48 Teams
… spielen diese WM, 16 mehr als bisher. Heißt: mehr Spiele. Und vor allem mehr Geld für die FIFA, sagt der Journalist Johannes Aumüller
fluter: Der Fußballweltverband FIFA hat der WM einen neuen Modus verpasst: 48 statt 32 Teams, 104 statt 64 Spiele. Warum?
Johannes Aumüller: Es gab in der FIFA-Spitze immer den Wunsch, möglichst viele Mannschaften um die Weltmeisterschaft spielen zu lassen. Zum einen kann man vielen Ländern sagen: Ihr seid beim wichtigsten Fußballevent der Welt dabei. Zum anderen generieren mehr Spiele mehr Geld. Und man sammelt so indirekt Stimmen für Wahlen. Beim FIFA-Kongress, der auch den Präsidenten wählt, gilt für die 211 FIFA-Mitgliedsländer das Prinzip „One country, one vote“. Bei Abstimmungen zählt Deutschlands Stimme also genauso viel wie die von Vanuatu oder Guam.
Die FIFA verkauft die Aufstockung als inklusive Maßnahme: Endlich sind mehr kleinere Fußballnationen wie Jordanien oder Curaçao dabei.
Stimmt auch. Vor allem Afrika und Asien haben Startplätze dazugewonnen. Das sind aber wiederum genau die Kontinente, die bei den FIFA-Präsidentschaftswahlen über sehr viele Stimmen verfügen. Salopp gesagt: Wer Asien und Afrika hinter sich hat, ist als Präsident fast durch.
Wie wird denn entschieden, wo eine WM stattfindet?
Die Länder bewerben sich, und der Kongress, der aus allen 211 Mitgliedern besteht, entscheidet dann. Offiziell zählt dabei die Qualität der Bewerbung, praktisch entscheiden geopolitische Interessen, Lobbyarbeit und persönliche Beziehungen innerhalb der FIFA.
Deshalb waren viele Vergaben umstritten.
Das ist noch milde ausgedrückt. Faktisch kommt es derzeit vor allem auf die Interessen von FIFA-Präsident Gianni Infantino an, der zum Beispiel gute Beziehungen nach Saudi-Arabien hat. So ist die Männer-WM 2034 dort gelandet. Lange hat über die WM-Vergaben ein Kreis von nur 24 Personen entschieden. Oft gibt es Hinweise auf Korruption: 2006 Deutschland, 2010 Südafrika, 2018 Russland und auch 2022 Katar. Diese letzte Vergabe hat einen großen Knall im Weltfußball ausgelöst, weil Katar im letzten Wahlgang völlig überraschend gegen die USA gewonnen hat. Das konnte, so die einhellige Meinung, unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein.
Das große Glück der Kleinsten: Die Fans von Kap Verde und Jordanien (Titelfoto) feiern, dass ihre Länder 2026 erstmals bei einer WM dabei sind
Foto: News Licensing/IMAGO
Haben sich die USA dagegen gewehrt?
Das FBI hat ermittelt, es gab 2015 ein riesiges Korruptionsverfahren, das sogenannte FIFA Gate. Mehrere Funktionäre traten zurück, wurden strafrechtlich verfolgt und auch verurteilt. Aber sobald klar war, dass die USA die WM 2026 bekommen, wurde es erkennbar ruhiger. Heute agiert die FIFA fast so ungestört wie vor dem Gate.
Die USA richten die WM zusammen mit Mexiko und Kanada aus. Es ist die erste mit drei Gastgebernationen. Kann so ein Turnier zu groß werden?
Das ist eine zentrale Frage dieses Turniers. 48 Teams, 104 Spiele, knapp sechs Wochen, zwischen den Spielorten in Kanada und Zentralmexiko liegen mehrere Flugstunden. Dazu Donald Trump, der das Turnier ständig für seine Zwecke politisiert. Ich habe Zweifel, ob das Turnier bei den Fans überhaupt noch ankommt.
Ein normales WM-Ticket kostet umgerechnet mehr als hundert Euro, Finaltickets gehen in den fünfstelligen Bereich.
Man muss sich fragen, wer sich das überhaupt leisten kann und will. Mit den Tickets wird regelrecht spekuliert, manche kaufen wohl nur, um das Ticket später teurer weiterzuverkaufen. Die FIFA verdient daran mit: Sie hat eine offizielle Tausch- und Weiterverkaufsplattform für Tickets eingerichtet und kassiert eine Gebühr von Käufern und Verkäufern.
„Es gibt Länder, für die die WM-Teilnahme so herausragend ist, dass Fans ihren Jahresurlaub und ihr Erspartes opfern, um ein Spiel zu sehen. Aber in der Summe ist es ein Turnier für die Reichen“Johannes Aumüller
Wer wird denn in den Stadien sitzen?
Es gibt Länder, für die die WM-Teilnahme so herausragend ist, dass Fans ihren Jahresurlaub und ihr Erspartes opfern, um ein Spiel zu sehen. Und womöglich werden die Tickets für die eher unattraktiven Spiele auch noch günstig. Aber in der Summe ist es ein Turnier für die Reichen.
Unter dem Präsidenten Gianni Infantino hat die FIFA nicht nur die WM vergrößert, sondern auch die Klub-WM, und ab 2031 wächst auch die Frauen-WM. Was steckt dahinter?
Geld. Der Spitzenfußball wird ausgepresst und soll noch mehr Einnahmen abwerfen. Es gibt aber auch einen sportpolitischen Grund: den Konflikt zwischen FIFA und UEFA.
Die FIFA ist der globale Fußballverband, die UEFA ein kontinentaler, zuständig für Europa. Die UEFA gehört also zum FIFA-System.
Sie hat aber eine besondere Rolle, weil Europa der entscheidende Fußballmarkt ist. Da spielen die besten Vereine und Spieler und Spielerinnen, dort finden die wichtigsten Klubwettbewerbe wie die Champions League statt. Mit Projekten wie der Klub-WM, bei der die besten Klubs der Welt gegeneinander antreten, versucht die FIFA, mehr Einfluss zu gewinnen.
Auch Curaçao ist 2026 das erste Mal dabei, als bisher kleinste Nation
Foto: ANP/IMAGO
US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino sind zuletzt häufig zusammen aufgetreten. Was ist das für eine Beziehung?
Ich würde es eine Geschäftsbeziehung nennen. FIFA Gate hat die alte FIFA-Führung aus dem Amt gespült. Infantino konnte dieses Vakuum nutzen, auch wegen der Unterstützung aus den USA. Unter ihm gab der FIFA-Kongress auch den Zuschlag für die WM-Bewerbung der USA.
Und Infantino verlieh Trump einen Friedenspreis.
Trump hatte den Friedensnobelpreis nicht bekommen, also erfindet Infantino extra für ihn einen FIFA-Friedenspreis und überreicht ihn bei der Auslosung der WM-Gruppen. Gute Beziehungen zu Staatschefs gehören natürlich zum Job eines FIFA-Präsidenten, aber da hat sich Infantino vor aller Welt zum Clown gemacht.
Wird es einen zweiten Preisträger geben?
Höchstens Infantino selbst.
Juristisch betrachtet ist die FIFA ein gemeinnütziger Verein. Es scheint aber vor allem um Profit zu gehen.
Da gilt besonders krass, was für so viele Sportverbände gilt: Formal ist die FIFA ein Verein, faktisch ein Milliardenkonzern mit Standorten unter anderem in Zürich, Miami, Paris und Dubai. Als Verein mit Sitz in der Schweiz hat sie steuerliche Vorteile und wird kaum kontrolliert. Solange sich diese Struktur nicht ändert, wird es weiter Skandale geben.
Wenn Sie freie Hand hätten: Wie würden Sie die FIFA reformieren?
Man braucht sie im Grunde gar nicht. Die einzige wirkliche Aufgabe der FIFA besteht darin, alle vier Jahre eine WM zu organisieren. Man könnte ihre Rolle einfach auf die eines Turnierbüros reduzieren.
Debütant Nummer vier: Das zentralasiatische Land Usbekistan
Foto: Anadolu Agency/IMAGO
Gibt es eine ernst zu nehmende Gegenmacht zur FIFA?
Einzelne Gruppen positionieren sich. Die Gewerkschaft der Spielerinnen und Spieler FIFPRO etwa weist immer wieder darauf hin, dass der Spielkalender zu voll und das System kurz vor dem Platzen ist, weil die Aktiven nicht genug Pausen kriegen. Und was passiert? Eine neue Gewerkschaft gründet sich, die AIF, die direkt betont, mit der FIFA zusammenarbeiten zu wollen.
Wer steckt hinter dieser Konkurrenzgewerkschaft
Offiziell hat sie sich gegründet, weil einzelne Akteurinnen und Akteure mit der FIFPRO unzufrieden waren. Aber die Gründung der AIF kommt der FIFA verdächtig gelegen. Das wäre ein typisches Beispiel, wie man kritische Stimmen aushebelt. So kann die FIFA jederzeit darauf hinweisen, dass es ja auch Spielerinnen und Spieler gibt, die ihrer Linie folgen.
Wem gehört der Fußball gerade?
Die FIFA glaubt, dass er ihr gehört. Aber das kann sich schnell ändern. Die Fans haben einen großen Hebel, wenn sie nicht jeden Ticketpreis mitgehen. Aber vor allem die nationalen Verbände stehen in der Pflicht, gerade die der demokratischen Nationen. Es gibt nur wenige, die sich klar gegen die FIFA und Infantino positionieren. Der Präsident des deutschen Fußball-Bunds (DFB), Bernd Neuendorf, sitzt sogar im FIFA-Rat, einem inzwischen 37-köpfigen Gremium, das alle Entscheidungen abnickt. Er schwimmt einfach mit.
Und wem sollte er gehören?
Den Fans, völlig klar.
Johannes Aumüller ist leitender Redakteur für Sportpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“ und beschäftigt sich seit Jahren mit der FIFA.
Foto: Niklas Keller
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