Scene aus The Substance in der eine nackte Frau mit offenem Rücken auf dem Boden eines weiss gekachelten Badezimmers liegt

Gruselige Zeiten

Horrorfilme sind so beliebt wie nie. In einer Zeit der Krisen und Kriege dienen sie als Brennglas für gesellschaftliche Ängste, Ungleichheiten und kollektive Traumata. War das schon immer so?

Von Steven Meyer
Thema: Kultur
12. September 2025

Eine junge Frau tritt in ein dunkles Zimmer und beugt sich über einen leblosen Körper am Boden – ein Körper, der eine ältere Version ihrer selbst ist. Sie reißt der Älteren ein Pflaster vom Rücken und rammt eine Spritze in die Wunde. Die Flüssigkeit, die sie mit der Spritze entnimmt, ist ein Verjüngungselixier. Es soll ihren Körper retten, der zu zerfallen droht. 

Mit Szenen wie diesen im Bodyhorror-Film „The Substance“ sendet Regisseurin Coralie Fargeat eine unmissverständliche Botschaft: Frauen zerstören buchstäblich ihren Körper, um gesellschaftlichen Schönheitsidealen zu entsprechen. Der Horror liegt nicht nur im Blut oder in der klaffenden Haut, sondern in der Gewalt gegen sich selbst.

„The Substance“, der rund das Vierfache seiner Produktionskosten einnahm und 2025 für fünf Oscars nominiert war, reiht sich zu Filmen wie „Get Out“ oder„Hereditary“, die in den vergangenen Jahren kommerziell erfolgreich waren und gleichzeitig komplexe gesellschaftspolitische Themen behandelten. Statt dass Mörder mit Maske die Figuren bedrohen wie in „Halloween“, lauert das Grauen in strukturellen Problemen. 

Das Horrorgenre, lange als anspruchslose Nischenunterhaltung belächelt, ist auf großen Festivals wie Cannes oder Sundance angekommen – und so relevant wie nie. Oder war das schon immer so?

Scene aus Get Out in der ein Mann erschrocken in die Kamera schaut wären ihm Tränen aus den Augen laufen

Mit „Get Out“ lenkte Jordan Peele 2017 den Blick des Publikums auf Alltagsrassismus in der USA 

Foto: © Universal Pictures - IMAGO / Cinema Publishers Collection

„Dass sich Filme mit Urängsten auseinandersetzen, ist nicht neu“, sagt Marcus Stiglegger. Der Film- und Kulturwissenschaftler hat Tausende Gruselfilme gesehen und lehrt Filmwissenschaft an verschiedenen Hochschulen. Zwar reagieren viele Menschen körperlich auf Horrorbilder und können sie kaum ertragen. „Aber wenn man die Symbolik versteht und Zugang zur filmischen Sprache hat, kann Horror unglaublich produktiv sein.“ Die Filme könnten also einen politischen Diskurs befördern.

Finanziell gelohnt hätten sich Horrorfilme für Studios zwar schon immer. Lange habe das Genre aber als minderwertig gegolten – billig produziert, sensationsheischend, nichts für ein intellektuell anspruchsvolles Publikum. Dabei diskutieren Kenner:innen schon lange das Politische im Horrorfilm, allein zum Zombiegenre gibt es immer wieder wissenschaftliche Arbeiten. In den vergangenen Jahren scheint es, als habe Horror auch in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung gewonnen. Auch weil die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur immer weiter verschwimmen, wie Stiglegger betont.

„Horrorfilme haben immer einen direkten Bezug zu der Zeit, in der sie gedreht wurden“

Neuere Horrorfilme wie „Get Out“, „Blood & Sinners“ oder „The Substance“ setzen sich mit Körperpolitik, Rassismus, Klassenkonflikten und Identitätsfragen auseinander und werden von der Branche häufig als „Elevated Horror“ bezeichnet. Das Label suggeriert, dass sie weniger auf Schockelemente setzen, sondern einen vermeintlich höheren Kunstanspruch haben. So soll ein breiteres Publikum angesprochen werden. 

Dabei lassen sich selbst Klassiker wie „Dracula“ politisch lesen, so Stiglegger. Ein Vampir aus dem Osten, der in die Ordnung des westlich zivilisierten Europas eindringt – „Dracula“ stehe sinnbildlich für die Angst vor dem Anderen. „Horror eignet sich besonders gut dafür, weil das Genre gesellschaftliche Probleme in bildhaften Motiven übersteigern kann“, sagt Stiglegger.

Scene aus Rosemary´s Baby in der eine Frau mit einem Messer an einen Kinderwagen steht

Schwangerschaft als Albtraum: Mia Farrow in „Rosemary’s Baby“ 1968

Foto: © Mary Evans Archive - IMAGO/Landmark Media

Dabei können Horrorfilme gesellschaftliche Missstände sichtbar machen oder umgekehrt auch Vorurteile zementieren. Der Grundstein antisemitischer Erzählmuster war laut Stiglegger bereits in frühen Filmnarrativen angelegt. Vampir-Figuren wie Dracula oder Nosferatu seien zum Teil antisemitisch konnotiert gewesen und hätten später den Nationalsozialisten als Projektionsfläche für ihre Propaganda gedient. In den 1960er-Jahren wurde das Genre Horror weiterentwickelt und immer vielschichtiger. Ein Meilenstein: „Rosemary’s Baby“ von 1968. Eine Frau, deren Körper gegen ihren Willen zur Gebärmutter für das Kind des Teufels gemacht wird: Regisseur Roman Polański erzählt darin von Kontrollverlust, Ohnmacht und Schwangerschaft als Albtraum. „Der Film war ein Wendepunkt“, sagt Stiglegger. 

Filme sind immer ein Spiegel ihrer Zeit und ihrer Krisen. Horrorfilme wie „Saw“ oder „Hostel“, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entstanden, drehten sich explizit um das Thema Folter. Eine Interpretation ist, dass sie auf die Kriege in Irak und Afghanistan reagierten, auf die Bilder aus Foltergefängnissen wie Abu Ghraib, die damals um die Welt gingen. Als Eli Roth, Regisseur von „Hostel“, in einem „Guardian“-Interview aus dem Jahr 2013 zu dem Einfluss von Berichten aus amerikanischen Foltergefängnissen befragt wurde, antwortete er: „Horrorfilme haben immer einen direkten Bezug zu der Zeit, in der sie gedreht wurden. Die Filme, die beim Publikum einen Nerv treffen, spiegeln häufig etwas wider, das jede Person bewusst oder unbewusst fühlt.“

„Das Genre ist ein Medium der Konfrontation“, sagt auch Stiglegger. Und in einer Welt voller realer Krisen, Umbrüche und Traumata bietet das Genre nicht nur die Möglichkeit zum Eskapismus. Es erlaubt auch, sich in einer kontrollierten Umgebung drastisch und oft befreiend mit dem realen Horror unserer Zeit auseinanderzusetzen. Und vielleicht liegt genau darin die Stärke: Horror fordert uns auf, hinzusehen – gerade dann, wenn wir vor Schreck wegschauen wollen.

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Titelbild: © Mubi / Metropolitan Filmexport - IMAGO/Landmark Media