Stumme graue Riesen
Bis heute stehen zahlreiche Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg in deutschen Städten. Sie erinnern daran, dass Frieden nicht selbstverständlich ist. Der Fotograf Niklas Grapatin hat sie sich genauer angeschaut
Grau ist der Himmel auf Niklas Grapatins Fotografien. Grau sind auch viele der Gebäude, die auf den Bildern im Mittelpunkt stehen. Einladend sehen die meisten nicht aus, und tatsächlich waren sie ja schon in ihrem Ursprung keine Orte, in die irgendjemand gern gegangen ist.
Es handelt sich um sogenannte Hochbunker, entstanden sind die meisten in den Jahren ab 1940, während des Zweiten Weltkriegs. Der von den Nazis entfachte Krieg traf nun auch die eigene Bevölkerung. Damals gab es unzählige Räume, unterirdisch, oberirdisch, in die sich die Menschen retten konnten, wenn die Bomben der Alliierten, also der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion, auf deutsche Städte fielen. Gebaut wurden die Bunker häufig von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen.
Der vielleicht berühmteste Hochbunker steht in Hamburg-St. Pauli. Er wurde 1942 von Zwangsarbeitern errichtet und diente auch als Standort für Flugabwehrgeschütze. Offiziell hatte er 18.000 Plätze, real suchten bis zu 25.000 Menschen Schutz in ihm. Vor einigen Jahren wurde auf seinem Dach unter anderem ein mehrstöckiges Hotel sowie ein öffentlich zugänglicher Dachgarten als Touristenattraktion gebaut.
Ein Einmannbunker der Bauart Westermann in Braunschweig mit ein bis drei Schutzplätzen. Einmannbunker wurden für Arbeiter errichtet, die ihren Arbeitsplatz nicht verlassen konnten. Sie wurden auch für die Wachmannschaften der Arbeits-, Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager aufgestellt.
Viele der Hochbunker sind nach dem Ende des Krieges 1945 stehen geblieben. Weil sie einfach zu massiv waren, um sie wieder abzureißen, und eine Sprengung zu viele der Gebäude ringsum beschädigt hätte. Mit ihren dicken, fensterlosen Wänden konnten die Bunker aber auch nicht einfach in Wohngebäude umgewandelt werden. Dafür übernahmen sie mit der Zeit andere Funktionen: Vielfach wurden sie als Diskotheken oder Übungsräume von Musiker:innen genutzt, aber auch als Ort für die Champignonzucht oder gar als Kirche. Optisch blieben sie dennoch Fremdkörper im Stadtbild, die zugleich mahnend daran erinnerten, dass es in Deutschland nicht immer so friedlich war wie nach 1945.
Niklas Grapatin hat für seine Fotoserie zwischen März 2024 und März 2025 Hochbunker in ganz Deutschland besucht. Und auch sonst interessiert sich die Öffentlichkeit momentan wieder stärker für Bunker als noch vor ein paar Jahren. Das hat vor allem mit dem Ukrainekrieg zu tun.
783 Schutzplätze hatte dieser Bunker in Hannover aus dem Jahr 1941. Heute steht er leer. Die Turmkonstruktion dient nur zur Verschönerung des Bauwerks und hat keine Funktion.
Dieser relativ kleine Bunker steht in Herne im Ruhrgebiet. Der Halbmond und das Kreuz sind Teil eines Kunstprojektes aus dem Jahr 2007, das an die Geschichte der Arbeitsmigration im Ruhrgebiet erinnern soll.
Heute denken wir beim Anblick der Hochbunker vielleicht nicht mehr nur an einen über 80 Jahre vergangenen Krieg, sondern an das, was bevorstehen könnte. Wir stellen uns die Frage, wohin sich eigentlich heute die Stadtbevölkerung retten könnte, wenn Luftalarm herrschen würde. Denn in Sachen Schutzräume hat Deutschland wenig zu bieten: Laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gibt es aktuell nur noch 579 solcher öffentlichen Einrichtungen, die Platz für knapp eine halbe Million Menschen bieten würden – aber keiner dieser Orte ist einsatzbereit.
Kein Vergleich etwa mit Finnland, wo es allein in der Hauptstadt Helsinki mehr als 900.000 Bunkerplätze gibt, das sind mehr, als die Stadt Einwohner:innen hat. Kein Wunder daher, dass sich immer mehr Personen in Deutschland eigene Privatbunker bauen lassen.
Dieser Bunker wurde 1943 in Sande in Friesland errichtet und hatte einst 600 Schutzplätze für Bahnreisende. Die britische Militärverwaltung versuchte 1947 vergeblich, ihn zu sprengen – dadurch erhielt er eine Schieflage von 18 Grad. Seit 1983 ist er im Besitz des Deutschen Alpenvereins und zur Kletteranlage umfunktioniert.
Manche der Bunkerbauten sind als normale Gebäude getarnt, um bei Angriffen weniger aus dem Stadtbild zu stechen. Dieser Hochbunker in Köln sollte einer Scheune ähneln und hatte 1.755 Schutzplätze. Später diente er als Notunterkunft für wohnungslose Familien, Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer, als Tanzlokal und als Trainingssaal für einen Kunstradsportverein.
Die alten Bunkeranlagen wiederzubeleben und aus Boulderhallen und Eventlocations wieder Schutzräume zu machen, ist übrigens keine Option. Heutigen Bomben und Raketen würden die Wände kaum standhalten. So bleiben die deutschen Hochbunker, was sie schon die vergangenen acht Jahrzehnte waren: stumme graue Riesen, deren Anblick uns irritiert, die aber, wie Niklas Grapatins Fotografien zeigen, auch ganz schön ästhetisch sein können.
Dieser Bunker in Hannover wurde 1941 erbaut. 1959 erhielt er einen Wasserbehälter als Aufsatz und fungierte als Wasserturm. Seit Ende der 1980er-Jahre wird er als Übungsraum von Musiker:innen genutzt.
Dieser heute zugewucherte Hochbunker in Neuss in Nordrhein-Westfalen wurde 1941 errichtet. Im Krieg hatte er 736 Schutzplätze.
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