Ein Star ohne Scheine
Die Musikerin futurebae hat mehrere virale Hits, fast 90.000 Menschen im Monat hören ihre Musik auf Spotify. Zum Leben reicht das finanziell trotzdem nicht. Muss man sich Musikmachen leisten können?
Im Januar wusste die Musikerin futurebae nicht mehr weiter. Die Musikerin, die eigentlich Lina Winter heißt, postete eine Instagram-Story mit einem Aufruf, in dem sie nach Kontakten zu Insolvenzberater*innen fragte. Die Frage stand über einem sonnigen Selfie aus Athen, erinnert sie sich heute.
„Ich weiß, dass es absurd aussieht, wenn ich in der Sonne sitze und sage: Ich bin pleite. Aber ich kann mir meine Miete in Berlin gerade nicht leisten, deshalb bin ich in erster Linie hier“, sagt sie bei einem Video-Call im April aus ihrer Athener Wohnung. Ihr WG-Zimmer in Deutschland hat sie seit Dezember untervermietet.
Die Künstlerin hat monatlich fast 90.000 Hörer*innen auf Spotify. Ihr meistgestreamtes Lied „Coca Cabana“ hat über fünfeinhalb Millionen Streams auf der Plattform. Eine erfolgreiche Künstlerin, möchte man meinen – und trotzdem reicht das Geld kaum zum Leben. Wie futurebae geht es vielen. Rapper LGoony bietet deswegen nun Videos über seinen Werdegang auf dem Paid-Content-Anbieter Patreon an. Die britische Popsängerin Kate Nash verkauft Po-Fotos auf der Plattform OnlyFans. Und auch die Sängerin Lily Allen verdiente, nach eigener Aussage, über das Portal unter anderem mit Fußfotos zeitweise mehr als mit ihrer Musik. Da kommt die Frage auf: Kann man von Musik allein noch leben?
Gar nicht mal entspannt: „Im Jahr bekomme ich knapp 4.000 Euro von allen Streamingplattformen zusammen“, sagt futurebae
Foto: @kurzeblende
Für futurebae heißt die Antwort: Nein. futurebae könne sich an guten Monaten bis zu 1.400 Euro zum Leben auszahlen, sagt die Künstlerin. Durch die Unregelmäßigkeit der Einnahmen – Streaming-Einnahmen, Booking-Auszahlungen und Ausschüttungen von der GEMA – werde das in schlechten Monaten jedoch schwierig. Die Privatinsolvenz konnte sie zwar verhindern, aber nur durch private Unterstützung. Erst habe sie sich selbst Vorwürfe gemacht: Bin ich nicht gut genug? Doch inzwischen wisse sie, dass sie keine Ausnahme ist. „So geht es gerade allen. Alle, die aktuell keinen Hype haben, struggeln“, sagt sie. Auch deshalb äußere sie sich zu all den Problemen öffentlich. Und Probleme gebe es schließlich eine Menge.
Eins sei, dass Artists mit Streams kaum Geld verdienen. Für einen Stream zahlt Spotify durchschnittlich 0,3 Cent, wie viel das dem oder der Künstler*in bringt, variiert je nach Abmachung mit dem Label, doch insgesamt sind die Preise sehr intransparent. Auch für futurebae sind die Streams höchstens ein Zuverdienst: „Im Jahr bekomme ich dafür knapp 4.000 Euro von allen Streamingplattformen zusammen“, sagt sie, die Einnahmen kämen aus ihren selbst veröffentlichen Songs. Die Ausschüttungen der Streams von früheren Tracks gehen an Universal, ihr ehemaliges Label, das die Rechte besitzt. Dafür bekam futurebae einen sogenannten Vorschuss, eine Vorauszahlung des Labels. So oder so kann sie von Streamingeinnahmen allein nicht leben. Warum releasen die meisten Musiker*innen trotz allem noch über Spotify?
Nina Graf, Vorständin von „Pro Musik“ – ein Verband, der die Interessen freischaffender Musiker*innen vertritt – kennt das sogenannte „Streaming-Paradox“. „Man ist auf ein System angewiesen, das kaum vergütet und in das man meistens sogar noch selbst Geld fürs Marketing investiert“, sagt sie. Doch Streaming sei für viele Künstler*innen unersetzlich, um sichtbar zu werden.
Diese Aufmerksamkeit sei besonders wichtig, um Tickets für Liveauftritte zu verkaufen. Und die seien für Artists inzwischen zur größten Einnahmequelle geworden, so Nina Graf. „Konzerte sind für viele zentral. Oft nicht nur finanziell, sondern existenziell. Außerdem verkaufen die Artists bei Konzerten ihren Merch und haben dort eine direkte Bindung an ihre Fans“, sagt Graf. Man könne durch Auftritte neue Hörer*innen gewinnen, und manchmal qualifizieren sich Künstler*innen dadurch für Förderungen, oder es ergäben sich Anschlussjobs.
Als futurebae ihre Musikkarriere 2020 begann, ging alles ganz schnell: Zwischen der Idee für ihren Künstlerinnennamen und dem ersten viralen Hit lagen nur wenige Monate. Sie unterschrieb beim Major-Label Universal, spielte große Festivals. „Ich hatte eine fast ausverkaufte Tour zu meinem ersten Album“, sagt sie.
Nach zwei Jahren stieg sie bei Universal aus, wegen Umstrukturierungen beim Label und einem Irrglauben. „Nach einer sehr gut laufenden Tour und vielen Liveshows hatte ich gehofft, dass es einfacher sein würde, meine Karriere komplett independent weiterzuführen“, sagt sie. Doch ohne den Vorschuss ihres Labels fehle ihr schlicht das Geld. Und das Wissen. Aufgrund von Fehlentscheidungen eines früheren Managements und eigener fehlender Kenntnisse der Branche kamen Steuernachzahlungen auf futurebae zu, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Ihre Tour, die eigentlich für Februar geplant war, musste sie auf September verschieben. Der Grund: zu wenig Vorverkäufe, zu hohes finanzielles Risiko. „Ich kann einfach keine Tour mit Minus spielen“, sagt futurebae.
Laut Marcel Weber, Vorstandsmitglied des Livemusik-Interessenverbands „LiveKomm“, gibt es beim Booking von Künstler*innen verschiedene Modelle. Bei den sogenannten Splitdeals teilen sich die Location und die Künstler*in die Einnahmen aus den Ticketverkäufen und somit auch das Risiko, falls sich nicht genügend Tickets verkaufen, um die Kosten zu decken. Eine andere Möglichkeit besteht darin, feste Gagen zu verhandeln, dann liegt das Risiko vollständig bei der Location. Das ist für die Künstler*innen von Vorteil. Weber sagt, Künstler*innen könnten sich auch schlicht in die Location einmieten. Damit trügen sie aber auch das volle Risiko. Die Konditionen der Künstler*innen variierten stark, je nach Bekanntheitsgrad. Je bekannter, desto mehr Sicherheit gibt es, und desto besser sei oft die Bezahlung.
Wenn futurebae für Festivals gebucht wird, kann auch sie sich meist auf Fixgagen verlassen. Hier bestehe allerdings die Schwierigkeit, überhaupt gebucht zu werden. Anders gestaltet sich das bei ihrer Tour, bei der sie sich in viele Locations einmietet oder auf Splitdeals angewiesen ist.
Auch eine Konzerttournee birgt ein finanzielles Risiko für futurebae – schließlich muss sie ein ganzes Team bezahlen. Halbleere Venues kann sie sich dabei nicht leisten
Foto: Jason von Hoeren
Und damit nicht genug: Von Gagen und direkten Ticketverkäufen gingen nämlich noch weitere Kosten ab: Reisekosten, Crew-Ausgaben und Booking-Fee, also eine Buchungsgebühr. Und mit Management auch noch eine Managementgebühr. „Das ist der Teufelskreis. Um Shows zu spielen, braucht man ein Team, und das Team muss bezahlt werden, dafür braucht man Geld, und um das Geld zu bekommen, braucht man das Team“, sagt die Künstlerin.
Was in der Musikindustrie gerade passiert, nennt Marcel Weber eine Stapelkrise. Er zählt auf: Schließungen durch Coronapandemie, gestiegene gewerbliche Mieten, explodierende Energiekosten seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine, hohe Personalkosten. „Dazu kommt, dass die Fans nicht mehr so viel Geld zur Verfügung haben wie früher“, so Weber. All das sorge dafür, dass Veranstaltungsorte inzwischen dazu neigen würden, eher die Mainstream-Acts zu buchen, weil die durch eine größere Fanbase auch eine größere finanzielle Sicherheit bieten. Kleine und mittelgroße Künstler*innen wie futurebae fielen da oft hinten runter.
Marcel Weber und Nina Graf sind sich einig: Auch die bestehenden Förderungen und Fonds für kleinere Künstler*innen sind keine dauerhaften Lösungen für die Probleme, die der Markt erzeugt. Was fehle, seien langfristige und strukturelle Antworten. Neben den Förderungen brauche es eine ernsthafte Debatte über faire Marktbedingungen, soziale Absicherung und kulturpolitische Reformen. „Sonst verwalten wir nur Symptome“, sagt Nina Graf.
Und futurebae? Die gibt trotzdem nicht auf. Seit Mai spielt sie wieder Konzerte und Festivals in Deutschland. Im September ging sie auf Deutschlandtour. Und trotzdem: Ihr nächster Schritt wird die Suche nach einem Nebenjob, um ihren Hauptjob, die Musik, zu finanzieren.
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