Darauf kannst du wetten!
Was ist Bad Bunnys erster Song beim Super Bowl? Wer fliegt als Nächstes aus der US-Regierung? Auf Plattformen wie Kalshi kann man auf so gut wie alles Geld setzen, manche verdienen Hunderttausende. Doch läuft dort alles sauber ab?
Hätte er ein glücklicher Mathematiker sein können, wenn auch in bescheidenen Verhältnissen? Seine Entscheidung hat er jedenfalls längst gefällt: Nach Ende dieses Semesters, wenn sein Vertrag ausläuft, wird Matt Heller sich nicht auf Forschungspositionen bewerben.
„In meinem normalen Job verdiene ich 5.000 Dollar im Monat. Mit Wetten sind es 5.000 Dollar am Tag.“
Durham, eine Universitätsstadt in North Carolina im Südosten der USA. Frühling liegt in der Luft. Heller sitzt auf einer Holzbank auf dem Campus der Duke University, seine Frau forscht hier, er ist nur zu Besuch. Im Hintergrund läuten die Glocken einer neogotischen Kapelle, Studierende eilen an ihm vorbei.
Heller, 30 Jahre alt, heißt eigentlich anders. Er ist ein ruhiger Typ mit rötlichen Locken und viel Bizeps, promovierter Mathematiker im Fachbereich Wahrscheinlichkeitstheorie.
Fast eine Million Dollar in anderthalb Jahren
In den vergangenen anderthalb Jahren habe er auf der Prognoseplattform Kalshi 860.000 Dollar verdient, sagt er. Viele Stunden am Tag liest Heller und vergleicht Nachrichten aus der „New York Times“, von X, Politico oder The Hill. Die Entscheidungen, auf was er wettet, trifft er schließlich aus einer Intuition heraus – aber sein Statistikhintergrund helfe ihm dabei, Ungereimtheiten in der Berichterstattung zu entdecken und sich zum Vorteil zu machen, sagt er. Deshalb will er die akademische Laufbahn vorerst verlassen und sich Kalshi in Vollzeit widmen.
„Früher lag ich nachts wach und dachte über mathematische Probleme nach. Jetzt denke ich über Strategien für Kalshi nach.“
Die meisten Wetten werden von Kalshi selbst ins Leben gerufen. Aber auch die Nutzer können Vorschläge machen, die dann einen Prüfprozess durchlaufen. Wird Taylor Swift vor 2027 den Papst treffen? Wird die Justizministerin Pam Bondi bis Jahresende Trumps Regierungskabinett verlassen? Wie hoch werden US-amerikanischen Zölle auf chinesische Waren am 1.Juli sein? Wird Zohran Mamdani die New Yorker Bürgermeisterwahl gewinnen? Auf Kalshi lässt sich auf fast alles wetten. Beim Super Bowl dieses Jahr betrug der Wetteinsatz an einem einzigen Tag eine Milliarde Dollar – mehr als 100 Millionen davon flossen allein in die Frage, welchen Song Bad Bunny als Erstes performen würde.
Hinter diesen Prognosen steckt ein einfaches Prinzip: Wer glaubt, dass ein Ereignis eintreten wird, kauft einen Anteil daran. Der Preis dafür liegt immer zwischen null und einem Dollar. Wer sich sicher scheint, investiert mehr, wer unsicher ist, weniger. Ein Ja-Anteil auf Pam Bondi für 72 Cent bedeutet: Der Markt glaubt, dass die Justizministerin mit 72-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis zum Jahresende das Kabinett verlassen wird. Auch Heller war sich sicher, dass das passieren würde.
Unter Trump wurde der Markt dereguliert
Wenn diese Vorhersage sich als richtig erweist, wird jeder Anteil mit einem Dollar ausgezahlt. Wer also 10.000 Ja-Anteile für je 72 Cent gekauft hat, macht einen Profit von tausendmal 28 Cent. 2.800 Dollar. Wer falsch vorhersagt, verliert den Einsatz. Anfang April entließ Trump Pam Bondi tatsächlich. Heller gewann viel Geld.
Prognosemärkte existierten bereits vor Donald Trump. Unter Präsident Joe Biden gab es Versuche, politische und Sport-Prognosemärkte ganz zu verbieten, da sie dem öffentlichen Interesse widersprächen. Doch Kalshi gelang es unter anderem 2024, gegen ein Verbot durch die Handelsbehörde CFTC erfolgreich vor Gericht zu ziehen.
Nach Amtseintritt erleichterte die Trump-Regierung die Rahmenbedingungen für einige Prognoseplattformen, unter anderem durch eine Order, die den Druck auf den Finanzmarkt allgemein senkte, aber auch dadurch, dass einige nun unter die Aufsicht der bundesstaatlichen Handelsbehörde CFTC fallen sollen. Die Leitung dieser Behörde wurde Ende 2025 von Trump neu mit ihm nahen Mitarbeitern besetzt, und ihre Haltung gegenüber den Prognoseplattformen wandelt sich gerade.
Alte Klagen wurden teilweise fallen gelassen. Kalshi und Polymarket können heute bundesweit ohne viel Aufsicht wachsen. Einige Regeln werden abgebaut oder das Greifen noch strengerer regionaler Gesetze verhindert. Seitdem boomen die Märkte besonders. Zuletzt wuchs Kalshis Handelsvolumen um 2.700 Prozent im Jahr. „Das Versprechen von Prognosemärkten ist es, über kollektive Intelligenz präzise und unvoreingenommene Vorhersagen für die bedeutendsten gesellschaftlichen Ereignisse zu erstellen“, werben die mittlerweile milliardenschweren Techunternehmen hinter Kalshi und Polymarket. Sind diese Wettplattformen also moderne Kristallkugeln? Brisant wird diese Frage auch dadurch, dass es nicht nur um kollektive „Intelligenz“ geht, sondern auch um Menschen, die mit eigentlich geheimen Informationen handeln können.
Die Suchtgefahr spielt immer mit
Matt Heller muss ständig auf sein Handy schauen, manchmal bis zu zwölf Stunden am Tag. Einmal lief er bei einem Abendessen mit seinem Doktorvater wiederholt auf die Toilette, um den Wettmarkt zu überprüfen. Zehntausende Dollar standen auf dem Spiel.
„Bin ich spielsüchtig? Oder süchtig nach Geld? Würde ich so viel zocken, wenn ich nicht so viel verdienen würde? Ich weiß es nicht.“ Zu Suchtverhalten neigt er schon, seit er zurückdenken kann. Früher süchtig nach Baseball, als er für sein College-Team spielte. Jetzt eben nach Kalshi. Heller redet gerne stundenlang über die Plattform und überhaupt über die US-Politik. Seinen größten finanziellen Rückschlag erlebte er bei der Bürgermeisterwahl in New York letztes Jahr, als er auf den Falschen setzte. Heller verlor 40.000 Dollar, fast ein Drittel seines Vermögens. Kurz dachte er daran auszusteigen.
Auf jeden Cent, den Heller verdient, kommt irgendwo auf der Welt ein Unbekannter, der diese Summe verloren hat. Ihn stört das. Aufhören würde er deshalb trotzdem nicht – auch wenn er über die ethischen Dilemmata nachdenkt. „Manchmal denke ich: Dieses Geld ist nicht sauber.“
Er sieht, wie die Plattformen mit falschen Versprechen im Internet Studierende und vulnerable Gruppen anwerben. Die meisten Nutzer:innen verlieren, nur ein Bruchteil verdient wie Heller große Summen. Im Schnitt verliert man rund 20 Prozent des Einsatzes allein durch Gebühren, wer planlos draufloswettet, sogar 30 Prozent.
Wer Insider-Informationen hat, ist im Vorteil
Aber als das vielleicht größte Problem der Branche gilt der Insiderhandel. Es ist so groß, dass auch die CFTC nun neue Regeln dagegen erlassen will. Darum geht’s: Die Anonymität der Plattformen und fehlende Regulierung machen politisches Insiderwissen zur Ware. Immer wieder legen Vorfälle den Verdacht nahe, dass einzelne Nutzer:innen über politische oder militärische Entscheidungen im Voraus Bescheid wissen, Politiker:innen oder Militärangehörige zum Beispiel. Jemand spekulierte nur Stunden vor der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro auf dessen Sturz und gewann 400.000 Dollar.
In Israel stehen ein Zivilist und ein Luftwaffenreservist vor Gericht, weil sie geheime militärische Informationen genutzt haben, um mit mehr als 160.000 Dollar Gewinn auf Polymarket zu wetten. Der Prozess läuft noch. Kalshi verbietet explizit Wetten auf Kriege.
In Deutschland sind Wetten auf Politik, Gerichtsurteile oder Naturkatastrophen nicht erlaubt. Laut dem Ökonomen Constantin Bürgi haben Kalshi und Polymarket wenig Chancen, hierzulande Fuß zu fassen. Aber über Kryptowährung und VPN gibt es zumindest theoretisch Wege, auf diese Plattformen zuzugreifen.
Hellers Handy klingelt. Seine Frau will ihn zum Pizzaessen abholen. Er steigt in den Toyota Prius auf den Beifahrersitz. Als er ihr seinen Plan unterbreitete, beruflich zu wetten, statt eine akademische Karriere zu verfolgen, habe sie ihn unterstützt. „Ihr gefällt, dass wir so viel Geld haben“, meint er. Dass er ständig am Handy sein muss, nimmt sie in Kauf. „Kalshi ist jetzt ein Teil von Matts Identität“, sagt sie und lacht. „Ich kann mir ihn kaum ohne vorstellen.“ Bis er fünf Millionen Dollar verdient hat, will er weitermachen, vielleicht zehn. Ob der Traum von der Frührente in Erfüllung geht oder er sich verzockt, wird sich zeigen.
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Titelbild: Karsten Moran/NYT/Redux/laif