Helya Fathi, deutsche Meisterin im Powerlifting, im Nationaltrikot, rechts beim Kreuzheben mit Langhantel

Die stärkste Bank Deutschlands

Helya Fathi hatte als Jugendliche mit Essstörungen zu kämpfen. Heute ist sie deutsche Meisterin im Powerlifting – ein Sport, in dem sie nicht nach Aussehen, sondern Kraft bewertet wird

Text: Lena Fiedler und Fotos: Hakki Topcu
Thema: Sport
22. September 2026

Helya Fathi ist eine Person, die ungern bremst. Ein Bein auf dem E-Roller, das andere in der Luft, rast sie am Rhein entlang, links, rechts vorbei an Familien, Touristinnen und Spaziergängern. Helya trägt ein knallgelbes Shirt mit Billie Eilish, dazu Sportshorts und Socken in Crocs. Ein Autofahrer zeigt ihr einen Vogel, als er auf die Bremse treten muss.

Helya, 21, ist Powerlifterin, und es scheint, als würde ihr Training schon auf dem Weg ins Studio beginnen: Platz da, jetzt komme ich.

Beim Powerlifting geht es darum, in drei Disziplinen möglichst viel Gewicht zu bewegen: Kniebeuge – gehoben wird aus den Knien, das Gewicht auf den Schultern. Bankdrücken – hier liegt die Sportlerin mit dem Rücken auf einer Bank. Und Kreuzheben – ein Gewicht wird stehend vom Boden angehoben. Vom olympischen Gewichtheben unterscheidet sich der Sport vor allem in der Technik und Ausführung der Disziplinen. Beim Powerlifting liegt das gehobene Maximalgewicht außerdem deutlich höher.

Es ist Anfang August. In drei Wochen will Helya bei den Weltmeisterschaften der Juniorinnen in Südafrika antreten.

Frau mit Sonnenbrille und gelbem T-Shirt fährt auf einem E-Scooter über einen gepflasterten Platz vor einem roten LKW

Helya auf dem Weg ins Kölner Fitnessstudio

Frau mit Kopfhörern und Gewichthebergürtel greift eine Langhantel in einem Raum mit Backsteinwand

Doch ihr Ziel ist weiter weg: die WM in Südafrika

Ihr Studio liegt in einem Kölner Industriegebiet im Keller. Im Eingangsbereich ein Kühlschrank voller Softdrinks. Helya nimmt sich einen Energydrink und macht einen Strich auf einer Liste hinter ihrem Namen. „Koffein ist wichtig“, sagt sie und lacht. „Wirklich!“ Auf ihrem Handy hat sie als Screensaver eine Liste mit allen Regeln, die ihr zum Sieg verhelfen sollen. Manche davon findet Helya nicht wirklich umsetzbar. „Vier Liter Wasser? Bisschen delulu.“ Auf der Trainingsfläche plankt eine Frau mit einer zehn Kilogramm schweren Gewichtsscheibe auf dem Rücken. „Hier trainieren viele starke Leute, das Niveau ist geil“, kommentiert Helya.

Powerlifting ist ein vergleichsweise junger Sport. In den USA entwickelte er sich in den 1950er- und 60er-Jahren in der Kraftsport- und Gewichtheberszene. Anders als beim Bodybuilding geht es nicht darum, einen bestimmten Körper zu formen, sondern möglichst viel Gewicht zu bewegen. Für eine Zeit, in der Körper – vor allem von Frauen – im Alltag und in sozialen Netzwerken danach bewertet werden, wie sie aussehen, kann das wie eine Befreiung wirken: Der Körper ist hier vor allem Werkzeug.

Während der Wettkampfvorbereitung, dem sogenannten Peaking, absolviert Helya schwere Einzelversuche, sogenannte Singles. Heute steht das Bankdrücken im Mittelpunkt, ihre liebste Disziplin, in der sie auch am besten ist. Helya zeigt ihr Training auch auf TikTok, ihre Videos beginnt sie häufig mit demselben Intro: „Hi, ich bin Helya, und ich hab die stärkste Bank Deutschlands.“ Regelmäßig kommentieren Männer unter ihren Videos und reden ihre Erfolge klein. Helya schert das nicht. Sie hebt lieber. Gleich wird sie versuchen, 130 Kilogramm auf der Bank zu drücken – ihr Trainingsziel für diesen Tag.

Nach dem Aufwärmen dreht Helya langsam einige Runden um das Gerät. Auf den Kopfhörern ihr Song. „The winner takes it all“ von Abba. Davon hat sie seit Tagen einen Ohrwurm. „Gib Gas, das kannst du“, spricht sie sich gut zu.

Person mit Gewichthebergürtel beim Kraftdreikampf-Training, konkret beim Bankdrücken mit Langhantel und roten Gewichtsscheiben

„Ich wusste ganz genau, meine Mama würde das nicht cool finden, dass ich muskulös bin“, erinnert sich Helya an früher. Doch heute gehören ihre Mutter und ihre Schwester zu Helyas größten Unterstützerinnen

Auch wenn das Powerliften Helya begeistert, ist der Sport emotional extrem herausfordernd. Der Leistungsdruck ist hoch. Wenn sie bei einem Wettkampf gewinnt, ist sie euphorisiert. Wenn sie schlecht abschneidet, wird es für sie zum mentalen Kampf.

Aufgewachsen ist Helya in Oldenburg mit ihren Eltern und ihrer Schwester. Ihr Vater sei gewalttätig gewesen. „Meine ganze Kindheit lang habe ich diese Angst mit mir herumgetragen, dass meiner Mom etwas passiert.“ Als ihr Vater die Familie verlässt, zieht ihre Mutter sie alleine auf. Schon als kleines Kind will Helya Sportlerin werden. „Mit sieben Jahren habe ich die Olympiaringe über mein Bett gehängt“, erinnert sie sich. Im selben Jahr macht sie ihre erste Diät. „Ich wollte auf jeden Fall Weltmeisterin werden.“ Sie fängt an zu turnen, gibt alles, will auffallen, um in die Leistungsgruppe aufgenommen zu werden. Doch es reicht nicht.

Als sie etwa 13 oder 14 Jahre alt ist, beginnen die Kommentare. „Meine Trainerin hat Sachen gesagt wie: „Ich wünschte, ich könnte was von deinem Bauchfett an meinen Armen haben“, erinnert sich Helya. Zu Hause und in der Schule hört sie Ähnliches. „Meine Mom meinte, dass dünn gut ist.“ Helya hört auf zu essen. Mit 15 Jahren, erzählt sie, setzten ihr Anorexie und dann Bulimie so sehr zu, dass sie Schwierigkeiten hatte, Treppen zu gehen. Das sei der Wendepunkt gewesen. Helya wird in eine Klinik eingewiesen. Dort sieht sie, wie viele Leben durch Essstörungen bestimmt werden. Das will Helya nicht. Der Traum, irgendwann doch noch Leistungssportlerin zu werden, trägt sie durch die Zeit. Für diesen Traum muss sie essen. Profiturnerinnen wie Simone Biles oder Gabby Douglas bestärken sie auf ihrem Weg, denn auch sie mussten herausfordernde Situationen verarbeiten – etwa die Erfahrung sexuellen Missbrauchs.

Wieder zu Hause, will Helya stark werden, starke Beine, breite Schultern. Im Gym stellt sie fest, dass sie gut darin ist. Richtig gut. „Bankdrücken war voll mein Ding.“ Nach drei Monaten drückt sie schon 70 Kilogramm. Sie realisiert: Diese Leistung geht nicht ohne Nahrung. Und ihr wird klar: Die sportlichsten Frauen sind nicht zwangsläufig dünn. Helyas Familie ist am Anfang skeptisch. „Ich wusste ganz genau, meine Mama würde das nicht cool finden, dass ich muskulös bin.“ Einmal bringt ihre Mutter Helya zum Arzt, als sie Schmerzen hat, in der Hoffnung, der würde ihre Tochter vom Gewichtheben abbringen. Doch dem ist nicht so. Mittlerweile sind Helyas Mutter und Schwester eine große Stütze. „Ohne meine Mutter und Schwester wäre ich heute nicht da, wo ich bin“, sagt Helya. Ihre Mutter begleite sie auch zum Wettkampf in Südafrika. Für die Meisterschaft haben Mutter und Schwester Glückwünsche in einem Buch festgehalten.

Frau in Sportkleidung hält ein Smartphone in der Hand und lächelt

Ihre erste Diät machte Helya mit sieben, als Teenagerin hatte sie eine Essstörung

Person mit Kopfhörern und Kraftsportgürtel in Sportkleidung mit Deutschlandwappen, unscharf durch eine kreisförmige Öffnung fotografiert

Heute weiß sie: Leistung geht nur mit genug Energie. Auf ihre Ernährung achtet sie als Sportlerin dennoch

Im Kölner Studio legt sich Helya nun auf die Bank, streckt die Brust weit Richtung Hantel. Je größer das Hohlkreuz, desto kürzer wird der Weg, den die Hantel zurücklegen muss. Sie scharrt mit den Füßen auf dem Boden, sucht den perfekten Halt. Korrigiert noch mal die Hände an der Stange. Dann löst sie die Hantel aus der Halterung. Bewegt sie kontrolliert zur Brust, stemmt sie in einer Bewegung nach oben, hält kurz und führt sie dann in die Halterung zurück. Der erste Satz mit 50 Kilogramm ist geschafft. Im zweiten stemmt sie 70, im dritten 90 Kilogramm. Dann kommen die 130 Kilogramm. Sie presst die Lippen aufeinander, die Arme zittern. Und: Sie schafft es.

Nach dem Training hat Helya Hunger. Ihre Reserven müssen schnell wieder aufgefüllt werden. Zum Abendessen isst sie asiatische Bandnudeln mit Rindfleisch. Heute habe sie keine Essstörung mehr. Durch den Leistungssport muss sie trotzdem sehr genau darauf achten, wie viele Kalorien sie zu sich nimmt. Das Risiko, sich und ihren Körper zu überfordern, zu viel Kontrolle auszuüben, besteht nach wie vor. Aber mittlerweile kann Helya sich besser einschätzen, und sie hat Menschen, die sie dabei unterstützen.

Einige Wochen später, Ende August in Südafrika. Heute ist Helyas Wettkampf, für den sie so intensiv trainiert hat. Ihre Mutter ist da und feuert sie an. Verfolgen kann man die Weltmeisterschaften in einem Livestream: Helya trägt das Trikot Deutschlands, darüber einen neuen Gürtel. In einem der Clips auf Instagram sieht man sie kurz vor ihrem Auftritt. Musik auf den Ohren. Sie scheint hyperfokussiert. Und sie behält recht, Helya drückt die stärkste Bank: In ihrer Lieblingsdisziplin gewinnt sie die Goldmedaille in der Kategorie „Raw“, das heißt ohne Hilfsmittel. In der Gesamtwertung, also alle drei Disziplinen zusammengerechnet, erreicht sie Silber und wird damit zum zweiten Mal Vizeweltmeisterin. Auf Instagram postet sie Bilder von der Siegerehrung. Helya auf dem Treppchen. Die Caption: The winner takes it all.

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