Die Fußballweltformel
Expected Goals, Interceptions, Pressingresistenz: Daten werden im Fußball immer wichtiger. Lässt sich jede Qualität messen? Und wird das Spiel dadurch nicht irgendwann öde? Ein Gespräch mit dem Sportinformatiker Daniel Memmert
fluter: Vor fast 30 Jahren ist mit Aílton ein damals unbekannter Brasilianer aus Mexiko zu Werder Bremen gewechselt. Er war das Gegenteil eines Musterprofis, galt als pummelig. Und wurde trotzdem Meister und Torschützenkönig. Würde ein Aílton heute durch diese Vorauswahl fallen?
Daniel Memmert: Die Gefahr besteht. Heute durchforsten Datenscouts die Ligen nach sogenannten KPIs, Key Performance Indicators, das sind Variablen wie Sprintmeter, gewonnene Zweikämpfe oder erfolgreiche Pässe. Erst wenn ein Spieler diese Vorfilterung überstanden hat, schicken die Vereine Scouts, um ihn live zu beobachten. Gerade in Südamerika, Asien oder Afrika fehlen oft komplexere Daten, zum Beispiel die Positionsdaten, die zeigen, wie sich die Spielerinnen und Spieler im Raum bewegen. Da sind viele Vereine daher weiter auf Tippgeber angewiesen.
Lassen sich denn alle Qualitäten mit Zahlen erfassen, auch Teamgeist oder Führungsfähigkeiten?
Nein, aber wir machen Fortschritte. In einem Pilotprojekt an der Sporthochschule Köln versuchen wir, die Körpersprache zu analysieren. Mit den 3D-Daten können wir beispielsweise das Körpervolumen messen: Wenn die Schultern nach außen gehen, nimmt das zu – was für ein positiveres Auftreten sorgt und auf die gegnerische Mannschaft imposanter wirkt. Wer einen Führungsspieler braucht, könnte künftig gezielt nach solchen Volumina suchen.
Was ist mit der Kreativität, lässt sich die messen?
Auch da helfen 3D-Daten. Wir wissen, dass Spielerinnen und Spieler kreativer sind, die vor der Ballannahme über die Schulter schauen, um sich zu orientieren. Sie nehmen ihre Mitspieler besser wahr und finden originellere Lösungen.
„Im Spitzensport ist Romantik fehl am Platz. Es kommt auf jeden halben Prozentpunkt an“Daniel Memmert
Das kann man, sobald man es weiß, einfach trainieren. Entzaubern die vielen Daten den Mythos von Genies, denen das Talent angeboren ist?
Nur zum Teil. Wir wissen, dass Kreativität etwa zur Hälfte angeboren ist. Die andere Hälfte lässt sich trainieren. Bei Trainingsspielen kann zum Beispiel ein neutraler Spieler eingebaut werden, der versucht, beiden Mannschaften den Ball abzunehmen. Das schärft ein Bewusstsein dafür, was rundherum passiert. Heute, wo sich Spielverläufe immer besser vorhersagen lassen, werden diese kreativen Unterschiedsspieler noch wichtiger.
Vor jedem Bundesligaspiel stehen unzählige Daten zur Verfügung, um sich auf den Gegner vorzubereiten. Gibt es noch die Romantiker, die da lieber auf ihr Gefühl hören?
Im Spitzensport ist Romantik fehl am Platz. Es kommt auf jeden halben Prozentpunkt an. Grundsätzlich versuchen die Trainerteams, möglichst viele Spielsituationen vorauszuplanen: Wie ändert sich die Spielstatik, wenn ein Tor fällt? Wie sollte sich die Mannschaft dann taktisch verhalten, um die Siegchancen zu maximieren? Lieber Pressing, also den Spielaufbau des Gegners früh attackieren, oder eher auf Ballbesitz spielen? Offensiv entlasten oder hinten reinstellen? Je mehr Daten die Verantwortlichen haben, desto bessere Entscheidungen treffen sie in der Regel.
Setzen sie dabei auch künstliche Intelligenz ein?
Es gibt seit zehn Jahren KI-Tools, die Muster auf dem Spielfeld analysieren und helfen, Prognosen aufzustellen. Als Weiterentwicklung der Expected Goals (xG), die angeben, wie viele Tore mit den herausgespielten Chancen zu erwarten gewesen wären, sind Modelle denkbar, die jede einzelne Aktion auf dem Spielfeld berücksichtigen. Jeder gewonnene Zweikampf, jeder überspielte Gegner würde in eine Art Fußballweltformel einfließen. Mit der könnten Trainerteams je nach Situation taktische Optionen wählen, deren Siegeswahrscheinlichkeit sich eindeutiger beziffern ließe.
Wird Fußball dann nicht wahnsinnig öde?
Unsere Berechnungen zeigen, dass 42 Prozent der Tore durch Zufall entstehen: Torwartfehler, Bälle, die von der Latte abprallen oder vom Gegner abgefälscht werden. Das ist alles nicht trainierbar. Vor zehn Jahren lag der Wert nur leicht höher, bei 48 Prozent, und ich denke, dass wir nicht viel niedriger kommen. Das ist ja auch das Schöne am Fußball: Man kann noch so viel planen, oft entscheidet ein Tor, und dann schlägt der unterklassige Verein den Topfavoriten.
Daniel Memmert, geboren 1971, ist Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln und dort geschäftsführender Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik. Er hat mehrere Fachbücher zum über Fußballtaktik und -training geschrieben.
Foto: Kenny Beele
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Titelbild: Adam Corbett/Kintzing/Connected Archives