Zwei zerbrochene Tassen mit Herzmotiv und Silhouetten stehen auf einem rot-weiß karierten Tisch, daneben liegen mehrere Scherben. Im Hintergrund ein umgefallener Stuhl

„Ich hätte nie gedacht, dass es in lesbischen Beziehungen zu Gewalt kommen kann“

Gewalt in queeren Beziehungen bleibt oft unsichtbar. Aus Scham, weil sonst niemand darüber redet in der Community, oder aus Angst, Vorurteile zu bedienen. Hier erzählen drei Menschen davon – und wie sie es geschafft haben, sich zu trennen

Protokolle: Tia Morgen und Helena Weise
Thema: Identität
4. März 2026

!! Triggerwarnung: Dieser Text schildert explizit sexualisierte Gewalt !!

 

Liv

Ich war Anfang 20 und neu in der Stadt, hab zwischen Bachelor und Master gearbeitet. Wir kannten uns schon lose über Freund*innen und Partys. Ich war damals noch nicht so wirklich in der queeren Community, aber ich hatte Lust, diese mehr zu erkunden.

Meine Ex war acht Jahre älter, schon lange geoutet und sehr bekannt in der Szene. Sie war noch in einer Beziehung, als das zwischen uns anfing, ich konnte also mit niemandem darüber reden, weil wir denselben Freundeskreis hatten.

„Patriarchale Muster verschwinden ja nicht, nur weil zwei Frauen zusammen sind“

Sie ist ständig überall aufgetaucht, wo ich war, ohne Einladung. Ich habe das lange als Ausdruck ihrer intensiven Liebe verstanden, aber immer öfter hatten wir Streit deswegen. Sie wollte auch nicht, dass ich alleine an queere Orte gehe, nicht mal mit meiner besten Freundin. Bei einem Mann hätte ich das viel schneller als Kontrollverhalten erkannt. Aber patriarchale Muster verschwinden ja nicht, nur weil zwei Frauen zusammen sind. Besitzdenken, Eifersucht, die Idee, jemandem zu gehören – das haben wir alle gelernt.

Dann trennte sie sich für mich von ihrer Freundin, und ich hatte dauernd das Gefühl, ihr etwas zu schulden. Wir sind dann gemeinsam in eine andere Stadt gezogen. Ich hab in einer Galerie gearbeitet, sie kam ständig vorbei, hat mich angebrüllt, mit Gegenständen nach mir geworfen. Einmal hat meine Chefin sie rausgeworfen. Ich habe mich sehr geschämt. Zu Hause sind Teller, Tassen, Gläser geflogen, mein Haushalt war irgendwann halbiert. Sie war eifersüchtig, besonders auf Männer, obwohl ich nicht auf Männer stehe.

Meine Familie dachte, sie sei bloß eine gute Freundin. Das hat alles noch isolierender gemacht. Wenn du nicht offen leben kannst, kannst du auch nicht offen sagen, dass etwas nicht stimmt. Ich glaube, für viele queere Betroffene macht das Gewalterfahrungen in der Beziehung gefährlicher, weil wir uns unseren Familien oft nicht öffnen können – erst recht nicht, wenn sie homophob sind. Auch von meinen Freund*innen isolierte ich mich, weil ich keine Kraft für die Konflikte hatte, die mit jeder Verabredung verbunden waren. Meine Ex hat mit Suizid gedroht, hatte Panikattacken. Und hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich ihr nicht helfen konnte. Ich habe Soziale Arbeit studiert, und sie meinte: Du müsstest doch wissen, wie man mit mir umgeht. Ich hab mir die ganze Beziehung über Notizen auf meinem Handy gemacht, weil ich immer das Gefühl hatte: Du musst dir merken, wie absurd das ist. In einer Beratungsstelle war ich nie. Ich hätte gar nicht gewusst, an wen ich mich als lesbische Frau wenden kann.

Nach vier Jahren habe ich mich getrennt. Ich konnte einfach nicht mehr. Aber bis heute gibt es Momente, in denen ich denke: Vielleicht war es ein Fehler. Dieses ständige Idealisiert-Werden und Entwertet-Werden macht auch irgendwie süchtig. Und ich verstehe ja auch, warum sie sich so verhalten hat. Sie hat so viel Missbrauch in ihrer Kindheit erlebt, so viel Mobbing und Homophobie. Auch weil ich dafür so viel Verständnis hatte, bin ich am Ende wahrscheinlich so lange geblieben.

 

Konrad

Ich glaube, über Gewalt in queeren Beziehungen zu sprechen, ist ein Tabu, weil es wenige queere Schutzräume gibt. Viele wollen ausblenden, dass auch dort Gewalt vorkommt. Selbst in der queeren Community sprechen wir kaum darüber. Aber ich finde es wichtig klarzumachen, dass queeres Leben eben auch unterschiedliche Facetten hat.

Ich war Anfang 30, noch nicht lange als trans und nicht-binär geoutet und lebte in einer monogamen lesbischen Beziehung. Nach kurzer Zeit hatten wir gegenseitig die Schlüssel von unseren Wohnungen, waren ständig zusammen. Anfangs kam mir das sehr intensiv und vertraut vor.

„Ich habe schließlich den Kontakt abgebrochen, Chats gelöscht, Orte gemieden, an denen ich sie treffen könnte“

Früh gab es Situationen, die ich damals als Missverständnisse abtat: Sie wollte Sex als Beweis von Nähe. Wenn ich Zeit mit Freund*innen verbrachte oder arbeitete, warf sie mir vor, ich lehne sie ab. Rückblickend waren das schon große Red Flags. Damals fand ich es aber schmeichelhaft, dass jemand so viel Interesse an mir hatte. Und bei zwei queeren Personen, beide sich politisch reflektiert gebend – da denkt man nicht sofort an klassische Gewaltstrukturen.

Mit der Zeit wurde sie immer eifersüchtiger. Sie kontrollierte mein Handy, unterstellte mir, ich würde sie betrügen. Streitigkeiten eskalierten schneller. Zuerst hat sie sich selbst verletzt, getrunken, den Kopf gegen die Wand geschlagen. Ich war immer an allem schuld. Irgendwann kamen Sätze wie: Du bringst mich um. 

Und ich habe das geglaubt. Ich bin mit viel Gewalt aufgewachsen und kenne Gaslighting aus meiner Kindheit, genauso wie körperliche Gewalt. Zwei Jahre bin ich nicht aus der Beziehung rausgekommen. Ich habe angefangen, ihr Leben zu finanzieren, weil sie behauptet hat, sie könne meinetwegen nicht arbeiten. Ich glaube, ich hätte es trotzdem niemals geschafft, mich zu trennen. Die Trennung ging von ihr aus.

Danach kamen monatelang Nachrichten, Beschimpfungen, Drohungen. Ich habe schließlich den Kontakt abgebrochen, Chats gelöscht, Orte gemieden, an denen ich sie treffen könnte. Hilfe gesucht habe ich nie. Ich wusste nicht, dass es Beratungsstellen gibt, an die ich mich als queere Person hätte wenden können.

Heute bin ich in einer gesunden Beziehung. Aber ich habe immer noch Angst, so etwas wieder zu erleben. Wenn ich etwas weitergeben kann, dann: Sprich mit anderen darüber. Ich glaube, es hätte mir sehr geholfen, wenn mich jemand gefragt hätte, was bei mir los ist.

 

Madita

Sie war offen, fröhlich und warmherzig. Sie hat sich Mühe gegeben, mir viele Komplimente gemacht, Blumen mitgebracht. Es war sehr romantisch. Ich war 20 und seit drei Jahren geoutet. 

Das erste Mal kippte die Stimmung nach etwa zwei Monaten. Da hat sie mich auch zum ersten Mal geschlagen. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging – ich glaube, ich hatte mir mit etwas ihrer Meinung nach nicht genug Mühe gegeben. Ich war total erschrocken. Es war, als wäre eine kleine Welt zusammengebrochen. Ab dann kam das häufiger vor. Sie stellte sich mir in den Weg, wenn ich die Wohnung verlassen wollte, sperrte mich dort ein. Sie hat mich mehrmals gewürgt oder in der Badewanne unter Wasser gedrückt. 

„Wir waren knapp drei Jahre zusammen – und ich habe in der ganzen Zeit mit keiner Person aus meinem Umfeld gesprochen“

Es klingt so schlimm, aber damals kam es mir nicht so vor. Als hätte ich mich damit abgefunden. Das klingt unglaublich, aber irgendwann war es normal.

Wir waren knapp drei Jahre zusammen – und ich habe in der ganzen Zeit mit keiner Person aus meinem Umfeld gesprochen. Manchmal habe ich Andeutungen gemacht, aber hatte dann oft den Eindruck, nicht ernst genommen zu werden, so nach dem Motto: Kann ja nicht richtig Gewalt sein bei zwei Frauen. 

Ich hätte vorher auch selbst nie gedacht, dass es in lesbischen Beziehungen zu Gewalt kommen kann. Man hört nie davon, man liest nichts davon

Erst als ich meine jetzige beste Freundin kennengelernt habe, habe ich mich getraut, etwas zu erzählen. Sie hat mir dann geholfen, die Beziehung zu beenden. Meine Ex-Partnerin hat die Trennung nicht akzeptiert. Eines Abends hat sie die Tür unserer WG eingetreten, meiner Freundin eine Weinflasche auf den Kopf geschlagen, später auch mir. Wir mussten beide ins Krankenhaus. Die Polizei hat sie mitgenommen und erstattete von Amts wegen Anzeige. So nennt man das, wenn eine Behörde oder eine Amtsperson tätig wird. Ich selbst wollte das gar nicht. Ich habe mich zu Hause versteckt, bin nicht mehr zur Arbeit gegangen. Das nächste Mal habe ich sie vor Gericht gesehen. Ich hatte so Angst, dass meine Daten vorgelesen werden und meine Ex-Freundin erfährt, wo ich wohne – ich war in der Zwischenzeit umgezogen. Zum Glück konnte ich durchsetzen, dass die Daten nicht verlesen werden. Allerdings weiß ich bis heute nicht, wie das Urteil ausgefallen ist. Ich bin rausgegangen, bevor es verlesen wurde. Angeblich hat sie eine Geldstrafe bekommen. 

Während der Beziehung habe ich mit der Seelsorge telefoniert, die haben mir Kontakte zu Beratungsstellen gegeben – allerdings keine Stellen spezifisch für queere Menschen. Erst als alles vorbei war, bin ich zum Weißen Ring gegangen. Die haben dann vorgeschlagen, dass ich eine Therapie mache, um das zu verarbeiten. Ich habe immer wieder versucht, eine Erklärung für diese Gewalt zu finden – aber bis heute keine gefunden. Mir tut es leid, dass ich das mitgemacht habe. Dass ich dadurch Freund*innen verloren habe, die mir eigentlich wichtig waren. Heute ist es für mich unvorstellbar – obwohl ich es selber erlebt habe.

 

Du hast etwas Ähnliches erlebt wie im Text beschrieben? Hol dir Hilfe. Unter diesem Link findest du Beratungsstellen, die auf Gewalt in queeren Beziehungen spezialisiert sind.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Illustration: Anica Lora Nižić