„Care bedeutet, unsere Abhängigkeiten zu ehren“
Der Dokumentarfilm „Die zärtliche Revolution“ begleitet vier Menschen, die sich um andere kümmern – im Pflegealltag, in der Klimakrise, im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und in einem inklusiven Wohnprojekt
Inhaltswarnung: In diesem Text geht es unter anderem um Suizid.
fluter.de: In deinem Film „Die zärtliche Revolution“ stehen Menschen im Mittelpunkt, die andere pflegen, sich um Freund:innen, Angehörige oder ihre Gemeinschaft kümmern. Was hat dich dazu bewegt, dich so intensiv mit dem Thema Fürsorge zu beschäftigen?
Annelie Boroș: Während der Coronapandemie hatte ich das Gefühl, dass wir alle überfordert waren. Überall, wo ich hinsah, fehlte es an Fürsorge: in Familien, in Krankenhäusern, im Freundeskreis. Ich habe angefangen, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, Bücher zu lesen, Gespräche zu führen. Und dann, mitten in dieser Recherche, kam die Nachricht, dass sich meine Mitbewohnerin Kathrin das Leben genommen hat. Das hat mich komplett aus der Bahn geworfen.
Das thematisierst du auch im Film. Warum?
Weil mich viele Fragen nicht mehr losgelassen haben: Was passiert, wenn Menschen durch das Raster fallen, weil sie psychisch oder chronisch krank sind? Wenn sie Hilfe bräuchten, aber keine bekommen? Und wie müsste eine Welt aussehen, in der jemand wie Kathrin, die auf mehr Hilfe angewiesen war, nicht das Gefühl hat, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt?
Zwischen Freude und Erleichterung: Samuel (buntes Hemd) umarmt seinen Pfleger nach dessen erster Rede bei einer gemeinsamen Aktion für mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen
In deinem Film stehen vier Menschen im Mittelpunkt, die ganz unterschiedlich mit Fürsorge umgehen. Wie hast du sie gefunden?
Durch das Buch „Care Revolution“ von Gabriele Winker bin ich auf Arnold gestoßen, der seit Jahrzehnten seinen Sohn Nico pflegt. Amanda, Medizinerin und Klimaaktivistin, habe ich über einen Freund kennengelernt. Sie bringt den ökologischen Blick in den Film. Denn Care bedeutet auch, Verantwortung für die Natur zu übernehmen, denn wir sind nur gesund, wenn unsere Umwelt es auch ist. Bożena kam durch ihre Klage gegen ihre Pflegeagentur zu mir. Sie hatte öffentlich gemacht, unter welchen Bedingungen viele 24-Stunden-Kräfte arbeiten, und kämpft seither für bessere Arbeitsbedingungen. Und Samuel, den ich über eine Freundin kennenlernte, ist selbst auf Pflege angewiesen und baut zugleich ein inklusives Wohnprojekt auf.
Im Film wird deutlich: Fürsorge betrifft nicht nur wenige, sondern uns alle.
Oft denken wir, Fürsorge sei nur etwas für kranke oder alte Menschen. Aber das stimmt nicht. Wir alle brauchen Unterstützung. Als Kinder, in Krisenzeiten, im Alter oder einfach dann, wenn wir dringend mal reden müssen. Trotzdem leben wir in einer Gesellschaft, in der Abhängigkeit oft als Schwäche gilt. Dabei ist sie die Grundlage unseres Zusammenlebens. Samuel bringt es im Film sehr schön auf den Punkt. Care bedeutet, unsere Abhängigkeiten zu ehren.
Zwischen Herd und Fürsorge: Arnold bereitet das Essen zu, spricht liebevoll mit seinem Sohn. Er lebt mit nur fünf Euro am Tag – für sich und Nico
Gab es bei deinen Recherchen auch Ansätze, wie Fürsorge besser organisiert werden könnte?
Ich glaube, meine Protagonist:innen leben auf ihre Weise kleine Utopien. In Samuels Wohnprojekt in München beispielsweise sollen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenleben. Pflegebedürftige, ältere Menschen, Geflüchtete, Alleinerziehende. Alle geben, was sie können, und helfen einander im Alltag. Die Miete ist etwas günstiger, weil man sich auch in die Gemeinschaft einbringt.
Aber das ändert ja noch nichts an den Strukturen, oder?
Nicht direkt. Eine bessere Bezahlung und mehr Anerkennung für Pflegearbeit wäre wichtig. Aber wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir tiefer ansetzen. Unsere Gesellschaft ist auf Profit ausgerichtet, nicht auf Bedürfnisse. Dabei sollte es eigentlich umgekehrt sein. Das ist ein großer Perspektivwechsel, aber ein notwendiger.
Im Film sieht man auch sehr persönliche Pflegesituationen. Etwa wie Samuel morgens aus dem Bett geholt wird. Warum war es dir wichtig, solche Szenen zu zeigen?
Gerade Samuel war das sehr wichtig. Er sieht sich selbst als Aktivist für Behindertenrechte. Dazu gehört für ihn auch, solche Situationen sichtbar zu machen. Szenen wie diese sieht man kaum in Filmen oder Medien. Viele Menschen haben Berührungsängste mit Pflege oder Behinderung. Auch weil es kaum Bilder davon gibt. Dabei ist Fürsorge etwas Intimes, aber auch etwas völlig Normales. Und oft etwas sehr Schönes, das eine Verbindung schafft, die vielen in unserer heutigen Welt fehlt, wie Samuel sagt.
Zwischen zwei Welten: In Gedanken ist Bożena bei ihrer Tochter, die sie nur selten sieht. Als junge Mutter mit 18 musste sich zwischen Nähe und Einkommen entscheiden. Ein Preis, den nicht nur sie zahlte.
Was hast du beim Machen des Films für dich selbst gelernt?
Dass es wahnsinnig schwer ist, sich gut umeinander zu kümmern. Selbst dann, wenn man es wirklich will. Auch wir als Filmteam standen unter Zeitdruck und mussten mit wenig Geld arbeiten. Plötzlich merkt man, dass man nicht mehr zum Sport geht, sich nicht mehr bei Freundinnen meldet, obwohl es ihnen vielleicht gerade nicht gut geht. Das tut weh, weil man merkt, wie sehr einen die Strukturen beeinflussen.
Annelie Boroș, geboren 1991, hat Dokumentarfilm und Fernsehjournalismus an der Hochschule für Fernsehen und Film München studiert. Nach mehreren kürzeren Filmen ist „Die zärtliche Revolution“ ihr Langfilmdebüt.
Gab es auch Momente, die dir gezeigt haben, dass Veränderung möglich ist?
Auf jeden Fall. Ich habe viele Menschen getroffen, die sich nicht entmutigen lassen. Oft sind das keine Heldinnen und Helden, sondern einfach Leute, die sagen: So wie es ist, reicht es nicht. Samuels Projekt in München ist inzwischen finanziert. Das Haus wird gebaut. Und das mitten in einer Stadt, in der Wohnen sehr teuer ist. Auch in meinem Umfeld entstehen gerade viele solcher Projekte. Menschen leben solidarischer, unterstützen sich im Alltag. Das zeigt mir: Es geht. Es ist harte Arbeit, aber es ist möglich.
„Die zärtliche Revolution“ läuft ab dem 14. August im Kino.
Wenn du suizidale Gedanken hast oder glaubst, sie bei anderen festzustellen: Hol dir Hilfe. Zum Beispiel anonym, kostenlos (und egal zu welcher Uhrzeit) bei der Telefonseelsorge: 0800/1110111 oder 0800/1110222 oder 116123 oder online.
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Fotos: W-Film