Collage aus Stadionfotos

Menschen, die auf Spiele starren

Groundhopperinnen wie Wiebke wollen so viele Spiele und Stadien wie möglich besuchen, vom Kreisligakick im Ammerland bis zum Derby in Jordanien

Text: Andreas Bock und Fotos: Wiebke Roprecht
Thema: Sport
17. Juni 2026

Neulich war sie wieder unterwegs. Guatemala und El Salvador, fünf Spiele in elf Tagen. Viele hatten sie vorher gewarnt, vor allem Männer. „Oje“, sagten sie, oder „Oha“, es sei schließlich sehr gefährlich in der Region. Für sie als Frau und dann noch mit all ihren Tattoos. Mitglieder der mittelamerikanischen Gang „Mara Salvatrucha“, unter denen Tätowierungen ein Erkennungszeichen sind, könnten sich provoziert fühlen. Aber Wiebke dachte nur, macht euch mal keine Sorgen. Früher oder später wäre sie sowieso dorthin gereist, denn „wer die Welt verstehen will“, sagt sie, „muss die Welt sehen“.

An einem sonnigen Apriltag sitzt Wiebke Roprecht, 41, in ihrem Haus im beschaulichen Wilhelmshaven, wo sie mit ihrer Familie lebt. Später muss sie noch rüber ins Büro, sie arbeitet für einen Wohlfahrtsverband. Jetzt geht’s aber um ihr Hobby: Fußball und Reisen, Wiebke ist Groundhopperin. Sie sammelt Stadien wie andere Sneaker oder Konzerte von Taylor Swift.

Das klingt nerdig, und das war es lange auch. Früher galten Groundhopper als einsame Typen, die nicht viel sagten und mit ihren Digitalkameras um Tribünen schlichen. Männer, die auf Spiele starren. Aber Groundhopping ist cool geworden, sehr sogar.

Bayern oder Paris? Kann ja jeder! Aber kannst du auch tschechische dritte Liga am Dienstagabend?

Auf Instagram posten Menschen Fotos von grasbewachsenen Steintribünen und windschiefen Tickethäuschen, als hätten sie Atlantis gefunden. Es gibt Podcasts, Blogs, Bücher, Filme. Bayern oder Paris? Kann ja jeder! Aber kannst du auch tschechische dritte Liga am Dienstagabend? Ein Stadion in El Salvador, das aussieht, als hätte es jemand aus einer vergilbten Postkarte aus den 1980er-Jahren geschnitten?

„Groundhopping ist populärer und auch ein bisschen diverser geworden“, sagt Wiebke, „aber Frauen sind immer noch unterrepräsentiert.“ Sie möchte das ändern, postet deshalb viel auf Instagram und spricht mit Medien über ihr Hobby.

Die 41-Jährige kommt aus Nordhessen und kennt sich gut aus mit Männerdomänen, in ihrer Jugend spielte Wiebke Eishockey. Dann verliebte sie sich in Werder Bremen. Aber irgendwann reichte Wiebke das Weserstadion nicht mehr. Sie wollte mehr sehen als die immer gleichen deutschen Fankurven und Stadien, die so makellos gebaut und sauber waren, dass die Stadionbesuche das Überraschende verloren. „Ich finde Perfektion eher angsteinflößend, nicht nur im Fußball, sondern generell“, sagt Wiebke. „Es ist doch so: An Sachen, die ohne Fehler sind, erinnern wir uns später kaum noch. Ich mag Dinge, die nicht vollkommen sind und trotzdem wunderschön.“

In Buenos Aires staunte Wiebke über das Stadion von CA Huracán mit seiner Architektur aus weißem Beton. Von den Tribünen des Sarpugerði-Stadion auf den Färöern blickte sie auf den Atlantik. Sie erstieg schwindelfrei die ultrasteilen Stufen des Mestalla in Valencia und verursachte einen Aufruhr, als sie mit ihrer Mutter ein Stadion in Jordanien betrat.

Frauen beim Fußball lösen bei vielen Männern immer noch Störgefühle aus, nicht nur in arabischen Ländern. Auch in Deutschland macht Wiebke unschöne Erfahrungen. Auf Dorfplätzen stand sie vor Ticketschaltern, an denen stand: „Erwachsene 4 Euro, Rentner 2 Euro, Damen 2 Euro“. Sie hörte Sprüche wie „Dich nehm ich gleich mit nach Hause!“, und nach einem Interview, das sie einer Zeitung gab, erhielt sie Drohnachrichten. Eine Frau, tätowiert bis zum Hals, früher Dreadlocks, sichtbar eher Hippie als Hooligan, passt für viele immer noch nicht ins Bild.

Ein Mann aus der Pfalz hat in allen Ländern der Welt ein Spiel gesehen. Wiebke auch schon in 70

Groundhopping entstand in England. Ende der 1970er-Jahre gründete sich der 92 Club. Um Mitglied zu werden, musste man Spiele in allen 92 Stadien der vier englischen Profiligen besucht haben. Ab 1990 schwappte diese Reiselust nach Deutschland. Viele Fans waren zur WM in Italien zum ersten Mal auf Stadientour im Ausland. Sie staunten über die riesigen Wendeltreppen des Artemio Franchi in Florenz und das mächtige San Siro in Mailand. Sie sahen, dass der Fußball ganz anders aussah, wilder und unregulierter. Kaum ein deutscher Fan hatte vor der WM 1990 bengalische Feuer oder Choreografien beim Fußball gesehen. Also machten sie sich auf in die Welt, ein Buch immer im Rucksack: den „Groundhopping Informer“, ein globales Adressverzeichnis für Fußballreisende. Denn was wusste man vor dem Internet schon über die Anstoßzeiten der zweiten vietnamesischen Liga? Wer kannte den Weg zum Stadion in Mogadischu?

In den 2010er-Jahren holte die App Futbology das Nischenhobby in den Mainstream. Dort dokumentiert man jedes besuchte Spiel und Stadion, sammelt Ground-, Länder- und Ligenpunkte. Die Länderpunktewertung führt derzeit ein Mann aus der Pfalz an, er hat in jedem Land der Welt ein Spiel gesehen. Ein Superhopper aus Bayern ist Spitzenreiter der Spielestatistik mit unglaublichen 14.291 Partien.

Bei Wiebke geht der gesamte Jahresurlaub fürs Reisen drauf – und die Reisen sind vollgepackt mit Stadionbesuchen. Länderpunkte zählt sie auch, 70 hat sie bislang, aber eigentlich, sagt sie, gehe es ihr weniger um Bestenlisten und Superlative. Sie liebt das Entdecken, den Fahrtwind, das Unterwegssein an sich. Bald möchte Wiebke noch mal nach Argentinien und Ruanda. Aber zuerst kommt wohl Südafrika. Dort steht ein Heiliger Gral der Groundhopper. Das Odi Stadium, ein Wahnsinn aus Quadraten, Dreiecken und Stahlmasten. Ein Stadion, das aussieht, als hätte es ein Kind gemalt – und ein Architekt gesagt: Gute Idee. Aber erst mal geht’s gemütlich weiter. Am Abend findet in Edewecht, etwa eine Stunde von Wilhelmshaven, ein Kreisligaspiel statt. Naturrasen, Laufbahn, eine Tribüne mit drei Sitzreihen. Ein Traum.

Cover Fluter-Heft 99 Fußball, man sieht viele alte Trophäen in einem Glasschrank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Fußball“.
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