So ist es, ich zu sein: inkontinent
Mit 23 Jahren kann Lisa-Maria Retz ihre Blase plötzlich nicht mehr kontrollieren. Hier erzählt sie, wie sie trotzdem die Sportprüfungen in der Bundeswehr überstanden hat
Beim 1.000-Meter-Lauf habe ich mir zum ersten Mal in die Hose gepinkelt. In meiner Grundausbildung bei der Bundeswehr musste ich einen Fitnesstest absolvieren. Kurz vor dem Ziel habe ich noch mal alles gegeben. Meine Kameradinnen feuerten mich an: „Schneller, schneller!“ Plötzlich lief der Urin zwischen meinen Beinen. Einfach so. Ich konnte es nicht aufhalten. Als ich durchs Ziel kam, verkroch ich mich in einer Ecke. Ich musste erst mal realisieren, was gerade passiert war.
Meine drei Stubenkameradinnen kamen zur mir, eine gab mir ihre Jacke, um meine nasse Hose zu verstecken. Zurück im Zimmer, kamen die Fragen: „Was war mit dir los, Lisa? Passiert dir das öfter? Warum warst du nicht vorher auf der Toilette?“ Ich saß einfach nur da und weinte.
„Ich habe jahrelang Verstecken gespielt und musste ständig überlegen: Wo ist die nächste Toilette, wie viele Windeln muss ich einpacken, wo kann ich sie unauffällig entsorgen?“
Später googelte ich meine Symptome und kam sofort auf Harninkontinenz. Ich dachte: Das habe ich nicht. Nie im Leben. Im Internet stand, dass vor allem Schwangere, Ältere oder Übergewichtige betroffen sind. Ich war 23 Jahre alt, fit und kinderlos. Doch seit dem ersten Vorfall passierte es regelmäßig. Ich verlor Urin, sobald ich rennen musste – beim Frühsport oder beim Laufen mit Ausrüstung. Ich dachte, wenn das auffällt, ist meine Karriere vorbei. Für eine Laufbahn bei der Bundeswehr muss man körperlich fit sein, da kann man sich so was nicht erlauben. Ich hatte große Angst, meinen Job zu verlieren, und habe mich ohnmächtig gefühlt.
Es musste eine Lösung her, also ging ich in die nächste Drogerie und kaufte Windelhöschen und Einlagen. Am Anfang habe ich rumexperimentiert: Wie viel Urin hält eine Windel aus? Wie fühlt es sich an, mit voller Windel rumzulaufen? Von da an war die Windel mein ständiger Begleiter. Die weiten Feldhosen von der Bundeswehruniform waren optimal, um sie zu verbergen.
Ich habe jahrelang Verstecken gespielt. Beim Umziehen in der Sammelkabine, beim Pinkeln draußen im Gelände – ich habe immer darauf geachtet, nicht aufzufallen. Ich musste ständig überlegen: Wo ist die nächste Toilette, wie viele Windeln muss ich einpacken, wo kann ich sie unauffällig entsorgen? Auf einem Lehrgang nahm ich eine Brotdose mit, um meine vollen Windeln darin zu verstecken.
„Natürlich habe ich nicht direkt beim ersten Date von meiner Inkontinenz erzählt“
Privat musste ich mich zum Glück nicht verstecken, viele, denen ich davon erzählte, hatten Verständnis. Natürlich erzählte ich nicht direkt beim ersten Date von meiner Inkontinenz. Aber sobald ich merkte, es wird ernster, habe ich es angesprochen. Ich wollte peinliche Situationen vermeiden. Es gab einmal einen Vorfall mit meinem Ex-Mann: Ich war auf dem Weg zur Toilette, wir unterhielten uns noch. Ich stand noch in der Badezimmertür, als plötzlich der ganze Urin aus mir rauslief. Er war kurz geschockt, hat dann aber den Wischer geholt und den Boden geputzt. Das war dann halt einfach so. Andere inkontinente Frauen haben mir erzählt, dass ihre Beziehungen daran zerbrochen sind, weil ihre Männer nicht damit umgehen konnten.
Nach einem Jahr bin ich zum ersten Mal zum Truppenarzt gegangen. Ich hatte ständig Blasenentzündungen und wollte mir endlich Hilfe suchen. Der Arzt war völlig überfordert mit mir, er konnte mir nicht helfen. Auch bei Gynäkologinnen wurde ich nicht ernst genommen. Mir wurde gesagt: „Frau Retz, stellen Sie sich nicht so an, andere Frauen verlieren auch ein paar Tropfen beim Niesen.“ In der Urogynäkologie wurde mir dann die Harninkontinenz diagnostiziert.
Zunächst habe ich die Diagnose Stressinkontinenz bekommen. Dabei verliert man ungewollt Urin, wenn Druck auf die Blase ausgeübt wird: beim Husten, Lachen oder Sport. Später stellte sich heraus, dass eine Mischinkontinenz vorliegt. Das bedeutet, dass neben der Stressinkontinenz auch eine Dranginkontinenz besteht. Diese äußert sich durch einen plötzlich auftretenden, sehr starken Harndrang, der nicht kontrollierbar ist. Bei mir wurde als Ursache eine Bindegewebsschwäche und häufige Harnwegsinfektionen festgestellt.
Die Diagnose war ein Lichtblick für mich. Dadurch hatte ich Hoffnung, dass ich Hilfe bekommen kann. Operiert werden sollte ich erst mal nicht, weil ich noch einen Kinderwunsch hatte und das zu riskant war. Stattdessen wurde mir Beckenbodengymnastik empfohlen. Das half ein wenig, aber nur bis zum nächsten Fitnesstest.
„Inkontinenz bei Erwachsenen ist immer noch ein riesiges Tabuthema, besonders bei jungen Menschen. Dabei gibt es etwa zehn Millionen Betroffene in Deutschland“
Beim Sport war es am schlimmsten. Deswegen habe ich allein für die Fitnessprüfungen trainiert. Den gemeinsamen Dienstsport habe ich gemieden, damit niemand mitbekommt, wenn es mal wieder in die Hose ging. Das hat zu Spannungen zwischen mir und meinem damaligen Vorgesetzten geführt. Für ihn war ich eine Drückebergerin, er dachte, ich lüge ihn an. Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt. „Jetzt passen Sie mal auf: Ich bin inkontinent und pisse mir jedes Mal beim Sport in die Hose“, sagte ich zu ihm. Er wurde kreidebleich und hat eine Entschuldigung gestammelt.
Nach der Geburt meiner zwei Kinder verschlimmerte sich die Inkontinenz. Ich entschied mich für eine Operation – so konnte es nicht weitergehen. Bei der OP wurde der Blasenhals durch spezielle Nähte angehoben und fixiert, wodurch eine bessere Druckübertragung für den Harnröhrenverschluss erzielt wird. Außerdem wurde die vordere Scheidenwand mithilfe von Fäden mit dem Bindegewebe verbunden und in eine Position gebracht, die die Blase entlastet. Der ganze Eingriff wurde minimalinvasiv mit einer Bauchspiegelung durchgeführt. Danach lag ich sechs Wochen im Bett.
Die OP hat mein Leben verändert. Zum ersten Mal seit acht Jahren war ich beschwerdefrei. Zugleich wusste ich, dass ich meine Geschichte nicht für mich behalten kann. Inkontinenz ist immer noch ein riesiges Tabuthema, besonders bei jungen Menschen. Laut der Deutschen Kontinenz Gesellschaft gibt es etwa zehn Millionen Betroffene in Deutschland. Bei den 18- bis 40-Jährigen sind etwa sechs Prozent inkontinent – Frauen häufiger als Männer.
Ich fing an, auf Instagram über die Krankheit aufzuklären, um mit diesem Tabu zu brechen. Im vergangenen Jahr habe ich dann eine Selbsthilfegruppe gegründet. Leider kommen noch kaum junge Frauen zu den Treffen. Ich hoffe, dass ich diese Frauen auch irgendwann erreichen kann, damit sie die Scham verlieren und wissen, dass sie nicht allein sind.
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Illustration: Renke Brandt