Bello ciao
Raffaele fährt nach Schichtende direkt zum Training, Gianmarco kommt trotz Verletzung, Nicola teilt Fanta und Wurstbrot. Der MP San Giorgio ist eine Mannschaft wie jede andere: Fußball ist hier viel mehr als ein Hobby. Eine Auswärtsfahrt
Seit Minuten brüllt der Mann im neapolitanischen Dialekt. „Ich habe keine Worte, keine Worte!“ Er rauft sich die Haare, reißt die Augen auf. „Ich sage euch etwas, und ihr macht nichts.“ Beschämend sei das, so komme man nirgendwohin, dabei sei er hier, um zu gewinnen. Gestern nach dem Training habe er ihnen das doch klar und deutlich gesagt, von Mann zu Männern, verdammt noch mal. Schweißgebadet und schwer atmend sitzen die Spieler des MP San Giorgio in der Kabine eines Fußballplatzes auf Ischia, einer Insel vor Neapel, und hören ihrem Trainer Fabio Perna zu. Manche schauen ihn schuldbewusst an. Andere wagen keinen Augenkontakt. Sie senken den Kopf, stützen ihre Arme auf den Knien ab, kauen an Fingernägeln.
Es ist Halbzeit im Spiel AC Barano gegen MP San Giorgio. 1:0 für die Gastgeber. San Giorgio braucht mindestens ein Tor, um nicht als Verlierer nach Hause zu fahren. „Wir haben 45 Minuten Zeit, um das Schicksal unserer Mannschaft zu wenden“, mahnt Fabio Perna. Er hält einen Moment inne und schaut streng in die Runde, ehe er grußlos den Raum verlässt. „Er hat recht“, sagt Roberto Granato, 27, Stürmer, mit tiefer Stimme. „Los, Jungs, 45 Minuten.“
Auf dem Platz eine Gemeinschaft, im Auto eine Fahrgemeinschaft: Die Spieler auf dem Weg zum Training
Am Abend vor dem Spiel, einem Freitag im April, fährt Raffaele Leone, 21, Mittelfeldspieler, im Lancia seines Vaters durch Ercolano, einen Vorort von Neapel. Über dem Golf von Neapel geht gerade die Sonne unter. Auf Raffaeles Smartphone läuft italienischer Gangster-Rap. Autos hupen, Motorroller schlängeln sich vorbei, unangeschnallt sucht Raffaele seinen Weg durch den Feierabendverkehr. Bis 17 Uhr hat er gearbeitet. In einer Fabrik, die Autoteile herstellt.
Zum dritten Mal in dieser Woche ist Raffaele auf dem Weg zum Training, wie immer sammelt er unterwegs Mitspieler ein. Raffaele lebt mit zwei jüngeren Schwestern und seinen Eltern zusammen. In Ercolano ist er geboren und aufgewachsen, in Ercolano will er bleiben. In den Nachbargemeinden sagen sie über den Ort, er habe mehr Potenzial als andere, mache aber zu wenig daraus. Eine Beschreibung, die auch auf Raffaele passt. Er gilt als äußerst talentierter Fußballer, spielt, seit er vier Jahre alt ist. Aber Raffaele geht vor Spielen gern aus, statt zu schlafen, trinkt Alkohol, isst Junkfood. No-Gos für Fußballer. Zumindest für die, die große Ziele haben.
Fußball ist in Italien mit Abstand die beliebteste Sportart, besonders unter Männern. Auch die Jungs des MP San Giorgio haben den Fußball schon als Kleinkinder verordnet bekommen. Jedem von ihnen hat der Vater, Bruder oder Trainer diese Welt erklärt: Abseits, Ehre, Lieblingsverein – die einzige Liebe, der man ein Leben lang treu bleibe, heißt es in Italien. Sie haben Abziehbilder ihrer Idole gesammelt, deren Tore nachgestellt, ihre Zimmerwände mit Postern beklebt und davon geträumt, einmal so zu werden wie sie. Maradona. Cannavaro. Hamšík. Insigne. Die Namen wechseln, aber sie stehen immer für dasselbe: Träume, Vorbilder, Mythen, Heimat, für Männlichkeit.
Kann streng sein, aber auch herzlich: Trainer Fabio Perno ist der jüngere Bruder des Vereinsgründers
Einer, der wegen des Fußballs sein Leben lang nicht geraucht oder Partys gefeiert hat, ist Gianmarco Porcaro. Er wollte Profi werden, unbedingt, und hat es immerhin bis in die Serie D geschafft, die höchste Amateurliga Italiens. Und wartet schon, als Raffaele sein Auto in Portici, eine Ortschaft weiter, in eine Straßenbucht lenkt. Raffaele hält gerade so lang, dass sich Gianmarco auf den Beifahrersitz fallen lassen kann. Ein Nicken zum Gruß. „Bist du morgen dabei?“, fragt Raffaele. Er meint die Überfahrt nach Ischia, zum letzten Auswärtsspiel der Saison. „Nein, ich habe Nachtschicht“, sagt Gianmarco, der als Portier in einem Fünfsternehotel arbeitet. Raffaele nickt. Trotzdem zum Training zu erscheinen, ist für Gianmarco eine Frage des Respekts. Mit 36 ist er der Mannschaftsälteste, die anderen nennen ihn „babbo“, Papa.
Ein paar Fahrminuten später parkt Raffaele das Auto vor dem Fußballplatz von San Giorgio a Cremano. Er ist umgeben von mehrstöckigen Wohnblöcken in hellen Gelb- und Brauntönen, aus denen Balkone und unzählige Satellitenschüsseln ragen.
Der MP San Giorgio trägt den Namen des Trainingsortes und die Initialen von Massimo Perna, 45, der früher in der Serie B gespielt hat. 2018 gründete Perna den Verein, zu dem heute mehr als 20 Mannschaften und eine eigene Fußballschule gehören. Das Aushängeschild ist die erste Herrenmannschaft, in der Raffaele und Gianmarco spielen. Die tritt in der Promozione an, der 6. Liga Italiens und der höchsten auf Provinzebene. Landesweit spielen gut 800 Mannschaften auf diesem Niveau.
„Wir sind eine Familie“, betonen die Männer des Vereins immer wieder. Eine Familie, die nur aus Männern besteht
Je tiefer man im italienischen Ligensystem hinabsteigt, desto näher ist man der Realität von Millionen junger und alter Italiener, zwischen Häuserwänden, Autobahnauffahrten und Fähren, auf Zehntausenden von Plätzen und in Umkleiden wie der des MP San Giorgio mit ihren Holzbänken und weißen Fliesen. „Wir sehen uns morgen am Hafen, 11.45 Uhr. Vergesst eure Ausweise nicht“, verabschiedet sich Fabio Perna nach anderthalb Stunden Training
Als sich die Mannschaft am nächsten Tag für die Überfahrt nach Ischia trifft, sind ein paar Überpünktliche längst da. Sie tragen granatrote Trainingsanzüge, essen belegte Brötchen, spielen Karten, kraulen sich den Nacken. Die Spieler umarmen sich gern, küssen sich auf die Wange, berühren sich ständig. Kaum ist der Körperkontakt länger als gewohnt, setzt es einen Spruch: Schaut mal, was für ein schönes Paar!
Neben Trainer Fabio Perna begleiten das Team knapp zehn weitere Männer: Co-Trainer, Sportdirektor, Torwarttrainer, Generaldirektor, Teammanager, Zeugwart. Sie haben hauptberuflich andere Jobs, Fabio Perna arbeitet bei der Post, Sportdirektor Felice Piccirillo in einem Versicherungsbüro, ein paar der älteren Funktionäre sind seit Jahren in Rente. Manche haben Familie, andere sind ledig, alle widmen dem MP ihre komplette Freizeit. Für den Aufwand erhalten sie monatlich ein paar Hundert Euro, der MP San Giorgio wird von einigen lokalen Geschäften gesponsert, einem Optiker, Pizzerien und Bekleidungsgeschäften.
22 Freunde müsst ihr sein! In der oberen Reihe der vierte von links ist Gianmarco, rechts von ihm direkt hintereinander: Raffaele, Nicola, Roberto, Alessandro. Und der in der unteren Reihe als fünfter von links ist Marco
Auf der Überfahrt kritzelt Fabio Perna die Aufstellung auf ein Blatt Papier. Noch weiß niemand, wer heute spielt. Bestimmt Raffaele, munkeln die Jungs, denn während der laut Witze erzählt, mahnt Fabio Perna, er solle seine Kräfte sparen. Die Jüngeren in der Mannschaft sitzen nervös in den Sesseln und sprechen kaum ein Wort.
Sportdirektor Felice Piccirillo und Fabio Perna rufen Roberto zu sich, den breitesten der Jungs, sie ernennen ihn zum Kapitän des heutigen Spiels. Mit 17 Toren ist Roberto MPs bester Torjäger. Macht er heute zwei Treffer, könnte er auch in der Liga zur Nummer eins werden. Er ist einer, der es wissen will. Wie in jeder Mannschaft gibt es bei San Giorgio solche wie ihn und die, die es locker nehmen. Es gibt die Lauten, die auf dem Platz schauspielern oder exzentrisch jubeln, und die Schüchternen, die Schwierigkeiten haben, sich zu behaupten. Es gibt die Hitzköpfe, die brüllen und oft Gelbe Karten kassieren. Und die, die dem Gegenspieler die Hand reichen, wenn er fällt.
Manche tragen Brillantohrringe, andere einen Undercut und die meisten Tattoos. Ähnlich wie bei ihren Idolen aus der Serie A zieren die Tattoos ganze Unterschenkel und Arme. Lateinische Sprüche. Raubtiere und Frauengesichter. Die Geburtsdaten von Familienangehörigen oder die Daten, an denen der SSC Napoli die Serie A gewann.
In Italien schauen viele auf die Serie A. Aber eigene Ultras gibt’s auch schon in Liga sechs
Alessandro Laino, 23, Stürmer und Typ Sonnyboy, hat sich eine Figur der griechischen Mythologie stechen lassen: Atlas, der den Himmel auf seinem Rücken trägt. Nur dass der Himmel bei Alessandro ein Fußball ist.
Am Hafen von Ischia holt ein grauer, mit roten Rosen beklebter Reisebus die Mannschaft ab. Auf der Fahrt gibt Fabio Perna die Aufstellung bekannt. Raffaele und Roberto sind dabei, wie vermutet. Die Spieler kriegen Anweisungen, Fabio Perna wirkt, als hätte er einen Plan. Ob der aufgeht, ist unklar, aber allein das Gefühl, vorbereitet ins Spiel zu gehen, kann Sicherheit geben. „Sie werden uns nichts schenken“, ruft Fabio Perna, „und das ist richtig, weil auch wir nichts zu verschenken haben.“ Er mahnt, den Gegner nicht zu unterschätzen, alle klatschen und sprechen dann kaum noch. Das Adrenalin ist fast greifbar, bei den einzelnen Spielern und vor allem bei Fabio Perna selbst.
Am Spiel in Ischia hängen der Tabellenplatz der Mannschaft und seine ganze Ehre. Vergangene Saison spielte der 39-Jährige selbst noch als Stürmer. Anfangs nannten ihn die anderen daher beim Namen statt wie im Fußball üblich „Mister“. Fabio ist der jüngere Bruder von Vereinsgründer Massimo Perna. Nach einem Trauerfall in der Familie übernahm Fabio das Traineramt von Massimo und führte den MP vom fünftletzten Platz auf den sechsten. Gewinnt die Mannschaft heute, geht es hoch auf den fünften, und Fabio Perna zeigt seinem großen Bruder, dass es kein Fehler war, ihn zum Trainer zu ernennen.
Trainiert wird abends, denn die Spieler, Trainer und Betreuer haben alle noch normale Jobs
In der zweiten Halbzeit hält Perna daher nichts mehr auf seiner Sitzschale. Die Jungs spielen schlechter als in der ersten Hälfte. „Muss ich euch wie Kinder behandeln?“, schreit er. „Roberto, willst du endlich anfangen zu spielen?“ An Raffaele richtet er ein paar der wenigen Lobesworte: „Bravo, Leone.“ Neben ihm zieht Sportdirektor Felice Piccirillo sein finsterstes Gesicht. Er trägt eine für den Frühlingstag viel zu dicke Jacke und nimmt ununterbrochen Schlucke aus einer Wasserflasche, um sie dann wieder auszuspucken.
20 Minuten vor Spielende macht Marco Fisio, einer der Jüngeren im Team, den Ausgleich. Fabio Perna ist bedingt zufrieden. „Mannaggia puttana!“ „Basta, Santa Madonna!“ „Ma come cazzo faiiiii!“
Hinter der Geschichte: Franziska Gilli und Barbara Bachmann begleiteten den MP San Giorgio gleich mehrere Wochen. Um nah heranzukommen an den Fußball – und vor allem an die Fußballer. Im Herbst 2026 erscheint ihr Buch "Bello ciao - Italiens Männlichkeit im Wandel" bei Edition Raetia.
Der Trainer wechselt mehrere Spieler aus, er schlägt mit der Faust gegen das Blechdach, unter dem die Auswechselspieler sitzen, und stapft schließlich in der 93. Minute, noch vor Spielende, wütend in Richtung Kabine. Perna verpasst den letzten Eckball des Spiels, den Alessandro Laino frei stehend ins gegnerische Tor köpft. 2:1, Schlusspfiff. In der 96. Minute, im allerletzten Moment, als niemand mehr damit rechnet, gewinnt San Giorgio das Spiel.
Die Jungs stürmen ihrem Trainer hinterher. Sie jubeln, weinen, sie liegen sich in den Armen, hüpfen einander auf die Schultern. „Das ist Fußball“, ruft Perna und lacht. Kurz darauf gibt er einem lokalen Fernsehsender mit der Ernsthaftigkeit eines Serie-A-Trainers ein Interview.
Viel Liebe nach dem späten Sieg auf Ischia
„Fußball ist nicht bloß ein Sport, er ist ein Lebensstil“, sagt Gianmarco am nächsten Tag, als er mit Nicola das Spiel bespricht. Fußball habe ihn geprägt und auch abseits des Rasens zu einem Teamplayer gemacht.
Fußball sei Therapie, findet Roberto. „Wir sprechen über alles: Arbeit, Familie, Liebe. Es ist verbindend.“ Die meisten Freundschaften verdanke er dem Fußball. „Wir sind eine Familie“, betonen die Männer des MP San Giorgio. Eine Familie, die nur aus Männern besteht. Manche klagen zwar, dass ihre Freundinnen und Ehefrauen die Liebe zum Fußball nicht teilen. Und sagen über die, die Interesse zeigen oder zumindest Verständnis, trotzdem: „Sie versteht nichts von Fußball.“
Sprechen sie von Fußball, meinen sie immer den der Männer. „Frauenfußball spricht mich nicht an“, sagt Nicola, der mit 18 der Jüngste in der Mannschaft ist. Gianmarco sagt: „Mir fällt es schwer, das anzuschauen, ich weiß nicht, warum.“ Es sei ein anderer Rhythmus, langsamer als ihrer. Keiner der Männer interessiere sich dafür. Der Traum wird von Mann zu Mann übertragen, vom Bruder, Cousin oder Onkel, vom Nachbarn, Lehrer oder Vater. „Denke ich an Fußball“, sagt Nicola, „sehe ich mich mit meinem Papa auf der Terrasse unseres Ferienhauses spielen.“ Nicht nur die Leidenschaft und Begeisterung für den Sport gehe von den Vätern aus, sagt Gianmarco, sondern auch der Leistungsdruck. Als Trainer der Kindermannschaften des MP San Giorgio beobachtet er es ständig: Väter, die abwinken, schimpfen, enttäuscht sind, wenn ihre Söhne nicht so spielen, wie sie sich das vorgestellt haben.
Noch wissen sie es nicht, aber am Ende der Saison werden die Spieler ihr Ziel erreichen: Platz fünf
Dabei sind es gleich mehrere Prisen Glück, die den Unterschied machen zwischen 6. Liga und Profifußball. Als Gianmarco Anfang 20 war, spielte er in der Serie D mit jemandem, der es später in die Serie A schaffte, in die oberste italienische Liga. „Je älter man wird, desto kleiner wird der Traum“, sagt Gianmarco. Wer nicht aus reichem Elternhaus komme, müsse den Fußball irgendwann der Schule oder einer Ausbildung unterordnen.
Mittlerweile reicht es Gianmarco, seinen jüngeren Mitspielern etwas mitzugeben. Jungs wie Nicola, der sagt, er habe in seiner ersten Saison bei der ersten Mannschaft nicht nur viel über Fußball gelernt, sondern auch über Gefühle, etwa wie er mit Enttäuschungen umgeht. „Ich war immer sehr emotional, langsam werde ich entspannter.“
Sportdirektor Felice Piccirillo, der dafür verantwortlich ist, Talente zu finden, sagt: „Der soziale Aspekt steht bei uns an erster Stelle.“ Der MP will Jugendlichen aus der Gegend, von denen viele aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, eine Chance geben, eine Alternative zu Kriminalität und Gewalt.
Garantieren kann der Fußball nichts. Vor ein paar Monaten wurde ein 19-Jähriger erschossen, der in derselben Liga spielte. Ein Streit unter Jugendlichen, der eskaliert ist. Er war nicht der Erste, erzählt Piccirillo. In den lokalen Medien hieß es immer wieder, der Ermordete sei Fußballer gewesen. Als ob das bedeute, dass er einen ehrenwerten Weg verfolgte.
Nach dem Sieg auf Ischia bleibt wenig Zeit. Die Jungs sind drei Stunden angereist, um eineinhalb zu spielen, vor ein paar Dutzend Zuschauern, nun müssen sie mit der Fähre wieder zurück. Die Insel sehen die Spieler nur aus dem Bus, der sie ohne Zwischenstopp wieder zum Hafen fährt. Dort kaufen sie Süßigkeiten und Chips, auf der Fähre sinken die meisten müde in die weichen Sessel, neben ihnen stapeln sich die Sporttaschen zu einem großen blauen Haufen. Roberto, Nicola und Raffaele sind immer noch auf Adrenalin. Sie stehen an Deck, schauen übers Meer, teilen sich ein Wurstbrot, trinken aus derselben Fanta-Flasche
„Wenn du bis halb zwei Uhr am Morgen ausgehst und so spielst wie heute“, ruft Felice Piccirillo Raffaele zu, „dann geh ruhig immer aus.“ Alle lachen. Wieder liegen sich die Männer in den Armen, länger als gewöhnlich, aber jetzt macht niemand mehr Witze darüber.
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