„Ich verzichte gerade oft auf Sex, weil mir der ganze Prozess zu anstrengend ist“
Auf Dating-Apps scrollen, gleichzeitig mit sieben Leuten schreiben, bei der ersten Red Flag raus sein – muss das sein? Vier Gen-Z-ler sprechen über Dating, Liebe und Sex
Zum Interview treffen wir Jano, Caro, Yulin und Anna in einem Jugendclub im Frankfurter Norden. Die vier treffen sich zum ersten Mal. Jano macht sich direkt einen Energydrink auf. „Warst du gestern feiern?“, fragt Caro. Er hat am Vorabend ein Hip-Hop-Konzert gegeben und nur vier Stunden geschlafen. Anna hilft noch beim Aufbau der Stühle und setzt sich dann hin – tiefenentspannt. Yulin hat seine Kamera mitgebracht, er will seine Follower:innen am Tag des Interviews mitnehmen und sagt: „Ich hab noch nicht so viele Fans, aber echt viele Aufrufe bei TikTok.“
Wie sind eure Gefühle zum Thema Dating?
Yulin: Dating finde ich gerade ziemlich anstrengend. Vor ein paar Monaten habe ich viel Zeit mit einem Mädchen aus meiner Schule verbracht und auch viel Energie in die Dates gesteckt. Aber am Ende waren wir nur einen Tag richtig zusammen, dann meinte sie, sie habe keine Liebesgefühle entwickelt. Das war richtig frustrierend.
Jano: Ich habe zum Thema Dating sehr ambivalente Gefühle. Ich bin viel auf der Dating-App Hinge unterwegs, habe auch immer wieder Dates. Bei den Treffen denke ich jedes Mal: Boah. Weil es kein lockeres Kennenlernen ist, jeder sitzt mit einer Intention da. Der Druck ist hoch, und wenn dann eine Red Flag kommt, ist man sofort raus.
Caro: Ja, direkt!
Anna: Ja, man ist viel pickier. Lernt man jemanden privat kennen, geht man viel offener ran, weil man nicht von Anfang an im Dating-Kontext ist. Dann kann sich das im Gespräch entwickeln – man matcht humormäßig, oder Charaktereigenschaften catchen einen.
Wo findet ihr überhaupt jemanden zum Daten?
Anna: Ich hatte mit 16 schon Tinder.
Caro: Ist das nicht so low key illegal?
Anna: Ja, ist es, die App ist eigentlich erst ab 18 Jahren. Eigentlich war das saugefährlich, auch wenn ich mich immer draußen in Cafés getroffen habe. Heute denke ich, es war ein ungesunder Zugang, schon so früh ins Onlinedating einzusteigen, und ich würde es generell nicht mehr machen. Aber ich bin auf dem Dorf groß geworden, da trifft man anders nicht viele Leute.
Anna, Yulin, Caro und Jano kannten sich vor dem fluter-Gespräch noch nicht
Caro: Ich bin zwar in der Stadt aufgewachsen, aber kann mir vorstellen, dass Stadt oder Dorf beim Dating wirklich einen krassen Unterschied macht. Heute bin ich eher phasenweise auf Dating-Apps. Gerade ziehe ich für Praktika oder die Uni oft um. In einer neuen Stadt ist es so einfacher, Leute kennenzulernen.
Jano: Ich bin auch auf Dating-Apps. Ich finde sie aber zu anonym, deswegen versuche ich, langes Schreiben komplett zu vermeiden. Face to face lernt man jemanden viel besser kennen als über: „Was sind deine Hobbys so?“
Caro: Oft hat man auch siebenmal das gleiche Gespräch: „Was machst du so? Wo kommst du her?“
Yulin, du nutzt keine Apps?
Yulin: Nee, noch nie. Meine Ex geht auf dieselbe Schule wie ich, aber wir haben uns auf Instagram kennengelernt. Ich hatte eine Story gepostet, in der ich gefragt habe: „Soll ich mir dieses Parfüm kaufen?“ Sie hat mit „Ja“ geantwortet, darüber kamen wir ins Gespräch. Auf unserem ersten Date waren wir am 14. Februar, am Valentinstag.
Das klingt nach einer ziemlich sweeten Geschichte.
Yulin: Eigentlich schon, aber es war eben schnell wieder vorbei. Jetzt will ich mich erst mal auf mein Business und mein Social Media konzentrieren. Die Frau, die ich als nächste date, soll auch die Mutter meiner Kinder werden.
„Ich ghoste eigentlich niemanden, das ist eine Frage des Anstands. Ich will schließlich auch nicht geghostet werden. Aber einmal habe ich’s doch gemacht, das war wegen einer großen Red Flag“Jano
Bei euch anderen: Hat sich mal eine langfristige Beziehung durch Dating-Apps ergeben?
Alle drei schütteln den Kopf.
Jano: Ich habe zwei, drei Freundinnen, die ich über Hinge kennengelernt habe. Wir wollten erst daten, romantisch hat’s aber nicht gefunkt.
Würdet ihr einem oder einer Ex eine zweite Chance geben?
Anna: Ich bin Fan von zweiten Chancen. Aber nicht von dritten oder vierten.
Yulin: Man muss überlegen, wieso es letztes Mal gescheitert ist. Aber ehrlich gesagt: Eine Person, die dir einmal das Herz bricht, bricht dir noch mal das Herz.
Caro: Ich finde, es kommt drauf an, ob es um Dating geht oder um Beziehungen. Wenn es jemand beim Dating verbockt, nein danke. Aber bei einer ernsthaften Beziehung würde ich da schon noch mal drüber nachdenken. Und viel reden!
Was ist ein gutes Date?
Jano: Ich will irgendwas unternehmen, in eine Bar oder ein Café gehen. Nur gegenübersitzen oder spazieren gehen, das kann ich nicht.
Anna: Ich finde, zu Ikea gehen ist eine richtig gute Idee für ein zweites oder drittes Date. Man lernt sofort den Geschmack der Person kennen, kann was essen und durch die Gänge laufen.
Wenn es zwischen euch und einem Date nicht passt: Was haltet ihr von Ghosting?
Caro: Ich bin absolut dagegen. Ghosting sagt: Du bist mir so unwichtig, dass ich dir nicht mal mitteile, dass es nicht gepasst hat – obwohl du dir ein, zwei Stunden Zeit genommen hat. Das finde ich krass. Auf der anderen Seite: Wenn man manchen Männern sagt „Hey, sorry, es hat nicht gepasst“, dann wollen die ein komplettes Feedback-Gespräch. Dann hat man als Frau die Arbeit, dem Mann zu erklären, warum es nicht funktioniert hat.
Jano: Ich ghoste eigentlich niemanden, das ist eine Frage des Anstands. Ich will schließlich auch nicht geghostet werden. Ich schreibe dann: „Das war’s nicht, ciao.“ Aber einmal habe ich’s doch gemacht.
Jano, was genau ist passiert?
Jano: Das war wegen einer großen Red Flag: Substanzmissbrauch. Wir hatten uns schon zweimal getroffen, dann kam die Frage, ob ich Xanax hätte (Anm. d. Red.: ein starkes, verschreibungspflichtiges Medikament, das abhängig machen kann). Dann habe ich nicht mehr zurückgeschrieben. In meiner Bubble sind Drogen gerade ein Riesenthema. Ich will auf keinen Fall irgendwas damit zu tun haben und habe auch keine Lust, jemandem zu erklären, warum das scheiße ist.
„Man bekommt unrealistische Standards, wenn man sieht, was Pärchen auf Instagram zusammen machen. Früher haben sich Menschen nur mit den anderen im Dorf verglichen, jetzt mit der ganzen Welt“Yulin
Lasst uns bei Red Flags bleiben. Was geht so gar nicht?
Caro: Ich achte nicht darauf, was jemand erzählt, sondern wie. Eine Red Flag: wenn jemand über den Urlaub spricht und nur die negativen Punkte rauspickt – das sagt viel.
Jano: Nach Drogen: keine Hobbys haben. Ich finde es schlimm, wenn Schule oder Studium das einzige Hobby sind. Man muss doch irgendwas haben, worüber man leidenschaftlich reden kann.
Yulin: Wenn jemand ständig über die Green Flags des Ex spricht. Sachen wie: „Der oder die war viel fitter als du.“
Anna: Ich persönlich will niemanden daten, mit dem ich meinen christlichen Glauben nicht teilen kann. Das war nicht immer so, aber mittlerweile ist mein Glaube sehr gefestigt. Meine letzte Beziehung ist daran gescheitert. Ich möchte mit meinem Partner zusammen in die Kirche gehen und beten können.
Was sind Green Flags?
Caro: Wenn jemand gut zuhören kann und gute Fragen stellt.
Anna: Generell mal Fragen stellt.
Anna und Caro lachen.
Jano: Sich wirklich Zeit nehmen. Ich mag es gar nicht, wenn jemand auf ein Date kommt und mit einem Bein schon bei den nächsten Plänen ist. Am besten: Handy aus beim Date.
Yulin: Interessiert sein, gleichgesinnt, ambitioniert, loyal, neugierig auf die Welt.
Dass Dating-Apps und Social Media das Thema Liebe nicht unbedingt einfacher machen, darüber sind sich hier alle einig
Inwieweit hat Social Media eure Vorstellungen von Dating und Liebe geprägt?
Yulin: Man bekommt unrealistische Standards, wenn man sieht, was Pärchen auf Instagram zusammen machen, und dann auf das eigene Leben schaut. Da entsteht eine Diskrepanz. Früher haben sich Menschen nur mit den anderen im Dorf verglichen, jetzt mit der ganzen Welt.
Caro: Dating-Apps sind wie ein Supermarkt. Menschen sind austauschbarer geworden. Und dann kriegt man auch noch diese vermeintlich perfekten Beziehungen auf Instagram vorgelebt. Die zeigen natürlich nur die schönen Momente – wahrscheinlich ein Prozent der gemeinsamen Zeit. Obwohl ich das weiß, denke ich dann trotzdem: Ich will auch diese perfekte Beziehung. Das ist so eine Kommodifizierung von Liebe.
Jano: Bitte was?
Caro: Das ist die kapitalistische Denke: Gefällt mir das Produkt, behalte ich es. Wenn es Narben hat oder traurig ist, gebe ich es weg.
Jano: Ah! Ich glaube, das ist ein großes Problem unserer Generation: Man sucht immer jemanden, der zu 100 Prozent passt. Genau wie man das auf Social Media sieht. Aber wir sind halt Menschen, es gibt kein perfektes Match.
„Verlieben fühlt sich für mich an, wie ich mir Drogennehmen vorstelle. Diese permanente Obsession ist anstrengend. Irgendwann kommt aber auch Ruhe“Caro
Ist euch Romantik wichtig?
Anna: Ja, voll! Es muss nicht so kitschig sein wie in Filmen. Aber wenn jemand sich Mühe gibt und sich Gedanken gemacht hat, finde ich das romantisch.
Caro: Ich bin mit Romcoms aufgewachsen, ich liebe Romantik!
Jano: Jemand hat mir auf einem Date mal einen Vanille-Milchshake mitgebracht. Einfach kurz zwei Sekunden gedacht: Okay, was könnte ich machen? Das ist direkt nett und romantisch. Aber so etwas passiert heutzutage nur selten.
Yulin: Ja, auf die kleinen Details achten. Die Person sagt, sie liebt Matcha. Dann bringst du ihr am nächsten Tag Matcha mit.
Was ist Liebe für euch?
Jano: Liebe kann einem die meiste Freude bringen, aber auch das tiefste Down. Je nachdem, ob sie erwidert wird oder nicht.
Caro: Verlieben fühlt sich für mich an, wie ich mir Drogennehmen vorstelle. Diese permanente Obsession ist anstrengend. Irgendwann kommt aber auch Ruhe. Wahre Liebe ist für mich wahrscheinlich eher Ruhe – und Sicherheit.
Yulin: Warum sind manche Paare 60 Jahre zusammen? Weil sie sich immer wieder füreinander entscheiden und die kleinen Alltagsmomente romantisch machen, auch wenn man streitet.
Glaubt ihr an die eine große Liebe?
Caro und Yulin nicken.
Anna: Ich glaube, es gibt mehrere Personen auf der Welt, mit denen man sein ganzes Leben glücklich sein könnte. Nicht nur diesen einen Shot.
Jano: Am Ende will man nicht allein sein, glaube ich. Der Partner fürs Leben ist der letzte, bei dem man sagt: Mit diesem Menschen will ich mich niederlassen.
„In der Generation unserer Eltern war es als Mann normal, dass man um Frauen kämpft oder sie erobert. Aber ich will das nicht, ich bin ja keine Festung“Anna
Die „Vogue“ fragte im vergangenen Jahr: „Ist es peinlich, einen Freund zu haben?“ Und vor ein paar Monaten erschütterte die „Spiegel“-Recherche über digitale Partnerschaftsgewalt an Collien Fernandes Deutschland. Haben diese Debatten euren Blick auf Beziehungen verändert?
Anna: Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter wurde vor ein paar Monaten gefragt, wie sich Frauen vor Gewalt durch Männer schützen können. Seine Antwort: Keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Es war krass, das so direkt zu hören. Und trotzdem will ich nicht jeden Mann, den ich date, unter Generalverdacht stellen. Aber natürlich sensibilisieren Fälle wie der von Collien Fernandes oder Gisèle Pelicot unsere Generation. In der Generation unserer Eltern war es als Mann normal, dass man um Frauen kämpft oder sie erobert. Aber ich will das nicht, ich bin ja keine Festung.
Caro: Ich denke, unsere Generation bricht als eine der ersten damit, dass Männer bemuttert werden. Wir Frauen sagen jetzt, dass wir das nicht mehr möchten.
Anna: Komplett. Ich will nicht, dass mein Partner sich mit mir zum ersten Mal mit seiner Gefühlswelt auseinandersetzt. Ich bin nicht seine Therapeutin, Mutter und Bedienstete.
Jano hört ruhig zu und nickt.
Jano: Das sind Basics. Wäsche waschen. Kochen. Zur Therapie gehen. Kriegen leider viele meiner männlichen Freunde auch nicht hin. Was das angeht, leben viele Männer teilweise noch in der Steinzeit.
Und auch bei einer anderen Sache herrscht Einigkeit: Redet! Mehr! Miteinander!
Laut einer Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit sollen junge Menschen immer später ihr erstes Mal haben. Wie sieht es bei euch aus?
Yulin: In meinem Freundeskreis gibt es Jungs, die hatten das erste Mal schon mit 15. Ich selbst möchte auf meine wahre Liebe warten.
Jano: Ich verzichte gerade oft auf Sex, weil mir der ganze Prozess zu anstrengend ist. Jemanden mit nach Hause nehmen, irgendwo hingehen. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. Ich denk mir dann: Lieber drauf verzichten. Ich hätte lieber eine Person, mit der ich langfristig zusammen bin und bei der ich mich fallen lassen kann.
Caro: One-Night-Stands nehmen mir viel mehr, als sie mir geben. Ganz blöd gesagt: Dann kann ich auch auf Sex verzichten.
Und woher wisst ihr eigentlich, was guter Sex ist?
Caro: In meiner ersten Beziehung hatten wir beide zuvor keine Erfahrung mit Sex. Das war schön, weil man auf dem gleichen Level war. Heute spreche ich darüber viel mit Freund:innen.
Jano: Vor allem aus meiner ersten Beziehung. Zusammen haben wir echt viel gelernt und ausprobiert.
Redet ihr mit euren Sexualpartner:innen offen über Verhütung?
Caro: Ich würde mir wünschen, dass Männer eine größere Awareness für das Thema entwickeln würden. Gerade wenn mal etwas schiefgeht und die Frau die Pille danach nehmen muss. Damit sollten wir nicht alleingelassen werden.
Jano: Zu Verhütung gehören immer zwei. Wenn die Frau die Pille nimmt, sollte der Partner sagen: Du musst das nicht allein tragen, lass uns die Kosten teilen.
Was müsste sich beim Dating ändern?
Jano: Mehr Kommunikation, das ist das Wichtigste. Einfach mitteilen, auch wenn es unbequem ist.
Anna: Weniger Druck. Man muss nicht sofort wissen, ob es was wird. Wenn man jemanden erst mal kennenlernt, geht man viel offener ran.
Nach dem Interview stehen Caro, Anna und Jano draußen vor dem Jugendzentrum. „Gehen wir noch einen trinken?“, fragt Jano. „Heute ist schlecht, aber gerne ein anderes Mal“, sagt Caro. Drinnen im Jugendclub schlägt Yulin mit den Fäusten in den Boxsack.
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