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In Nele Jongelings Comic „Ich will nicht arbeiten“ wird die Suche nach dem Traumjob zur absurden Reality-Gameshow
Mit der Arbeit ist es schon kompliziert. Das Gehalt soll stimmen und das Umfeld auch. Der Beruf nicht zum Burn-out führen, aber auch nicht langweilen. Auf manche Jobs bewerben sich Hunderte, andere will keiner machen. Und gleichzeitig wächst der Druck, immer mehr arbeiten zu müssen (Fachkräftemangel! Wirtschaftsstandort Deutschland!) oder es bald gar nicht mehr zu können (Industrieabbau! KI!).
Kein Wunder, dass viele Berufseinsteiger:innen gar nicht erst wissen, wie und wo sie anfangen sollen. So auch Edith Feder, die Hauptfigur von Nele Jongelings Comic „Ich will nicht arbeiten“. Studiert hat sie irgendwas mit Medien, seit ihrem Abschluss vor einem Jahr ist sie vergeblich auf Arbeitssuche. Doch schon beim Lesen der Anforderungen in den Bewerbungen wird ihr alles zu viel. Also entscheidet sie sich für eine radikale Form der Berufsberatung und wird Kandidatin bei der Reality-Gameshow „Projekt Traumjob“. Für zwei Wochen zieht Frau Feder, wie sie im Comic meistens genannt wird, in den festungshaften Bürobau des „Bundesamts für Beruf“ und muss diverse Aufgaben bestehen, um die perfekt auf sie zugeschnittene Stelle zu bekommen.
Aus fiktiven Behörden lassen sich gut absurd-komische Geschichten spinnen, und so ist es auch bei „Ich will nicht arbeiten“, das eine Mischung aus Mediensatire, Gesellschaftskritik und Therapiesitzung ist. Dabei bringen auch die anderen Gameshowkandidat:innen ihre Themen mit. Da ist Frau Yilmaz. Sie übernimmt fast die gesamte Betreuung ihrer kleinen Tochter und musste deswegen ihren Job als Bürokauffrau aufgeben. Dann Herr Bao. Seinen Job in einem Dekorationsgeschäft mochte er, seine toxische Chefin irgendwann nicht mehr. Oder Frau Wilke, die beruflich voll durchstarten will und dabei jede Menge positive Energie ausstrahlt, auch in ihren Posts im „Businet“, einer Mischung aus Instagram und LinkedIn. Doch wie sieht es hinter ihrer Fassade aus?
Im Bootcamp der beruflichen Neuorientierung manövrieren die Figuren sich durch Achtsamkeitsübungen, Einzelgespräche und bizarre Challenges. Einmal müssen sie Daten in einer Excel-Tabelle eintragen, werden dabei aber mit Bällen beworfen und müssen verlockende Handy-Notifications ignorieren. Ein anderes Mal müssen sie als Team unter Zeitdruck drei Gerichte kochen, denn „während einer vollen Arbeitswoche vergessen viele, gesund zu kochen – Meal-Prepping ist daher das A und O“, wie die Leiterin des Bundesamts für Beruf erklärt. Immer mit dabei ist auch Frau Dr. Freude, eine Mischung aus Moderatorin und beratender Psychologin, die beide Rollen maximal desinteressiert und schnippisch ausfüllt.
Und Frau Feder? Statt sinnvoller Ratschläge bekommt sie bloß einen Tageslichtwecker. Immer wieder motiviert sie sich selbst, immer wieder enttäuscht sie sich selbst. Und wenn der Druck zu groß ist, dann knickt sie buchstäblich ein, dann wird ihr ohnehin schon schlaksiger Körper noch länger, faltet und wickelt sich vor Scham und Versagensangst zusammen, als hätte er nicht einen Knochen in sich.
Surreale Momente wie diese gibt es immer wieder in Nele Jongelings Comic. Ansonsten sind ihre Zeichnungen schnörkellos und nicht übertrieben lieblich, auch die Räume sind nur spärlich möbliert, wobei für die obligatorische Büropflanze natürlich immer noch Platz ist. Bei der Auswahl der Bildausschnitte und -perspektiven ist Jongeling hingegen sehr abwechslungsreich: Totalen, Details und allerlei dazwischen machen das Bildgeschehen so dynamisch wie einen Kinofilm. Durch all das wird „Ich will nicht arbeiten“ zu einem lesenswerten Comic, das mit all seiner Absurdität sogar dabei helfen kann, manche Dynamiken in der heutigen Arbeitswelt etwas leichter zu nehmen und sich zwischen Sinnsuche, Struggle und Selbstdarstellung besser zurechtzufinden.
„Ich will nicht arbeiten“ von Nele Jongeling erscheint am 1. Mai im Reprodukt Verlag. Es hat 304 Seiten und kostet 29 Euro.
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