Ein iranisches Paar fährt auf einem Motorrad an der Rakete „Khaibar-Buster“ vorbei; dahinter Banner mit Ayatollah Ali Khamenei und getöteten Militärkommandeuren auf einer Militärausstellung in Teheran

„Die Hardliner haben sich durchgesetzt“

Seit Februar steht Iran im Krieg mit Israel und den USA. Auch im Inneren steckt das Land in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise. Wie es dazu gekommen ist und wie es nun weitergehen könnte, erklärt der Politikwissenschaftler David Jalilvand

Interview: Hannah El-Hitami
20. Mai 2026

fluter: Welche Entwicklungen in der Region haben die Lage Irans in den letzten Jahren geprägt?

David Jalilvand: Der Sturz des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 war für Iran ein empfindlicher Schlag, da es seinen einzigen staatlichen Partner in der arabischen Welt verlor. Auch wurde die Versorgung der Hisbollah [Anm. der Redaktion: islamistische Terrororganisation im Libanon, die von Iran unterstützt wird] dadurch stark eingeschränkt. Zudem war der Terrorangriff der von Iran unterstützten Hamas vom 7. Oktober 2023 ein Einschnitt im Verhältnis der iranisch-israelischen Beziehungen. Israel tritt seitdem deutlich entschlossener und aggressiver seinen Bedrohungen entgegen. Im Zuge dessen griffen die Israelis im April 2024 das iranische Konsulat in Damaskus an, töteten drei Monate später den politischen Kopf der Hamas, Ismail Haniyeh, in Teheran und griffen im Oktober desselben Jahres in Reaktion auf iranischen Raketenbeschuss erstmals iranisches Territorium direkt an. Im Juni 2025 führte Israel dann einen großflächigen Angriff auf Iran aus im sogenannten Zwölftagekrieg. Das ebnete den Weg hin zum Ausbruch des aktuellen Krieges, der Ende Februar 2026 mit dem Angriff der USA und Israels auf Iran begann.

2015 stimmte Iran einem Atomabkommen zu: Das Land verpflichtete sich, Uran nicht soweit anzureichern, dass es für Atomwaffen genutzt werden kann. Im Gegenzug hoben die USA und Europa Sanktionen auf. Die Zeichen standen auf Entspannung. Wie konnte die Lage innerhalb von gut zehn Jahren so kippen?

Der Ausgangspunkt war der Rückzug der Vereinigten Staaten aus dem Atomabkommen in der ersten Regierungszeit Donald Trumps im Mai 2018. Iran übte sich ein Jahr in strategischer Geduld, in der Hoffnung, dass die Europäer ihren Handel mit Iran weiter aufrechterhalten würden. Als das misslang, begannen die Iraner ab Mitte 2019, ihren Kurs zu ändern und die Beschränkungen, die das Atomabkommen ihnen auferlegt hatte, zunehmend zu verletzen, indem sie zum Beispiel höher als zulässig Uran anreicherten, mehr hochangereichertes Uran einlagerten und modernere Zentrifugen für die Anreicherung einsetzten. Seitdem haben die Hardliner sich in den Institutionen und politischen Ämtern immer weiter durchgesetzt.

Obwohl mehrere relevante Personen wie der oberste religiöse Führer Ali Chamenei und der Chef des Sicherheitsrats, Ali Laridschani, im Zuge des aktuellen Kriegs gegen Iran getötet wurden, steht das Regime noch. Warum?

Das System ist sehr schwerfällig für Reformen, aber hat eine gewisse Widerstandskraft im Angesicht einer Bedrohung von außen. Die entscheidende Autorität liegt beim Obersten Führer sowie den von ihm geprägten Kontrollorganen wie dem Wächterrat, die den politischen Wettbewerb weitgehend beschränken. Es gibt einen großen Sicherheitsapparat, zu dem unter anderem Nachrichtendienste, Polizei und Militär gehören. Am meisten Macht haben aber die Revolutionsgarden. Sie wurden nach der Revolution 1979 eigens dafür gegründet, Polizei und Militär an einem Putsch zu hindern. Sie halten sich ein Stück weit gegenseitig in Schach und überschneiden sich teilweise. Gemeinsam unterdrücken sie jeden Versuch der Bevölkerung, eine handlungsfähige Opposition zu formen. Diese Kontrolle ist sehr umfassend: In öffentlichen Einrichtungen ebenso wie in Betrieben arbeiten Verbindungsleute des Sicherheitsapparats, deren Aufgabe es ist, Meinungsvielfalt zu unterdrücken und Loyalität zum Regime sicherzustellen. Gleichzeitig sehen wir deutliche Brüche im Fundament, die das Regime nur schwer reparieren kann.

„Um seine Macht zu sichern, unterdrückt Irans Regime die Bevölkerung. Erst im Januar tötete es Tausende, wenn nicht sogar Zehntausende Protestierende“

David Jalilvand

Woher kommen diese Brüche?

Iran war vor Kriegsbeginn und der Proteste gegen das Regime im Dezember und Januar geprägt von wirtschaftlichem Verfall. Die Inflation ist enorm, weite Teile der Bevölkerung sind von Armut betroffen. Zudem sieht sich Iran mit einer Wasser- und Stromkrise konfrontiert. Auf breiter Flur hat das Regime keine Lösungen für die Probleme der Bevölkerung. Um seine Macht dennoch zu sichern, unterdrückt die politische Führung die Bevölkerung. Erst im Januar tötete das Regime Tausende, wenn nicht sogar Zehntausende Protestierende. Die Zahl der Hinrichtungen erreichte im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand. In den letzten acht Jahren gab es vier größere Protestwellen, die allesamt blutig niedergeschlagen wurden. Letztlich sind immer mehr Iranerinnen und Iraner überzeugt, dass die Islamische Republik zu grundlegender Veränderung nicht mehr imstande ist, und fordern konsequenterweise ihr Ende.

Gibt es positive Aussichten für die Zukunft Irans?

Das Regime sitzt trotz der Angriffe von außen vorerst fest im Sattel. Deswegen bleibt der Ausblick insgesamt eher düster. Die Vertreterinnen und Vertreter der iranischen Zivilgesellschaft innerhalb des Landes, die einen positiven Wandel organisieren könnten, sitzen im Gefängnis. Hoffnung macht, dass sich die iranische Zivilgesellschaft unter widrigsten Bedingungen als widerstandsfähig erweist. Kritische Stimmen halten den Diskurs am Leben, der nötig ist, um politische Veränderung herbeizuführen. Die iranische Opposition im Exil schafft es inzwischen sehr erfolgreich, die Anliegen der iranischen Bevölkerung im Ausland sichtbar zu machen und politische Unterstützung zu gewinnen. Bislang ist es aber noch keinem Akteur gelungen, die iranische Diaspora zusammenzubringen, um den Wandel zu organisieren, der im Land selber nicht realisiert werden kann.

Auch nicht Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten Schahs? Er gilt als einer der führenden Köpfe der iranischen Exil-Opposition.

Tatsächlich sind seinen Aufrufen zu Massenprotesten am 8. und 9. Januar 2026 Hunderttausende im Iran gefolgt. Nach der Niederschlagung der Proteste durch das Regime verpufften allerdings weitere Aufrufe. Es ist ihm nicht gelungen, die iranische Opposition in der Breite hinter sich zu sammeln – unter anderem, weil er konsequent jede Auseinandersetzung mit der Herrschaft seines Vaters meidet, der viele iranische Menschen kritisch gegenüberstehen. Der Schah war ein Monarch, der bis 1979 autoritär im Iran regiert hat. Es gab keine freien demokratischen Wahlen. Politische Opposition wurde sehr brutal kleingehalten. Er wurde im Rahmen der Revolution gestürzt, die letztlich zur Islamischen Republik geführt hat.

Portrait David Jalilvand

Dr. David Jalilvand ist Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Orient Matters in Potsdam. Sein Schwerpunkt liegt auf den Wechselwirkungen zwischen Geopolitik, Wirtschaft und Energie in Iran und dem Nahen Osten. Für seine Arbeit reist er regelmäßig in die Region.

Foto: privat

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Titelbild: Arash Khamooshi/Polaris/laif