„Wir befinden uns in einer Zeit, die wie geschaffen ist für Gerüchte“
Hast du schon gehört …? Gerüchte kennen wir alle – aber welche gesellschaftliche Funktion haben sie eigentlich? Die Historikerin Caroline Mezger hat sich das genau angeschaut
fluter.de: Frau Mezger, es heißt, an jedem Gerücht sei ein wahrer Kern. Stimmt das?
Caroline Mezger: Dazu muss man erst einmal verstehen, was ein Gerücht überhaupt ist. Viele meinen, ein Gerücht sei per se nicht wahr und werde von Mund zu Mund weitergetragen. In der Forschung interessiert man sich aber weniger für den tatsächlichen Wahrheitsgehalt eines Gerüchts, sondern eher für die Frage, warum eine Nachricht überhaupt zum Gerücht wird. Denn dass etwas weitergegeben wird, sagt oft etwas über die Absender aus. Auch ein faktisch falsches Gerücht gibt Einblicke in das Selbstverständnis, die Interessen und die Wahrheitskonstruktionen einer Gesellschaft. Insofern steht hinter jedem Gerücht eine kulturelle, eine gesellschaftliche Wahrheit.
Was ist also ein Gerücht?
Eine Botschaft mit drei Komponenten: Sie ist kollektiv – wird also gemeinschaftlich weitergegeben und dabei verändert. Ihre Quelle ist unklar. Und es ist offen, ob die Botschaft wahr oder falsch ist. Dieses Ungewisse ist entscheidend. Sobald eine Information eindeutig als falsch entlarvt ist, ist sie kein Gerücht mehr, sondern eine Falschnachricht.
Wie unterscheidet sich ein Gerücht von Desinformation?
Desinformation ist gezielt gestreute Falschinformation, die Handeln beeinflussen soll, etwa Wahlen oder Kriegsverläufe, und ist eng mit Propaganda verbunden. Gerüchte sind eher spontane und kollektiv ausgehandelte Reaktionen auf Ungewisses oder potenziell Gefährliches.
Ist ein Gerücht also harmloser?
Nein, das Gerücht hat zwei Gesichter. Einerseits kann es verbinden: Der amerikanische Soziologe Tamotsu Shibutani hat in den 1960ern gezeigt, dass Menschen sich gerade in Krisen zusammentun und mit Gerüchten „handeln“, um an fehlendes Wissen zu kommen und so ein Problem zu lösen. Sie können zusammenschweißen und Menschen handlungsfähig machen. Andererseits können Gerüchte eine Gesellschaft auch spalten. Theodor Adorno hat 1951 zugespitzt gesagt: „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“
„Soziale Netzwerke sind nicht mehr wegzudenken und zum ersten Mal gibt es mit KI auch nichtmenschliche Kommunikationspartner:innen. Gerüchte reisen jetzt schneller und erreichen mehr Menschen als je zuvor“Caroline Mezger
Sie haben die Verbreitung von Gerüchten im Nationalsozialismus erforscht. Wie sind sie damals entstanden, und wer hat sie verbreitet?
Im Nationalsozialismus kamen verschiedene Faktoren zusammen, die die Verbreitung von Gerüchten begünstigten. Einerseits zerstörten Zensur, staatliche Überwachung und Propaganda das Vertrauen in offizielle Medien; andererseits wurden inmitten von Gewalt, Verfolgung und Krieg verlässliche Informationen notwendiger denn je. So wurden von fast allen Bevölkerungsteilen Gerüchte wahrgenommen und verbreitet. Gerüchte entstanden jedoch nicht nur spontan, sondern dienten auch der Desinformation. Das nationalsozialistische Regime streute selbst Gerüchte, um das Handeln von Menschen zu beeinflussen.
Zum Beispiel?
Ein beliebtes Gerücht unter den Nationalsozialist:innen war, dass jüdische Menschen in Zeiten der Rationierung Lebensmittel und Bezugsscheine horten oder mit diesen handeln würden, dabei durften sie in Wahrheit nur ganz geringe Rationen beziehen. Andere Gerüchte waren dagegen ein Mittel der Selbstermächtigung: Wo Informationen fehlten, das Bedürfnis danach aber groß war, half das Gerücht den Menschen zu verstehen, was mit ihnen geschah. Als im Oktober 1939 die ersten Deportationen aus Wien in das deutsch besetzte Polen begannen, kursierten in der jüdischen Bevölkerung beispielsweise diverse Gerüchte über deren Ziel. Die lagen teilweise falsch – gewisse Gerüchte besagten beispielsweise, dass Jüd:innen bis ins italienisch besetzte Äthiopien gebracht würden. Trotzdem konnten jüdische Menschen anhand von Gerüchten relativ schnell feststellen, dass ihre Deportation in Polen und in einem fast sicheren Tod münden würde. Vieles ließ sich im Nationalsozialismus außerdem nicht offen sagen und wurde deshalb in Gerüchten und sogar Witzen verhandelt. Und schließlich gab es die Hoffnungsgerüchte: 1939 etwa kam in Wien das Gerücht auf, Charlie Chaplin werde die Einnahmen aus seinem Film „Der große Diktator“ der jüdischen Gemeinde spenden, um sie zu retten – was nicht gestimmt hat.
Heute leben wir freier und haben mehr Zugang zu Wissen als je zuvor. Müsste es da nicht weniger Gerüchte geben?
Im Gegenteil. Wir befinden uns in einer Zeit, die wie geschaffen ist für Gerüchte. Historisch gingen die Epochen, in denen besonders viele Gerüchte zirkulierten, mit Krisen und technologischem Wandel einher: Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg kam die Sensationspresse auf, im Zweiten Weltkrieg das Radio als Propagandamittel, um die Jahrtausendwende die Digitalisierung. Jedes Mal musste das Verhältnis zu einer neuen Kommunikationstechnik ausgehandelt werden. Und so auch heute: Wir sind mit Kriegen und Klimawandel konfrontiert, soziale Netzwerke sind nicht mehr wegzudenken, und zum ersten Mal überhaupt gibt es mit künstlicher Intelligenz auch nichtmenschliche Kommunikationspartner:innen. Gerüchte reisen jetzt schneller und erreichen mehr Menschen als je zuvor. Wir stellen uns dieselben Fragen, die wir uns schon damals stellten: Kann ich glauben, was ich sehe und höre?
Können zu viele Informationen also auch schaden?
Die amerikanische Historikerin Ann Blair hat in ihrem Buch „Too Much to Know“ gezeigt, dass Menschen sich schon vor Jahrhunderten von dem überfordert fühlten, was man alles wissen könnte und sollte. Neu ist heute, dass die Menge und Schnelle an Informationen, mit denen sich Menschen täglich konfrontiert sehen, tatsächlich alles bisher Gekannte übersteigt und wir daher auch oft nicht mehr wissen, woher eine Information stammt und ob wir ihr trauen können. Und genau das befeuert Gerüchte.
„Mit gezielter Falschinformation lässt sich viel Geld verdienen, etwa über Content-Farmen, die mit KI fabrizierten und verfälschten Holocaust-Content streuen, um möglichst viele Klicks zu generieren“Caroline Mezger
Wer verbreitet heute eigentlich Gerüchte?
Im Grunde verbreiten alle Gerüchte. Historisch wurde das Gerücht allerdings oft weiblich konnotiert und mit „Tratsch“ in Verbindung gebracht – und zwar um es abzuwerten: Sagt ein Mann etwas weiter, gilt es als Gespräch; sagt es eine Frau, ist es bloß Gerede. Die Forschung zeigt aber, dass Frauen keineswegs mehr Gerüchte verbreiten als Männer. Verbreitet werden sie von allen – nur zu unterschiedlichen Zwecken, zu unterschiedlichen Themen und mit sehr unterschiedlicher Reichweite.
Menschen scheinen sich auch immer weniger für die Wahrheit zu interessieren: Donald Trumps Lügen werden regelmäßig von den etablierten Medien entlarvt, trotzdem hat er es zweimal ins Weiße Haus geschafft.
Ich würde es nicht ganz so formulieren – eher hat sich das gesellschaftliche Verhältnis zur Wahrheit und zu den Medien verschoben. In der Forschung zum „postfaktischen“ Zeitalter wird argumentiert, dass es Akteur:innen wie Trump darum geht, Menschen emotional zu packen und zugleich so viele Zweifel an den traditionellen Medien und an der Wissenschaft zu säen, dass am Ende ihrer eigenen „Wahrheit“ gefolgt wird. Teil der Strategie ist, so viele Unwahrheiten in Umlauf zu bringen, dass niemand sie im Fluss noch korrigieren kann oder möchte. Und genau hier liegt das Problem: Während „fake news“ noch vor zehn Jahren für breite Empörung sorgten, hat sich die Praxis mittlerweile so etabliert, dass auch wissenschaftlich verifizierbare Nachrichten als bloße Falschinformation diskreditiert werden.
Wer profitiert von dieser Strategie?
So genau kann ich das nicht sagen – ich bin keine Politologin. Aber man sieht den Mechanismus: Wo das Vertrauen in etablierte Medien und in gemeinsame Fakten schwindet, haben in den vergangenen zehn Jahren vor allem populistische und rechtspopulistische Kräfte profitiert. Und natürlich profitieren auch die Plattformen selbst. Mit gezielter Falschinformation lässt sich viel Geld verdienen, etwa über Content-Farmen, die mit KI fabrizierten und verfälschten Holocaust-Content streuen, um möglichst viele Klicks zu generieren.
Was können wir als Einzelne tun, um die Gerüchteküche nicht weiter anzuheizen?
Wir können uns fragen, woher eine Information stammt, ob sie stimmen kann, zu welchem Zweck wir sie weitergeben und welche Konsequenzen die Weitergabe haben könnte. Gerade bei einem spaltenden Gerücht lohnt es, eine Minute innezuhalten, bevor man es teilt.
Caroline Mezger ist promovierte Historikerin und hat am Münchner Institut für Zeitgeschichte ein mehrjähriges Forschungsprojekt zur informellen Kommunikation im Nationalsozialismus geleitet. Sie ist Professorin an der EHESS in Paris und forscht zu Gerüchten und Zwangsmigration im Zweiten Weltkrieg.
Foto: Maria Irl
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Illustration: Renke Brandt