Ich sehe was, was du nicht siehst
Der Kampf um Talente geht früh los. Patrick Schrade und Jonas Schmidt suchen Jugendspieler für Hannover 96. Wie finden sie die?
Die Spieler
„Hintermann, Hintermann!“ Ole leitet den Ball direkt weiter, in seinem Rücken drückt ein Gegenspieler. Zehn gegen zehn, über den ganzen Platz, aber ohne Flügel: Die Trainer haben das Spielfeld schmaler gemacht. Immer wieder stoppen sie das Spiel, korrigieren, erklären, starten von vorn. Ole legt den Ball ab, Torschuss Kevin. Knapp vorbei.
Donnerstagabend, die U 19 von Hannover 96 trainiert vor dem Achtelfinale ihrer DFB-Nachwuchsliga. Und Ole Wegner, 19, ist ein Teil davon. Wenn auch ein vergleichsweise später. Mit 17 ist Ole ans Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Hannover gewechselt, in dem junge Fußballtalente ausgebildet werden. Die meisten, die später Profis werden, sind früher an einem NLZ, mit 13 oder 14 Jahren.
Ole kommt aus Berlin, hat dort bei verschiedenen Amateurvereinen gespielt, zuletzt bei Viktoria. „Aber das hier ist noch mal was anderes“, sagt er. Vor 96 habe er nie ein Gym von innen gesehen. Hier ist es Alltag, Oberkörper trainieren, Beine. Ole hätte in Berlin bleiben, vielleicht für Hertha spielen können. Aber Hannover hat ihn überzeugt. „Hier ist das Zusammenleben richtig familiär.“
Kevin Ahlberg kannte die Welt der NLZ längst, er war schon bei Gladbach in einem, ist dort U-17-Meister geworden. Trotzdem war es für ihn schwieriger, als er vergangenen Sommer nach Hannover wechselte. Er blieb hinter den Erwartungen zurück, brauchte Zeit. Den Trainern schien klar zu sein: neue Stadt, anderer Verein, andere Spielweise. Das muss sich finden.
Die Scouts
„Einen herausragenden Spieler zu erkennen, ist nicht die Kunst“, sagt Jonas Schmidt. Er ist Talentscout bei Hannover 96. Alles abwärts der U 16 ist seine Aufgabe, alles darüber die seines Kollegen Patrick Schrade. „Dass ich an einem Sportplatz vorbeifahre und da den neuen Messi sehe, ist eine schöne Geschichte“, sagt Jonas. Aber eben nur eine Geschichte. „In der Realität stehen da nicht nur wir am Rand, sondern auch Scouts anderer Vereine.“ Konkurrenz gibt es viel, unentdeckte Talente eher weniger.
Es gehe darum, den Spieler zu finden, der sportlich und menschlich am besten zur Mannschaft passt. Dabei spielt auch das Geld eine Rolle. „Die großen Vereine sind teilweise bereit, extrem hohe Summen zu zahlen“, sagt Patrick. „Wir wollen aber mit Spielern arbeiten, die auch wirklich hier sein wollen.“ Und die was können. „Wenn du ganz oben dabei sein willst, geht es ohne Talent nicht“, sagt Patrick. Und dann fallen sie, die Begriffe, mit denen herausragende Fußballerinnen und Fußballer beschrieben werden: leichtfüßig, schnell, athletisch, taktisch clever.
Aber fußballerisch sehr gut zu sein, reicht nicht. „Was sind das für Charaktere? Sind das Menschen, die für den Team- und vor allem auch den Leistungssport geeignet sind?“ Das Mentale sei extrem wichtig, betonen Jonas und Patrick. Es gehe dabei nicht nur um Ehrgeiz und Belastbarkeit. „Wenn sich zum Beispiel jemand herablassend anderen gegenüber benimmt, ist das ein Problem“, sagt Patrick. „Um so was auszuschließen, müssen wir selbst beobachten.“ Dabei könne ihnen keine KI helfen. Gerade bei Jonas, also im Bereich der U 10 bis U 16, gäbe es ohnehin kaum Videos oder relevante Daten.
Sobald die Spieler später in die Jugendmannschaften größerer Clubs wechseln, produzieren sie dann ständig Daten. Auf die greift auch Patrick zurück. Gewonnene Zweikämpfe, Passquoten, Sprints. Wer ragt heraus? Wer passt zum Profil? Passen die Daten, schauen sich mehrere Scouts den Spieler mehrmals live an. „Es gibt ja auch mal schlechte Tage, an denen sie nicht so gut spielen wie sonst.“
Die Entdeckung
Im vergangenen Sommer wusste Patrick genau, was er sucht. Er und Jonas beobachten nicht nur Spieler anderer Vereine. „Wir müssen natürlich auch unsere eigenen Mannschaften gut kennen, um zu wissen, was wir brauchen.“ Im Sommer 2025 brauchten sie einen Mittelstürmer für die U 19. Patrick fand: Kevin.
Dass Kevin überdurchschnittlich gut Fußball spielt, war früh klar. „Mit zehn habe ich bei den Zwölfjährigen gespielt“, erzählt er. „Und gehörte trotzdem zu den Besten.“ Kevin sei groß und robust, sagt Patrick. „Aber auch in der Ballverarbeitung sehr sauber.“ Und er sah die Chance, ihn in diesem Sommer von Hannover zu überzeugen.
In der Meistersaison bei Gladbach hatte Kevin viel Spielzeit. Aber andere Spieler seines Jahrgangs wurden besser bewertet, Kevins Entwicklungsmöglichkeiten waren eher mau. Patrick sprach mit seinen Eltern, dann mit seinen Eltern und dem Berater, er sah sich weitere Spiele von Kevin an und lud ihn schließlich ein, sich das NLZ in Hannover anzuschauen.
Als Kevin signalisierte, dass er sich einen Wechsel vorstellen kann, ging es in die Vertragsverhandlungen. Denn trotz auslaufendem Vertrag stand Gladbach eine Ausbildungsentschädigung zu. Solche Zahlungen wurden auch eingeführt, um zu viele Wechsel zwischen NLZ zu verhindern. Laut den beiden Talentscouts zeigen die Statistiken: Je früher man bei einem Verein ist und je länger man dort bleibt, desto besser für die sportliche Entwicklung.
In dieser Saison hat Kevin wieder unter Beweis gestellt: Tore schießen und vorbereiten kann er. Mittlerweile ist er wie Ole Stammspieler in der U 19. Bei Ole lief das Scouting allerdings anders. Hannover sah in ihm keinen spezifischen Spielertyp, er stach einfach durch seine Kreativität auf dem Platz hervor. Sein Vorbild? Joshua Kimmich, der wie Ole im zentralen Mittelfeld spielt und ein „Mentalitätsmonster“ sei. Patrick sieht in Ole einen quiet leader, einen, der das Team führt, ohne laut zu werden, und mit dem man gut arbeiten kann. „Ole ist klar im Kopf, hat eine hohe Spielintelligenz und ist sehr bodenständig.“
Auch Ole wurde über einen längeren Zeitraum gescoutet. Dann schickte 96 eine Einladung ins Internat, mit Übernachtung, einmal alles kennenlernen. Als ein anderer Verein Interesse anmeldete, stieg Patrick kurzerhand ins Auto Richtung Berlin, wo Ole nachts den Vertrag unterschrieb.
Die Akademie
Es gibt knapp 60 NLZ in Deutschland. Jeder Verein der Ersten und Zweiten Bundesliga ist verpflichtet, eines zu betreiben. In Hannover besuchen derzeit 185 Jungs die Akademie, wie sie das NLZ hier nennen. Die meisten von ihnen wohnen zu Hause und kommen nur zum Training; 16 sind im Internat, das zusammen mit dem Eilenriedestadion und sechs Fußballplätzen zum NLZ gehört. Es liegt direkt am Stadtwald, alles kompakt beieinander. Wenn die Fenster des Kraftraums offen sind, hören sie in den Büros des NLZ gegenüber die Rapmusik der Jungs.
Die Spieler der U 19 trainieren in der Regel sechsmal die Woche. Der Traum ist bei allen derselbe: Profifußballer werden. Sie sind ihm näher als fast alle anderen Jungs ihres Alters. Und haben trotzdem kaum Chancen. „Nur zwei Prozent eines Jahrgangs schaffen es in den Profibereich“, sagt Patrick.
In Hannover sprechen sie deshalb gern vom „Plan A“, den sie hier verfolgen: Fußball und Schule, beides muss stimmen. Dass Fußball allein nicht glücklich macht, hat Ole schon gemerkt. Er beendete die Schule nach der zwölften Klasse. „Ich war den ganzen Tag nur hier auf der Anlage und habe nichts anderes gesehen.“ Mental ging es ihm deshalb nicht gut, seine Leistung ließ nach. „Unser Sportpsychologe hat mir in der Phase sehr geholfen. Erstmal, um überhaupt zu verstehen, was das Problem ist und wie eine Lösung aussehen könnte.“ Neben der Akademie macht Ole jetzt ein FSJ an einer Grundschule.
Feiern gehen, Serien gucken bis spät in die Nacht? Bei Kevin und Ole gibt’s das nicht. „Ich schlafe lieber neun Stunden. Mit wenig Schlaf steigt das Verletzungsrisiko“, sagt Kevin. „Ich kann hier genau das machen, worauf ich Bock habe. Mein Kopf ist nie so frei wie beim Fußballspielen.“ Ole nickt. Beide wollen kein anderes Leben. „Ich leg mich gleich nach dem Training noch in die Eistonne, dann gehen wir etwas essen und spielen vielleicht noch ein bisschen ‚FIFA‘.“ Training ist morgen erst um halb zwölf. „Aber meist sind wir eine Stunde eher da.“
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Illustration: Julia Trachsel