„Ich habe mich immer gegen diese Übermacht der Männer gestellt“
Lilo Seibel-Emmerling hat den Holocaust überlebt. 1966 ging sie in den Bayerischen Landtag, als damals eine von ganz wenigen Frauen, später dann ins EU-Parlament. Ein Gespräch über ihre Vorreiterinnenrolle, gleiche Löhne und den Politikbetrieb
fluter.de: Lilo Seibel-Emmerling, wir treffen uns über 80 Jahre nach Kriegsende. Wie hat das Jahr 1945 Ihr Leben verändert?
Lilo Seibel-Emmerling: Ich war 13 Jahre alt damals. Als Tochter eines Juden und einer nichtjüdischen Mutter hatte ich bis dahin nur Entrechtung und Misshandlung gekannt, ich lebte in ständiger Angst um meinen Vater, der immer wieder in KZs eingesperrt war. Mit dem Ende des Krieges wurde ich plötzlich zu jemandem, der Freiheit schnupperte.
Haben Sie die prägenden Ereignisse des Krieges oder die dann gewonnene Freiheit dazu bewogen, später in die Politik zu gehen?
Es waren zwei Dinge, die mich zur Politik brachten: Erstens ein Gespräch mit dem Vater meines ersten Mannes, der nicht wusste, dass ich jüdisch bin. Er erzählte von einem Flussbett in Polen voller Leichen. Ich fragte: Was waren das denn für Leichen? – Ach, nur Juden. Ich bin nie wieder in dieses Haus gegangen. Der zweite Weckruf war, als mein Sohn 1957 geboren wurde. Ich hatte meinen Vater nach dem Krieg immer angeklagt: Warum habt ihr das nicht kommen sehen? 1954 formierte sich eine Friedensbewegung, der ich mich zugehörig fühlte und fühle und die versuchte, die sich ankündigende Wiederbewaffnung Deutschlands zu verhindern. Die kam dann 1955 durch die Pariser Verträge, drei Jahre später, 1957, ging es schon um die Stationierung von Atomwaffen. Ich habe mich gefragt: Was wird dein Sohn zu dir sagen, wenn du nichts getan hast? 1959 bin ich deshalb in die SPD eingetreten.
Sie waren damals 27 Jahre alt. Weitere sieben Jahre später, 1966, zogen Sie als eine von nur sechs Frauen in den Bayerischen Landtag ein. Im Bundestag mit 518 Sitzen waren es 36 weibliche Abgeordnete.
Ich habe mich immer gegen diese Übermacht der Männer gestellt. Frauen war über Jahrhunderte beigebracht worden, brav zu sein und sich nur für Kinder, Küche, Kirche zu interessieren. Auch die konservativen weiblichen und männlichen Abgeordneten hatten zu dieser Zeit noch dieses Leitbild. Die Versuche, eine Zusammenarbeit der wenigen Frauen zu initiieren, schlugen fehl. Das gelang erst in späteren Wahlperioden.
Wie sah zu dieser Zeit der Alltag im Politikbetrieb für eine Frau aus?
Wir mussten das Dreifache von dem aufbringen, was die Männer gemacht haben, um überhaupt gehört und gesehen zu werden, und sei es von einem politischen Gegner. Vor allem unsere Bestrebungen, Veränderungen in der Arbeitswelt zu schaffen, stießen schon im Vorfeld auf massive Ablehnung, sodass wir teilweise Anträge zurückhielten, um sie für einen späteren Zeitpunkt noch frisch zu haben. Zu meiner Zeit mussten wir uns noch oft gegen Sitten und Gebräuche unserer männlichen Kollegen wehren, die etwa „Hinternklopfen“ als Zeichen der Anerkennung wählten und uns ständig versicherten, dass wir es doch gar nicht nötig hätten, „in Politik zu machen“. Meine Arbeit zum Aufbau einer Verbrauchervertretung wurde beispielsweise torpediert und als „weiblicher Kram“ zunächst lächerlich gemacht.
Heute sind nur 25 Prozent der Abgeordneten im Bayerischen Landtag Frauen, 32 Prozent sind es im Bundestag.
Allein daran, würde ich sagen, kann man Gleichstellung nicht messen. Für mich ist interessanter, wie viele Frauen in Aufsichtsräten oder in der Industrie an leitender Stelle sitzen. Da gibt es den noch größeren Mangel. Bei Positionen in den Parlamenten, in der Öffentlichkeit, ist es einfacher, durch Wahlen zu fordern: Macht was! Solche Entscheidungen werden in Unternehmen im Verborgenen getroffen, ohne Abstimmung.
„Wir haben sehr viel Herzblut in Europa reinfließen lassen. Jetzt zu sehen, wie viele Antieuropäer im Parlament sitzen, die ganzen rechten Parteien, das macht mich wütend“
Für Frauen steht tatsächlich immer noch die Frage im Raum: Wie machst du es mit den Kindern? Sehr selten wird ein Mann, der in einer hohen Position ist, gefragt: Warum bist du nicht zu Hause bei deinem Kind? Warum bist du hier im Aufsichtsrat oder im Parlament? Frauen scheiden freiwillig aus dem Beruf aus, um Elternzeit zu nehmen. Natürlich ist das notwendig, auch dafür haben wir ja gekämpft! Aber die Väter sollten es genauso machen. Und das sehe ich noch immer zu wenig.
Solange Männer immer noch besser bezahlt werden, bleibt dieses Problem bestehen. Das halte ich aber für Gesellschafts-, nicht für Frauenpolitik. Demokratie ist nur haltbar, wenn sich die Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger verantwortlich fühlt für das, was da läuft. Wir geraten in Gefahr, in der Geschlechterpolitik eine Rolle rückwärts zu drehen.
Welche Gesetze braucht es, um diese Gleichstellung wirklich umzusetzen, oder sind Sie gegen Gleichstellung durch Quoten?
Ohne die Quote wäre der noch lange nicht vollendete Weg zur im Grundgesetz garantierten Gleichstellung von Mann und Frau noch viel weiter vom Ziel entfernt. Nun liegt es nicht mehr so sehr an der Gesetzgebung, sondern an der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umsetzung. Leider lassen rechte Strömungen befürchten, dass mühsam Erreichtes gefährdet ist. Im Europäischen Parlament gab und gibt es einen Frauenausschuss, der sehr gute Arbeit nicht nur für die EU leistet, sondern auch Vorarbeit für andere Länder, die von Gleichheit noch sehr weit entfernt sind.
Lilo Seibel-Emmerling am 17. Juni 1984, dem Tag der Europawahl. Ihr gelang zum zweiten Mal der Einzug ins EU-Parlament
Sie waren fast 14 Jahre im Bayerischen Landtag, anschließend 10 weitere Jahre im Europaparlament. Wie schauen Sie heute auf Europa?
Ich war Expertin für Verbraucherpolitik, Obfrau für Umwelt und Volksgesundheit, später Vizepräsidentin im europäischen Kulturausschuss. Erasmus zum Beispiel ist etwas, das durch meine Hände gelaufen ist. Momentan schaue ich mit großer Verzweiflung auf das, was sich abspielt. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben und sehr viel Herzblut in Europa reinfließen lassen. Jetzt zu sehen, wie viele Antieuropäer im Parlament sitzen, die ganzen rechten Parteien, und dass die anderen so wenig dagegen tun können, das macht mich wütend.
Sie haben Enkel:innen und Urenkel:innen. Was versuchen Sie ihnen mitzugeben?
Für mich ist die Geschichte immer ein Leitfaden. Wenn man die Protokolle aus dem Reichstag von 1914 nachliest – keiner wollte diesen Krieg, und plötzlich war man mittendrin. Und ich habe so fürchterliche Angst, dass uns das wieder passiert. Das ist die Botschaft für mich: Passt auf, passt auf! Lasst euch nicht entzweien und ablenken! Und versucht, denen, die da mitlaufen und die ihr noch erreichen könnt, die Augen zu öffnen.
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