Nach seiner Pfeife
Auch Schiris träumen vom Aufstieg. Oskar Lämpel ist 23, pfeift 5. Liga – und will weiter nach oben
Als er um 15.53 Uhr abpfeift, hat Oskar Lämpel sieben Gelbe Karten verteilt, eine davon an einen der Trainer. Er ist gut zehn Kilometer gelaufen, hat vier Tore gegeben und eines nicht: Abseits.
Ein bewölkter Sonntag im April, im Süden Berlins haben die Herrenteams von Croatia Berlin und der TSG Neustrelitz gegeneinander gespielt. Die Spieler, Betreuer und rund 100 Zuschauende kennen nun das Ergebnis: 2:2. Für den Aufstiegsanwärter Neustrelitz ist das beim Tabellenvorletzten ein Rückschlag. Oskar Lämpel kennt sein Ergebnis noch nicht. Auch er hat hier heute um den Aufstieg gespielt.
Oskar ist 23 und in seiner dritten Saison in den beiden Oberligen des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV). 5. Liga. Wer hier spielt oder pfeift, gehört zu den obersten ein bis zwei Prozent des deutschen Fußballs. Gestern war Oskar noch in Nürnberg im Einsatz, U-19-Bundesliga. Jünger kann man als Schiedsrichter kaum so weit oben landen.
„Wir sind wie eine dritte Mannschaft. Aber eine, die nur Auswärtsspiele hat“Oskar Lämpel
Begonnen hat sein Arbeitstag heute um 9.30 Uhr. Er wurde aus seiner Heimatstadt Dresden mit dem Auto abgeholt, von Olli, einem seiner beiden Assistenten, wie die Linienrichter korrekt genannt werden. In Berlin haben sie den anderen Assistenten Paul eingesammelt, der aus Leipzig angereist ist. Als sie anderthalb Stunden vor Anpfiff das Stadion erreichen, tragen alle drei die Trainingsanzüge des Sächsischen Fußball-Verbands. Die Uniform ist auch ein Statement. „Wir sind wie eine dritte Mannschaft“, sagt Oskar. „Aber eine, die nur Auswärtsspiele hat.“
Entsprechend trifft man sie heute fast immer zu dritt an. Auch als sie den Platz begutachten. Sind die Tornetze intakt? Die Coachingzonen abgesteckt? Wie groß ist das Spielfeld? Innerhalb eines Normbereichs dürfen die Plätze verschieden groß sein. „Auf kleineren wird es schneller hitzig, auf größeren muss man mehr laufen“, sagt Oskar.
Auch eine Lagebesprechung gehört vor dem Spiel dazu. Beide Teams stünden in der Fairnesstabelle weit unten, erklärt Oskar. Einer der beiden Trainer gelte als eher schwierig, versuche, Einfluss zu nehmen, wenn auch immer an der Grenze des Erlaubten. „Die Big Points, also Notbremse, Strafstoß, das muss passen“, sagt Oskar. „Ihr könnt mir gern das gesamte Spiel reinsagen, wenn ihr ’ne andere Meinung habt.“ In der Oberliga hat das Schiriteam bereits Headsets und kann auf dem Platz über Funk kommunizieren.
Ein Betreuer von Croatia bringt ein Tablett mit belegten Brötchen und die Spesenzettel in die Kabine. 100 Euro kriegt Oskar für den Einsatz, je 60 Euro die beiden Assistenten, dazu kommt eine Fahrtkostenerstattung. Oskar macht sich noch mal die Haare schön – „Wir Schiris sind genauso eitel wie die Spieler“ –, dann geht es aufs Feld.
Früh fällt ein Abseitstor für Neustrelitz. Als die Fahne hochgeht, beschwert sich kaum jemand. Überhaupt lamentieren die Spieler weniger, als man es aus der Bundesliga kennt. Was auch an Oskar liegt. Er läuft aufrecht, seine Bewegungen sind ruhig, aber bestimmt. Wenn es hitzig wird, macht er ein paar lange Schritte, um schnell vor Ort zu sein.
Regelmäßig schaut sich Oskar mit einem Schiedsrichtercoach vom Verband Videos seiner Spiele an. Sie achten auch auf seine Körpersprache. Die vermittelt, was Oskar die wichtigste Eigenschaft eines Schiedsrichters nennt: Durchsetzungsvermögen. Ihn wundert es jedenfalls nicht, dass viele Schiris als Polizistinnen, Juristen oder Lehrer arbeiten. Oskar studiert auf Lehramt, Geografie und Gemeinschaftskunde. Ohne die Schiedsrichterei wäre ihm das nicht in den Sinn gekommen, sagt er. „Sich jedes Wochenende zwischen 22 Spielern durchzusetzen, das macht schon was mit der Persönlichkeit.“
Nervös ist Oskar trotzdem vor jedem Spiel. „Und wenn ich es mal nicht bin, wird es meistens irgendwie schlecht.“ Der Nervenkitzel sei aber auch das Schöne. Genau wie der Moment, wenn ein Spiel dann vorbei ist und der Druck abfällt.
Zum Pfeifen ist Oskar gekommen wie fast alle anderen Unparteiischen. Jeder Fußballverein muss eine gewisse Anzahl von Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern stellen, sonst verhängt der Verband Geldstrafen oder sogar Punktabzüge. Auch bei der SG Weixdorf gab es 2015 Bedarf. Oskar war zwölf Jahre alt, das Mindestalter für Schiris, und „nicht unbedingt der begnadetste Fußballer“. Also probierte er es mal aus.
Nach einigen Wochen Abendunterricht und einem bestandenen Test war Oskar Schiedsrichter. Erst mal nur bei den Junioren, aber schon mit 17 durfte er in den Erwachsenenbereich. Und machte das so gut, dass er in Windeseile aufstieg. Zeitweise wechselte er schon in der Winterpause in eine höhere Liga.
„Manche denken, sie könnten den Frust, der sich über die Woche aufgestaut hat, auf uns Schiedsrichtern abladen“Oskar Lämpel
Das Pfeifen ist nicht nur ein Ehrenamt. Es ist auch ein Wettkampf. Von den 47 Schiris der beiden NOFV-Oberligen steigen diesen Sommer wohl zehn in die Landesliga ab, und nur die zwei oder drei besten steigen auf. Sie alle werden mehrmals pro Saison von externen Beobachtern mit einem komplexen Punktesystem bewertet. Auch heute ist jemand im Stadion.
Ob Oskar mal in die Bundesliga will? „Das wäre kein realistisches Ziel“, sagt er. „Dafür muss alles passen, da muss man eine Saison eigentlich fehlerlos über die Bühne bringen, und das mehrmals hintereinander.“ Jetzt, wo er sich in der Oberliga etabliert hat, wolle er erst mal in die Regionalliga aufsteigen.
Dass Schiedsrichterei ein Sport ist, zeigt sich auch an der Belastung. Die zehn Kilometer, die Oskar im Spiel gelaufen ist, sind ganz normal. Das Stellungsspiel ist wichtig: möglichst in Ballnähe bleiben, ohne im Weg zu stehen. Dafür muss Oskar immer wieder über den halben Platz sprinten. Vor jeder Saison muss er einen Fitnesstest absolvieren, für die Oberliga ist es derselbe wie in der Bundesliga. Dazu gehört unter anderem, 40-mal 75 Meter zu sprinten in jeweils maximal 15 Sekunden, dazwischen nur kurze Gehpausen. Wer das nicht schafft, darf einmal wiederholen. Sonst ist die Saison gelaufen.
Das geht nicht ohne Weiteres. Viermal im Monat McDonald’s sei nicht drin, sagt Oskar. Fast jedes Wochenende steht er auf dem Platz, oft an beiden Tagen. Partys seien da kaum möglich, Nebenjobs wie Kellnern auch nicht, und natürlich „kann der Job auch ein ganz schöner Beziehungskiller sein“. Aber alles eine Frage der Prioritäten, sagt Oskar, und seine liegen aktuell nun mal auf dem Fußball.
Das Spiel zwischen Croatia und Neustrelitz ist zum Ende der ersten Hälfte hitziger geworden. „Stell dich den Spielern nicht immer zur Verfügung. Triller rein und hau ab!“, rät Assistent Olli in der Halbzeitpause. Er ist 26, schon etwas erfahrener und pfeift selbst Oberliga. Theoretisch ist er damit Oskars Konkurrent um den Aufstieg, praktisch sind die beiden, die wegen ihrer Wohnorte oft zusammen eingesetzt werden, gut befreundet.
An dem Wochenende, an dem Oskar in Berlin und Nürnberg pfeift, wird in Wuppertal und Umgebung nicht gespielt. Die Schiedsrichter des Landkreises streiken, nachdem einer von ihnen bei einem Kreisligaspiel von mehreren Personen gejagt, geschlagen und verletzt wurde.
Auch Oskar kennt aggressive Sprüche und Gesten. „Manche denken, sie könnten den Frust, der sich über die Woche aufgestaut hat, auf uns Schiedsrichtern abladen.“ Aber mehr habe er selbst nie erlebt. Was sicher auch mit seinem schnellen Aufstieg zu tun hat. Gewalt gegen Unparteiische sei vor allem in den unteren Spielklassen ein Thema, sagt Oskar. „Und meist sind eh nicht die Spieler und Trainer das Problem, sondern die Zuschauer.“ In den höheren Ligen gibt es Ordner, die die Schiris begleiten. Das ist auch heute so.
Die Aggressionen sind ein Grund dafür, dass die Zahl der deutschen Fußballschiedsrichter 20 Jahre lang abnahm. Erst seit ein paar Jahren steigen die Zahlen wieder. Vergangene Saison gab es mehr als 60.000 Unparteiische. Darunter mehr Frauen als früher, wenn auch auf niedrigem Niveau, 2025 waren es 4,5 Prozent.
Zu Beginn der zweiten Hälfte nutzt Oskar eine Situation, in der es Stress zwischen den Teams gibt, um jeweils eine Gelbe Karte zu zeigen und so ein Zeichen zu setzen. Es bleibt aber giftig. Besonders die vielen Abseitspfiffe gegen Neustrelitz sorgen für Unmut an der Seitenlinie, bei den Fans und beim Trainer. Als das Spiel vorbei ist, gehen Oskar, Olli und Paul zielstrebig vom Feld.
In der Kabine klatschen sich die drei ab. Geschafft! Wichtige Spielereignisse, Tore, Karten, Auswechslungen, tragen sie sofort in eine App ein. Jemand bringt eine Runde Bier. Und dann kommt der Schiedsrichterbeobachter, der sich auf der Tribüne das ganze Spiel über Notizen gemacht hat.
Für Oskar ein wichtiger Moment. Zur Winterpause stand er auf Platz 11 der 47 NOFV-Oberliga-Schiris, in der Rückrunde will er sich hocharbeiten.
Zunächst unterhalten sich die vier über die Liga, ihre Stadien und die Teams, dann geht es in die Spielanalyse. Jetzt ist von „Einstiegsverwarnung“, „Trefferbild“ oder „Kontaktvergehen“ die Rede. Der Beobachter ist angetan. Oskars Auftreten hat ihm imponiert, seine Entscheidungsgeschwindigkeit, das Spielverständnis. Er kann fast alle Pfiffe nachvollziehen, nur eine Szene in der 30. Minute hat ihm nicht gefallen. Ein Foul, bei dem es Oskar statt einer Gelben Karte bei einer Ermahnung belassen hat. Das gibt ein paar Punkte Abzug, und so ist Oskar trotz allen Lobs und insgesamt guter Bewertung eine Spur unzufrieden mit sich.
Das verfliegt mit der Dusche. Für das Trio gibt es noch etwas vom Grill und Getränke. Und kroatische Schlager. Auch drei wichtige Gründe fürs Schirisein, sagt Oskar. „Es ist zwar ein tagesfüllendes Programm, aber immer mit Freunden und Bekannten.“ Erst um 22.30 Uhr ist er wieder zu Hause.
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Fotos: Anna Tiessen