und dafür später 100 Millionen Euro veranschlagten, kam Bewegung in die Sache. Ein Team von Meereswissenschaftler:innen und Kampfmittelexpert:innen startete im Herbst 2024 die erste von drei Probebergungen in der Lübecker Bucht. Mithilfe von autonomen Unterwasserfahrzeugen wurden bis September dieses Jahres insgesamt 18 Tonnen Kampfmittel – auch aus einer vierten Probebergung in der Mecklenburger Bucht – in spezielle Unterwassercontainer verfrachtet, 1,6 Tonnen wurden zur Untersuchung an Land gebracht und sollen anschließend kontrolliert gesprengt und entsorgt werden. Die aufwendige Pilotphase brachte nicht nur wichtige mediale Öffentlichkeit, sondern auch die Erkenntnis, dass eine mobile Industrieanlage auf dem Wasser die vermutlich beste Möglichkeit darstellt, um die Unterwasserschrottplätze in Nord- und Ostsee zu bereinigen. „Eine automatische Sortierstation unter Wasser und eine Vernichtungsanlage auf dem Wasser“, sagt Mareike Keller. „Die geborgene Munition wird dann zerlegt und anschließend verbrannt“, ergänzt Ronja Strehlau vom Kampfmittelräumdienst. Klingt erst mal ganz einfach, doch im Wettlauf gegen Zersetzung und Verfall stehen noch einige Hürden im Weg. Wer baut diese neuartigen Anlagen? Und wo genau werden die Anlagen zum Einsatz kommen?
Seit 2024 finden Probebergungen statt – aber für eine systematisch Räumung bräuchte es noch aufwendigere Technik
Und nicht zuletzt bleibt die Frage, ob Deutschland in diesem außergewöhnlichen Wettlauf die nötige Kondition vorweisen kann, um diese Generationenaufgabe zu bewältigen. „Es gibt noch eine Vielzahl an ungeklärten juristischen, wissenschaftlichen und politischen Fragen“, ergänzt Mareike Keller.
Mareike Keller und Ronja Strehlau sind Teil dieser Generation. Sie wissen besser als viele andere, wie komplex die Aufgabe sein wird, die deutschen Meere von mehr als einer Million Tonnen an Kampfmitteln zu befreien, die vor mehr als sieben Jahrzehnten im Wasser versenkt wurden.
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