Knetfiguren stehen mit Signalfeuern auf verschiedenen Felsen und winken sich zu, umgeben von bewaldeter Landschaft und Nachthimmel mit Wolken

Ihr seid ohne mich in der Kneipe?

Seit fünf Jahren teilt unsere Autorin in der iPhone-App „Wo ist?“ mit Freunden und Familie ihren Standort. Entsteht dadurch mehr Nähe – oder zu viel Kontrolle?

Text: Olga Ellinghaus und Illustration: Stephan Dybus
Thema: Internet
20. Juli 2026

Erst sehe ich nur einen blauen Punkt auf der Karte. Das bin ich. Mit zwei Fingern ziehe ich den Ausschnitt auf meinem Handybildschirm zusammen, München wird zu Bayern, Bayern zu Deutschland. Je weiter ich rauszoome, desto mehr Punkte ploppen auf. Von allen Ecken Europas leuchten mir die Punkte meiner Freund:innen entgegen. Aus Kopenhagen, aus Paris, vom Strand auf Ibiza. Ein Wisch über den Atlantik, und eine Freundin erscheint in Texas. Dort ist gerade Nacht, vermutlich schläft sie.

In der iPhone-App „Wo ist?“ lassen sich per GPS meine Freund:innen, meine Familie und ich selbst jederzeit aufspüren. Dabei bin ich sonst extrem misstrauisch, wenn es um meine Daten geht. Personalisierte Werbung bei Google und Instagram habe ich ausgeschaltet, Cookies und App-Tracking lehne ich ausnahmslos ab, und auf WhatsApp kann keiner sehen, ob ich eine Nachricht gelesen habe oder wann ich zuletzt online war. Warum lasse ich mich in der App also freiwillig bespitzeln?

Was genau ist „Wo ist?“?

Die Location-Sharing-App „Wo ist?“ vereint die ehemaligen Funktionen „Meine Freunde suchen“ und „Mein iPhone suchen“ vom US-Unternehmen Apple. Seit 2019 wurden die unterschiedlichen Ortungsdienste in eine einzige App „Wo ist?“ integriert. Seitdem können Nutzer:innen in einer einzigen App alle eigenen Apple-Geräte orten, sie als verloren melden oder den eigenen Standort mit anderen Apple-Nutzer:innen teilen, für ein paar Stunden oder unbegrenzt. Auch wenn andere Anbieter mittlerweile ähnliche Apps oder Dienste anbieten, stehen diese Funktionen ausschließlich auf Apple-Geräten wie iPhones, iPads oder MacBooks zur Verfügung.

Ist die App sicher?

Daten aus dem „Wo ist?“-Netzwerk werden verschlüsselt nicht länger als 24 Stunden auf Apples Servern aufbewahrt, sodass laut Unternehmen nicht einmal Apple selbst sie auslesen kann. Laut einer Untersuchung der TU Darmstadt steht das Unternehmen zu seinen Sicherheitsversprechen. In einer Studie fand die Forschungsgruppe Sicherheitslücken, die kurz darauf von Apple durch ein Softwareupdate behoben worden seien. Trotzdem sei das System selbst für die Forschenden schwer zu durchschauen, weshalb sie transparentere Lösungen für Anwendungen wie diese, die mit hochsensiblen Daten arbeitet, fordern.

Als ich vor fünf Jahren anfing, teilte ich meinen Standort erst mal nur mit zwei Schulfreundinnen, die in die USA gezogen waren. Bei ihnen machte ich mir keine Gedanken, dass sie meine Standortdaten missbrauchen könnten, und auch ich hatte weder Nutzen noch tieferes Interesse an ihrem Aufenthaltsort. Vielmehr war es ein Symbol der Freundschaft, ein kleiner Einblick in ihr alltägliches Leben, das mehrere Tausend Kilometer entfernt und sieben Stunden hinter meinem eigenen stattfand.

Kurze Zeit später besuchten meine Berliner Freund:innen und ich ein großes Festival und wollten uns in der Menschenmasse besser wiederfinden. Die Freigabe beendeten wir danach nie. Mit meinen Mitbewohnerinnen wiederum war es eine praktische Entscheidung, so sehen wir zum Beispiel, ob jemand zu Hause ist, um ein Paket entgegenzunehmen. Über die Jahre sind immer mehr Punkte auf meiner Karte hinzugekommen. Zweiundzwanzig Personen kann ich mittlerweile dabei verfolgen, wie sie durch die Welt bummeln. Und sie mich.

Sich für einen Moment verbundener fühlen

Vor einem halben Jahr bin ich für eine Ausbildung aus meiner Heimatstadt Berlin nach München gezogen. Neue Stadt, neue Leute, wenig Zeit, um Familie und Freunde anzurufen. Wieder kommt das Tracking gelegen, um die Distanz zu überwinden.

Mein Bruder zum Beispiel ist DJ und deswegen beruflich viel unterwegs. Seitdem ich in München lebe, sehen wir uns noch weniger als zuvor. Doch mit „Wo ist?“ kann ich ihn ständig aufspüren. Köln, Kapstadt, Kyjiw – ich tippe auf seinen Namen und warte gespannt, wo er diesmal auftaucht. Nicht weil ich ihn überwachen will. Weiß ich, wo er ist, fühle ich mich ihm ein kleines bisschen verbundener, als würde ich an seinem Leben teilhaben, obwohl das gerade nicht möglich ist.

Auch im Alltagsstress ist „Wo ist?“ eine unkomplizierte Hilfe. Will ich nach einem langen Arbeitstag spontan eine Freundin auf ein Feierabendgetränk treffen, prüfe ich erst, ob ihr Punkt auf der Karte zu Hause ist, dann rufe ich an. Ist sie unterwegs, erspare ich uns beiden ein überflüssiges Telefonat. „Wo ist?“ wird in diesem Moment eine Abkürzung für: „Wo bist du gerade?“

Nachts wiederum wird die App zu einem schnellen „Bist du zu Hause angekommen?“. Bin ich, eine junge Frau, nachts allein unterwegs oder fahre von einer Party nach Hause, fühle ich mich sicherer in dem Wissen, dass ich gefunden werden kann, solange mein Handy bei mir ist. Ein Gefühl, das sogar meine 94-jährige Oma kennt. Vor ein paar Monaten ist sie auf ihrem Spaziergang gestürzt. Sie hatte kein Handy dabei, aber Glück, dass ein jüngerer Mann sie fand und ihr wieder auf die Beine half. Für den Fall, dass sie wieder stürzen sollte, schenkten meine Eltern ihr ein altes iPhone, und wir alle fügten sie bei „Wo ist?“ hinzu. So kann sie uns in Zukunft anrufen und wir sie finden.

Nicht alle müssen wissen, wo ich mich rumtreibe

Ihren Punkt sehe ich seitdem auf meinem Bildschirm – meinen habe ich nicht mit ihr geteilt. Meine Oma gehört nicht zu den Personen, die immer wissen müssen, wo ich mich rumtreibe. Dafür ist unser Verhältnis nicht freundschaftlich genug. Genau das macht die App nämlich für mich aus: Es ist immer meine Entscheidung. Mit einem einfachen Fingertippen bestimme ich, wer mich wann sehen kann und wer nicht.

Ich glaube, wie in jeder Freundschaft braucht es auch dabei vor allem Vertrauen. Und noch viel mehr: Augenhöhe, Respekt für Grenzen, ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit. Sehe ich, dass Freundinnen gemeinsam unterwegs sind, tauche ich dort nicht einfach auf, sie tun das bei mir schließlich auch nicht. Klar fühle ich einen kleinen Stich, wenn ich sehe, meine Freundinnen in Berlin sitzen freitagabends gemeinsam in der Kneipe, während ich in München auf der Couch liege. Aber zu lang ist mir die Bahnfahrt dorthin.

Gleichzeitig ist es mir meistens egal, dass ich gesehen werde. Im Alltag habe ich nichts zu verheimlichen. Und wenn doch, tauche ich eben ab und beende meine Standortfreigabe einfach. Zugegeben, damit bin ich mal mehr, mal weniger erfolgreich. Denn wer meinen Standort sehen kann, kennt mich sehr gut. Und wer mich kennt, versteht, was mein Verschwinden bedeutet.

Wie vor ein paar Wochen, als ich eine alte Liebe wieder aufleben ließ. Mein Standort hätte verraten, dass ich in seiner Wohnung war. Dazu war ich noch nicht bereit, also schaltete ich meinen Standort aus. Am nächsten Tag rief mich eine Freundin an. Mein Abtauchen bei „Wo ist?“ ließ sie meinen Standort erahnen, auch wenn sie ihn nicht sehen konnte.

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