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„Wir sind nicht die Erziehungsberechtigten unseres Publikums“

Die zweite Staffel „How to Sell Drugs Online (Fast)“ startet – mit mehr weiblichen Rollen und weniger Drogen. Einer der Autoren erklärt, warum

How to Sell Drugs Online (Fast)

Wenn im Fernsehen die Lebenswelt junger Menschen dargestellt wird, kann das schnell peinlich werden: Pizza, Playstation, und in der Ecke lehnt zur Sicherheit noch ein Skateboard. Die Netflix-Serie „How to Sell Drugs Online (Fast)“ wurde im vergangenen Jahr für ihre Authentizität gelobt. Sie erzählt vom 17-jährigen Moritz, der anfängt, Drogen im Darknet zu verkaufen, um seine Ex-Freundin Lisa zurückzugewinnen. Inspiriert ist die Serie von der wahren Geschichte von Maximilian S., der aus seinem Kinderzimmer einen Onlineshop für Drogen aufbaute. Am 21. Juli startet die zweite Staffel auf Netflix.

fluter.de: In der zweiten Staffel von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ sieht man deutlich weniger Drogenkonsum als in der ersten. Habt ihr das bewusst zurückgenommen?

Stefan Titze: Es war einfach nicht mehr so ein zentraler Punkt. In der ersten Staffel war es noch wichtiger, diesen Konsumentenkosmos zu zeigen. Aber generell geht es in der Serie ja nicht in erster Linie um Drogen. Wir wollten Moritz’ Geschichte erzählen, wie er langsam immer mehr aus egoistischen und kapitalistischen Gründen handelt als aus freundschaftlichen oder moralischen.

Aber es geht ja schon um den Onlineshop für Drogen, den Moritz aufbaut, und die erste Staffel hat durchaus suggeriert, dass Drogen heute zum Jungsein dazugehören. Es gab sogar die Kritik, eure Serie würde Drogen verherrlichen. Würdest du rückblickend etwas anders machen?

Ich finde nicht, dass unsere Serie Drogen verherrlicht. Ich finde es aber auch nicht sinnvoll, eine Serie mit erhobenem Zeigefinger zu schreiben. Dafür ist das Thema zu komplex. In der Serie gibt es viele Storylines und Charaktere mit unterschiedlichen Blickwinkeln. Ich bin sicher, dass diese clevere, reflektierte Generation, die ja auch für die richtigen Dinge auf die Straße geht, ihre eigenen Schlüsse ziehen kann. Darum würden wir die Serie wieder so machen. Ich glaube nicht, dass wir die Erziehungsberechtigten unseres Publikums sind.

Die zweite Staffel von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ läuft seit 21. Juli auf Netflix

Ging es dir trotzdem darum aufzuklären?

Auf jeden Fall. Ich selbst zum Beispiel wusste vor der Serie nichts über Ecstasy. Alle sprechen über Alkohol, machen ihre Erfahrung damit. Niemand spricht über andere Drogen. Dabei hat ja auch Alkohol ganz furchtbare Nebenwirkungen. Wir im Autorenteam hatten alle keine Drogenerfahrungen. Deswegen gab es in der ersten Staffel diese großen Erklärsequenzen, zum Beispiel mit Ulrike Folkerts als Schwimmlehrerin, die die Wirkung von MDMA erklärt. Auf diese Weise konnten wir unterhaltsam alles über die Droge erzählen, ohne in der Story zu „erklärig“ zu werden.

Wenn Fernsehsender versuchen, junge Lebenswelten abzubilden, kann das oft peinlich wirken. Musstest du mit deinen 25 Jahren viel recherchieren?

Wir mussten eine Menge recherchieren! Ich weiß gar nicht, wie sehr mir mein Alter geholfen hat, außer dass für mich digitale Kommunikation immer genauso wichtig war wie ein analoges Gespräch. Die sind in unserer Serie ja auch quasi gleichwertig. Ansonsten habe ich mich aber wie ein alter Onkel gefühlt, der cool bleiben will und der Jugend hinterherläuft, aber nicht mehr genau versteht, worüber die gerade redet. Versteht jemand TikTok? Ich nicht.

„In der ersten Staffel waren wir am Ende nicht zufrieden damit, dass Frauen häufig love interests waren oder über Jungs redeten“

Akkurat recherchiert habt ihr auch die technischen Details, die man braucht, um einen Drogen-Onlineshop zu programmieren oder das Handy der Freundin zu hacken.

Aus meiner Fernseherfahrung kenne ich Hacker immer als kapuzen- und brillentragende Gestalten, die im Keller sitzen, und vor ihnen öffnet sich dann die Matrix. Wenn man gehackt wird, dann – normalerweise – nicht mit einem Gerät, das jemand ansteckt und mit dem er dann das Passwort knackt wie in einem Tom-Cruise-Film. Der Grund ist meistens, dass man auf eine Spam- oder Drohmail reagiert hat. Cyber Security ist ein total wichtiges Thema, das im Fernsehen oder im Kino nur selten realistisch beleuchtet wird. So faul wollen wir nicht sein. Alles, was wir erzählen, gibt es so, auch Lennys selbst programmierte App, die regelmäßig ein Keepalive-Signal an einen Server schickt. Wenn das abbricht, löscht sich der Server selbst.

In der ersten Staffel waren die Mädchen vor allem love interests, also Objekte der Begierde der Jungs. In der zweiten habt ihr die Hackerin Kira eingeführt. Habt ihr damit auch auf Kritik reagiert?

Das war vor allem unser eigener Wunsch. In der ersten Staffel waren wir am Ende auch nicht zufrieden damit, dass Frauen häufig love interests waren oder über Jungs redeten. Wobei es ja da auch schon komplexere Probleme gab: Lisa zum Beispiel kommt aus dem Ausland zurück und versucht, wieder den Anschluss zu finden, unabhängig von Jungs.

Wie ist Kira, die Neue, so?

Sie ist weniger behütet aufgewachsen als die anderen Protagonisten, sie ist unabhängig, energetisch, laut, bunt. Ich mag zum Beispiel die Szene, in der sie einen Geschäftsmann über seine Laptop-Kamera beim Masturbieren filmt und ihn damit erpresst – übrigens sehr authentisches Hacking. Niemals im Hotel-Wi-Fi Pornos gucken! In ihrer Figur liegt eine große Sprengkraft. Es ist toll, wie sie natürlich auch durch Lena Urzendowsky zu einer Figur wurde, die Genderklischees aufbricht. Es ist toll, wie sie keinen Vorstellungen entsprechen will. Sie ist so bei sich. Das finde ich inspirierend. Und hoffentlich ist es das auch für unsere jungen Zuschauer.

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stefan titze (Foto: Max Sonnenschein)
(Foto: Max Sonnenschein)

In der Schule schrieb Stefan Titze, 25, Glossen für die „Westfälische Rundschau“. Direkt nach dem Abitur, neben dem Journalismus-Studium, arbeitete er als Autor für Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ und die Sketch-Comedyshow „Gute Arbeit Originals“. Für die erste Staffel der Netflix-Serie „How to Sell Drugs Online (Fast)“, die er mitkonzipiert und -geschrieben hat, wird er im August mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Außerdem moderiert er mit seinem Kollegen Florentin Will den Comedy-Podcast „Das Podcast Ufo“.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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