„Mein Kuscheltier nehme ich mit ins Grab“
Die Autorin Ilona Hartmann hat ihren dritten Roman „Junk“ veröffentlicht, in dem sich die Protagonistin sieben Tage im Keller verschanzt, umgeben von altem Zeug. Ein Gespräch über Konsum und Wegwerfen
fluter.de: In deinem Roman entrümpelt eine junge Frau ihren Keller. Wie kamst du auf das Thema Ausmisten?
Ilona Hartmann: An einem random Tag kam mir die Frage: Wann ist eigentlich alles so viel geworden? Nicht nur physisch, sondern auch mental. Auf TikTok zum Beispiel vermischt sich alles: Haul, Femizid, Haul, Klimakrise, Haul, Wirtschaftskrise. Schlimme Nachrichten gespickt mit „Na, kauf doch was“. Diese Gleichzeitigkeit von allem hat mich nicht mehr losgelassen. Und mir hat nie jemand beigebracht, wie ich mit dem Gefühl umgehen und mich davon abgrenzen kann. Da dachte ich, das könnte ein Roman sein.
Wieso lautet der Titel des Buches „Junk“ – und nicht etwa „Müll“, „Trash“, „Gerümpel“ oder „Zeugs“?
„Junk“ trifft genau das Gefühl, das ich meine. Als Unwort – wie bei Junkmail, die man nicht haben will – passt es zu diesem Wegwerf-Charakter, den viele Dinge haben. In Junkfood, das die Protagonistin im Buch mit ihrer Schwester verbindet, steckt aber auch ein Gefühl von Komfort.
Über ihre aussortierten Gegenstände erfahren wir einiges über das Leben der jungen Frau im Roman. Warum hast du dich für diese Art des Erzählens entschieden?
Dinge sind nicht so unlebendig, wie man zunächst denkt. Das Schreiben über Dinge hat mir erlaubt, die emotionale Seite der Geschichte zu füttern und über Bande biografische Anekdoten der Figuren zu erzählen, die zwischen Menschen oft gar nicht besprochen werden, weil sie so beiläufig und alltäglich scheinen. So konnten sich die Beziehungen zwischen der Protagonistin, ihrer Schwester und Mutter zwischen diesen Anekdoten verweben, ohne dass sie dauernd miteinander sprechen
„Die Infrastruktur fürs Wegwerfen ist schlechter als die fürs Einkaufen. Mit zwei Klicks kann ich einen riesigen Hometrainer kaufen, aber wie werde ich ihn wieder los?“
Für die junge Frau ist Wegwerfen sehr anstrengend. Warum fällt ihr das so schwer?
Das hat zwei Seiten. Eine organisatorische, denn die Infrastruktur fürs Wegwerfen ist schlechter als die fürs Einkaufen. Mit zwei Klicks kann ich einen riesigen Hometrainer kaufen, aber wie werde ich ihn wieder los? Das ist oft anstrengend, es kostet Zeit, Geld, Nerven und Kraft. Dazu weiß die Protagonistin nicht genau, ob sie etwas wegwerfen darf, soll oder muss, weil ihr nicht klar ist, warum sie es überhaupt besitzt. Diese Wolke aus Fragezeichen hält sie in einer Gedankenschleife fest.
Das Cover deines Buchs zeigt einen Teddybären in einer Plastiktüte. So ein altes Kuscheltier, sollte man das behalten oder wegwerfen?
Mein Kuscheltier – Flat Eric – nehme ich mit ins Grab. Er ist eine Figur aus einem Werbespot. Der Musiker Mr Oizo hat ein ikonisches Lied dazu gemacht. Das war lange mein Lieblingslied, ein absoluter Megahit. Ich habe irgendwann das Kuscheltier dazu geschenkt bekommen.
Du hast es eben schon angesprochen: Kaufen geht leicht, ausmisten häufig schwer. Wie könnte man das ändern?
Wir konsumieren einfach zu viel, das ist die Grundlage des Problems. Aber ich fände niedrigschwellige, regelmäßige Angebote gut, zum Beispiel Nachbarschaftsmärkte. Man muss ja nicht immer gleich wegwerfen. Für mich persönlich ist es am Ende einfach wichtiger, weniger zu kaufen, damit ich gar nicht erst so viel Zeug besitze, das ich später wieder loswerden muss.
„Wir verlieben uns oft nicht in die Dinge selbst, sondern in ihr Potenzial. Der Dopaminausstoß kommt nicht, wenn das Päckchen eintrifft, sondern im Moment des Kaufabschlusses“
Neue Dinge enthalten auch das Versprechen, eine neue Version seiner selbst zu werden.
Genau, wir verlieben uns oft nicht in die Dinge selbst, sondern in ihr Potenzial. Der Dopaminausstoß kommt nicht, wenn das Päckchen eintrifft, sondern im Moment des Kaufabschlusses, wenn ich entscheide: Das werde ich jetzt. Dieses Sichverlieben in ein Potenzial kennt man auch aus romantischen Beziehungen. Das ist der Kern des Problems, weil man dabei die Realität verlässt.
Was würdest du sagen, woran erkennt man, dass man ein Konsumproblem hat?
Solange man Platz hat und finanziell nicht ins Schleudern gerät, ist es kein Problem. Der individuelle Leidensdruck ist ein guter Indikator. Ich hatte selbst eine Zeit, in der ich unnötig Zeug gekauft habe, einfach weil es Spaß gemacht hat. Gebraucht habe ich es nie. Da dachte ich: Vielleicht muss jetzt was anderes her – nicht die Persönlichkeit, die ich mir zusammenkaufe, sondern etwas Inneres, das mich stabilisiert.
In „Junk“ nennst du das „Konsumkarussell“. Wie kommt man dort raus?
Man kann nicht einfach ersatzlos mit einer Sache aufhören, man braucht immer etwas Besseres. Bei mir hat witzigerweise eine Sprache lernen viel von dem abgedeckt, was vorher Vintage-Shopping war. Wie bei Leuten, die aufhören wollen zu rauchen: Man braucht erst mal etwas anderes, etwas Besseres.
Wie kamst du darauf?
Ich habe mich gefragt, was mich als Kind begeistert hat. Damals hatte ich eine Hyperfixierung auf Fremdsprachen. Vielleicht ist das ein guter Punkt, um zu gucken: Wer war ich eigentlich, bevor ich zu dem wurde, was andere von mir erwartet haben? Jetzt lerne ich Japanisch, weil ich vor ein paar Jahren so viele Studio-Ghibli-Filme gesehen habe.
Ilona Hartmann, geboren 1990 in Backnang, veröffentlichte 2020 ihren Debütroman „Land in Sicht“, 2024 folgte „Klarkommen“. Ihr neuer Roman „Junk“ erzählt von einer Frau, der sieben Tage bis zu einer möglicherweise lebensverändernden Diagnose bleiben. Statt darüber nachzudenken, flüchtet sie sich in den Keller und wühlt sich durch Kisten voller Erinnerungen
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Fotos: Lenny Rothenberg