Links eine Stadtansicht mit Fluss und Bergen im Hintergrund bei Dämmerung rechts eine Person mit lila Perücke, rosa Handschuhen und großen Ohrenschützern in pink beleuchtet

So verdammt nah dran

In Georgien sind Clubs Orte des Widerstands, wo alle so sein dürfen, wie sie möchten. Aber sie sind bedroht

Text und Fotos: Merlin Gröber
Thema: Protest
2. Oktober 2026

In einem Café mit bunt gestrichenen Stühlen in der Altstadt von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, sitzt Mkrtich Shakhdinarian. Miko, wie er lieber genannt wird, trägt ein sonnen­gelbes Shirt, sein Bart ist akkurat getrimmt. Er studiert PR-Management und tritt mehrmals im Monat als Dragqueen auf (Foto oben, rechts). „Für Menschen wie mich war die politische Situation in Georgien noch nie wirklich gut“, sagt der 30-Jährige.

Seit September 2024 habe sich die Situation allerdings weiter verschlechtert. Damals verabschiedete das georgische Parlament ein von der Regierung eingebrachtes Gesetz „zum Schutz von traditionellen Familienwerten und Minderjährigen“ nach russischem Vorbild. Die georgische Regierung wird seit 2012 von der konservativen Partei „Georgischer Traum“ gestellt.

Das Gesetz verbietet queeren Menschen unter anderem, zu heiraten, ihr Geschlecht offiziell zu ändern, geschlechtsangleichende OPs durchführen zu lassen und ihre Beziehung in der Öffentlichkeit auszuleben. Auch das Hissen oder Zeigen von Regenbogenflaggen kann als illegale „Propaganda“ verboten werden. Während es bereits vorher Gewalt gegen geplante Pride-Märsche gab, wurde mit dem Gesetz schließlich die rechtliche Grundlage für das Verbot von öffentlichen Pride-Events geschaffen. 

Person mit Brille und dunklem Oberteil sitzt auf einer steinernen Stufe vor einer mit Graffiti bedeckten Tür

Salome Vardanashvili ist Musikjournalistin. Die zunehmende Kommerzialisierung des Nachtlebens sieht sie kritisch

„Solche Gesetze ermutigen queerfeindliche Menschen dazu, ihren Hass auch öffentlich zu zeigen“, sagt Miko. Die Anfeindungen gegen Menschen wie ihn nehmen laut Berichten von NGOs zu; er überlege sich genau, wie er sich wo verhält, wie er sich kleidet, wen er berührt. Miko erzählt, dass er in einer queeren Bar, in der er arbeitet, beleidigt, bespuckt und angegriffen wurde. „Fünf Jugendliche haben mich als Schwuchtel beschimpft und geschlagen, bis die Polizei eingriff.“ Eine Anzeige habe die Polizei nicht aufgenommen. „Weil die Jugendlichen minderjährig waren, aber vielleicht auch, weil ich schwul bin“, vermutet Miko.

Umso wichtiger werden sichere Bars und Clubs, in denen sich Miko mit Gleichgesinnten treffen und austauschen kann. Sie seien eine der wenigen Möglichkeiten, frei leben zu können, sagt er. Miko tritt regelmäßig im Bassiani auf, unter anderem bei den Horoom Nights. Clubs wie dieser, sagt Miko, seien allein durch ihre Existenz bereits Orte des Widerstands. „Dieser Teil der georgischen Gesellschaft wird von der Politik nicht gerne gesehen.“ Die Menschen stünden dort für eine offene, demokratische Gesellschaft und einen klaren proeuropäischen Kurs. Sie seien gegen Gesetze, die die Arbeit von Zivilgesellschaft und unabhängigen Medien erschweren und die Meinungs- und Versammlungsfreiheit einschränken. Diese Safe Spaces zu erhalten, werde aber immer schwieriger. „Wir dürfen nicht zu laut sein in unserem Protest, denn Clubs können jederzeit geschlossen werden.“ 

Kleine Kollektive statt großer Clubs

Die Musikjournalistin Salome Vardanashvili sieht vor allem die zunehmende Kommerzialisierung des Nachtlebens kritisch. „Die Clubs sind glatter, weniger rau, politisch sauberer geworden.“ Mit der Technoszene verändere sich auch die Art, wie und wo sich die Opposition organisiert: weg von großen zentralen Einrichtungen wie dem Bassiani hin zu kleinen Kollektiven, Bands und Musikgruppen in Hinterhöfen und Garagen. „Widerstand bedeutet heute, gleich gesinnte Menschen zu treffen – egal wo.“

Ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt sitzt Alexander „Sandro“ Antadze in einem abgedunkelten Raum im Zentrum von Tiflis zwischen Bar, Mischpult und Musikboxen auf einem Sofa. Der 54-Jährige wuchs in Tiflis auf, erlebte den Zerfall der Sowjetunion und den Aufstieg der Technoszene in seiner Heimat. 2008 eröffnete Sandro den Club Café Gallery. Er gilt seither als einer der Pioniere der modernen Club- und Technoszene in Georgien – und als einer, der sich etwas traut. Auch als Künstler: 2022 schickte Sandro sein Gemälde „The Dream“, das den brennenden Kreml zeigt, nach Kiew. Heute hängt es im Büro des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. 

Graffiti mit dem Schriftzug 'F*ck Dictatorial Regime!' auf einer abblätternden Wand

Die georgische Regierung agiert immer autoritärer. Der queeren Szene im Land bereitet das Sorgen

Ein Mann mit grauem Bart sitzt unter einem Gemälde eines ausgestreckten Arms mit geballter Faust

Sandro Antadze gehört zu den Pionieren der Szene. Eines seiner Gemälde hängt beim ukrainischen Präsidenten im Büro

„Das Leben in den 1990ern und Anfang der 2000er-Jahre war in Georgien eine gewaltvolle Angelegenheit – auch das Feiern“, erzählt Sandro. Nach dem Zerfall der Sowjetunion versank das Land in schweren inneren und regionalen Konflikten. Ständig habe es Schlägereien und manchmal auch Schießereien gegeben. „Man musste immer auf alles gefasst sein. Jeder Abend konnte mit einem toten oder verletzten Freund enden. Es war ein Albtraum.“ 

Erst die Rosenrevolution im November 2003, ein friedlicher Umsturz, der zum Rücktritt des postsowjetischen Präsidenten Eduard Schewardnadse führte und eine Phase radikaler prowestlicher Reformen einläutete, sorgte für eine veränderte Stimmung in Georgien. Clubs wie das Café Gallery und das Bassiani wurden zu Treffpunkten für junge Menschen und zu wichtigen Orten für die LGBTQ+-Szene. „Diese Clubs waren ein Vorbild für eine Gesellschaft, wie wir sie gerne hätten: respektvoll, liberal, weltoffen.“

Eine Razzia, die alles verändert hat

Bis zum Jahr 2018, sechs Jahre nachdem der „Georgische Traum“ an die Regierung gekommen war. In den frühen Morgenstunden des 12. Mai stürmten Spezialeinheiten der Polizei das Bassiani und das Café Gallery. Es kam zu mehreren Festnahmen und Gewalt zwischen Partygästen und der Polizei. Offizieller Grund für die Razzien war der Kampf gegen den illegalen Drogenhandel, nachdem mutmaßlich mehrere Menschen deswegen gestorben waren. „Danach war nichts mehr wie zuvor“, sagt Sandro. „Die Stimmung veränderte sich, Ausgehen war nicht mehr so unbeschwert. Wir realisierten, dass die Regierung unsere Art des Feierns nicht mehr tolerieren wollte. Es war ein wichtiger Schritt in einer Reihe gesellschaftlicher Repressionen.“

Ab 2023 demonstrierten Hunderttausende Menschen in Georgien gegen immer strengere Gesetze, gegen die umstrittene Parlamentswahl, den Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen und die Annäherung des Landes an Russland. Auch Sandro war dabei. Die Proteste erreichten zwar zunächst, dass das geplante „Agenten-Gesetz“, das unter anderem die Arbeit ausländischer NGOs einschränkt, 2023 zurückgezogen wurde. Sie blieben aber letztlich ohne Erfolg, weil es dann 2024 doch umgesetzt wurde. Die georgische Regierung nahm bis heute keines der erlassenen Gesetze zurück und hält nach wie vor an ihrer Annäherung an Russland fest. 

Eine verwitterte weiße Wand mit aufgemalten Flaggen der Europäischen Union und von Georgien. Schwarze Stromkabel verlaufen über den oberen Bildbereich. Unter den Flaggen befinden sich rote georgische Schriftzeichen und Graffiti; am unteren Bildrand ist teilweise ein buntes Graffiti-Motiv zu sehen

Die Flaggen der EU und Georgiens. Die Regierung des Landes wendet sich aktuell immer weiter von Europa ab

Für Sandro ist es wichtig, auch in schweren Zeiten zu feiern und das Leben zu genießen. Erklären lasse sich das aus der Geschichte des Landes, das sich politisch seit Jahrhunderten zwischen verschiedenen Großmächten behaupten musste: erst gegenüber Persien, dann gegenüber der Sowjetunion. „Für uns ist Feiern mehr als Musik hören und tanzen. Es ist ein Ausdruck dafür, dass wir nicht aufgeben, auch wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen.“

Sandro machte weiter und vermietete seinen Club, bis der Pächter im vergangenen Jahr aufhörte. Nun will er ihn selbst wiedereröffnen – mit einem neuen Konzept und neuen Ideen. „Ich will Menschen zusammenbringen, die gegen den restriktiven Kurs der Regierung sind.“ Das neue Café Gallery soll ein „Headquarter des Protests“ werden, plant Sandro. Sein Vorhaben ist riskant: Jederzeit könnte die Polizei neue Razzien durchführen, die Gäste einschüchtern. „Die Regierung könnte auch eine Registrierungspflicht für DJs und Künstler einführen, wie es in Belarus der Fall ist.“ Dort gibt es ein Register für Veranstalter von Kulturevents, über das kontrolliert wird, wer als Musikerin oder Musiker, DJ, Performerin oder Performer überhaupt auf der Bühne auftreten oder auflegen darf.

Miko ist sich sicher, dass es immer queere Rückzugsorte wie Sandros Club geben wird – trotz der repressiver werdenden Politik. „Oasen in einer queerfeindlichen Wüste“, nennt er diese Orte. Viel Hoffnung, dass sich die politische Situation verbessert, habe er nicht. Ob er daran denkt, auszuwandern? „Jeden Tag“, sagt er. „Würde mir jemand Arbeit und die Möglichkeit geben zu gehen, ich würde es tun.“

Dass Georgien trotz aller Proteste immer unfreier werde, ist für Clubbetreiber Sandro frustrierend: „Wir haben zwanzig Jahre lang dafür gekämpft, von Russland loszukommen. Wir wollten ein Teil Europas, einer freien Welt, werden. Zu sehen, dass mein Heimatland sich politisch wieder an Russland orientiert, tut unglaublich weh. Wir waren so nah, so verdammt nah dran.“

Titelbild des fluter 100, Thema: Feiern, er zeigt eine Person beim Tanzen vor orangem Hintergrund
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Feiern“.
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