Mehrere festlich gekleidete Personen mit aufwendigen Frisuren und Kleidern sitzen und stehen in einem prunkvollen Saal mit vergoldeten Statuen und halten kleine Hunde auf dem Arm

Damals gute Laune, heute gute Laune

Three’s a party: Buchautor Rainer Wieland über die Geschichte des Feierns

Interview: Kolja Haaf
Thema: Bildung
2. Oktober 2026

fluter: Herr Wieland, haben Menschen schon immer gefeiert?

Rainer Wieland: Davon kann man ausgehen. Für die Vorgeschichte, also die schriftlose Phase der Menschheitsgeschichte, kann man natürlich nur indirekt auf so etwas wie Feiern schließen, durch Knochen von Schlachttieren oder Spuren alkoholischer Getränke. Die ersten Feiern dürften wohl zu Ehren von Göttern stattgefunden haben, um für eine reiche Ernte zu danken, um um Regen oder eine gute Jagd zu bitten. 

Und die ersten wirklich belegten Feiern?

Da gab es einige in Mesopotamien, um 2500 v. Chr. Gut belegt ist auch das ägyptische Opet-Fest, um 1300 v. Chr. Es wurden Musik und Tanz geboten, Weinkrüge und Speisen aufgetürmt. Man schlachtete Opferrinder, und die Volksmenge huldigte dem Transport der Götterstatuen über den Nil vom Ufer aus. Gefeiert wurde das Opet-Fest im September, wenn der Nil das Flusstal überschwemmte und die nächste Ernte sicherte.

„Feiern helfen uns dabei, die Zeit zu strukturieren. Sie strukturieren den Lebenslauf, aber auch das Jahr“

Und was weiß man über so etwas wie spontane Partys? 

Die gab es bestimmt auch, aber Feiern helfen uns vor allem dabei, die Zeit zu strukturieren. Sie strukturieren zum einen den Lebenslauf, für Menschen katholischen Glaubens etwa durch Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit und Beerdigung. Aber auch das Jahr, mit Neujahr, Ostern, Erntedank, Weihnachten …

Aber es geht doch auch um gute Laune?

Sicher, ein anderer Aspekt ist, dass Feiern eine Auszeit vom Alltag ist. Im Juden- und Christentum wird das sehr deutlich: Sechs Tage soll der Mensch arbeiten und am siebten ruhen, feiern und Gott gedenken. Feiern ist etwas einmalig Menschliches. Der Philosoph Odo Marquard hat das so formuliert: „Tiere haben nur den Alltag; sie leben. Gott hat nur den Sonntag; er schaut. Die Menschen aber haben beides: Sie leben und distanzieren sich vom Leben; sie arbeiten und feiern; sie haben den Alltag und das Fest.“

Klingt alles sehr harmonisch. Aber die Realität von Feiern bedeutet ja auch, dass nicht jeder mitfeiern kann.

Abgrenzung ist auch ein wichtiges Element von Feiern. Bei Initiationsriten wird die Aufnahme eines jungen Menschen in die Gesellschaft gefeiert. Das ist gemeinschaftsstiftend. Aber das heißt auch, dass andere nicht aufgenommen werden. Oder unsere Nationalfeiertage: Auch da grenzen wir uns von anderen Nationen ab. Das fing schon mit den Triumphzügen der römischen Kaiser an, da gab es Sieger und Besiegte.

Und vielleicht haben auch nicht alle die Mittel, um mitzufeiern.

Absolut. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. zum Beispiel veranstaltete pompöse Feste in Versailles, die sich über Monate hinzogen. Dabei feierte er in erster Linie sich selbst und seine Macht. Die Adeligen, die dabei waren, waren vor allem Statisten. Und das einfache Volk war davon natürlich ausgeschlossen.

„Feiern ist heute weitgehend demokratisiert. Früher mussten die Feiernden viel Geld zahlen, sich an ganz bestimmte Verhaltensregeln und Rituale halten. Es gab Dresscodes, gegen die der des Berghains ein Witz ist“

Aber die Nicht-Adeligen mussten doch sicher auch mal die Sau rauslassen?

Ja, zum Beispiel an Karneval, den durften alle feiern. Direkt vor der Fastenzeit wurde die Ordnung auf den Kopf gestellt. Das war wie ein Ventil zum Dampfablassen, ab Aschermittwoch hatte man dann aber wieder ein braver und frommer Untertan zu sein. Es gab auch Volksfeste und Bauernhochzeiten. Die gingen meist über mehrere Tage, und da war dann wirklich das ganze Dorf eingeladen. In manchen Fällen haben sich die Familien des Brautpaares durch die Kosten ruiniert. Und oft arteten die Feste dann auch aus, in Ausschweifungen und Raufereien. Das war der Obrigkeit und dem Klerus ein Dorn im Auge.

Warum hat man solche Volksfeste denn als Gefahr angesehen?

Bei Festen werden oft die geltenden Regeln außer Kraft gesetzt. Und zuerst war das von der Obrigkeit auch so gewollt. Bei den Saturnalien im alten Rom zum Beispiel, einem der Vorläufer des Karnevals, wurde alles auf den Kopf gestellt. Mehrere Tage lang durften die Sklaven die Herren sein und sich sogar von diesen bedienen lassen, damit sie die restlichen Tage des Jahres nicht aufbegehrten. 

Und die Herrinnen bedienten die Sklavinnen? Oder war Feiern immer Männersache?

Feiern ist auch Ausdruck von Macht, und die haben in einer patriarchalen Gesellschaft die Männer. Bei einem griechischen Symposion etwa, dem Trinkgelage nach der Mahlzeit, waren Frauen höchstens als Tänzerinnen oder Musikerinnen anwesend. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. In der Antike gab es in Athen die Thesmophoria, ein dreitägiges Fest, das ausschließlich Frauen vorbehalten war. Verheiratete Bürgerinnen kamen dabei zu gemeinsamen Riten, Tänzen und Spielen zusammen. In Rom wiederum hatten Männer zum Fest der Bona Dea, also der guten Göttin, keinen Zutritt. 

Inwiefern feiern wir heute anders als Menschen in früheren Epochen?

Feiern ist heute weitgehend demokratisiert und braucht keinen festen Rahmen mehr. Wie Andy Warhol sagte: „Three’s a party.“ Früher mussten die Feiernden viel Geld zahlen, sich an ganz bestimmte Verhaltensregeln und Rituale halten und komplizierte Tänze beherrschen. Es gab Dresscodes, gegen die der des Berghains ein Witz ist. Man denke nur an die gewaltigen Perücken am Versailler Hof. Gleichzeitig glaube ich, dass wir heute um einiges braver sind. Exzess, Grenzüberschreitung und Rausch haben für viele Menschen immer zum Feiern dazugehört. Das passt nicht zu heutigen Trends wie Longevity. Angesagt sind Verzicht und Askese – nicht das Über-die-Stränge-Schlagen.

Titelbild des fluter 100, Thema: Feiern, er zeigt eine Person beim Tanzen vor orangem Hintergrund
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Feiern“.
Hier geht’s zum ganzen Heft.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Das Titelbild zeigt eine Szene aus der Serie „Bridgerton“, Foto: Liam Daniel/Netflix © 2025