Gezeichnete Figur in der Ecke eines Spielfelds

„Ihr müsst mich mal ersetzen“

Wer macht Fußball möglich? Teil 3: Der Betreuer Hans-Jürgen „Quietschie“ Bittau ist 75 Jahre alt. 50 davon widmete er dem FC Germania Metternich

Protokoll: Marc Latsch
Thema: Sport
17. Juni 2026

Meinen Spitznamen habe ich mir an der Tankstelle abgeholt, bei der ich gelernt habe. Die Leute kamen angefahren, sagten: „Da quietscht wieder was“, und ich habe dann die Ölkanne gebracht. Heute kennen mich in Metternich alle, aber alle nur als Quietschie.

Die Fußballer aus Metternich kannte ich auch von der Tanke. Dass ich bei Germania angefangen habe, war aber eher Zufall. Ein Bekannter sprach mich im Imbiss an, weil er als Trainer der A-Jugend Hilfe brauchte. Das ist 50 Jahre her. Ich habe die Jugendlichen immer zu Hause abgeholt, auch sonntagmorgens, um sieben Uhr, bei Glatteis. Ich habe mich nie gefragt, ob das überhaupt Sinn ergibt. Der liebe Gott hat gesagt: Du hast Aufgaben, und so einfach geht man nicht von der Welt.

Später wurde ich Betreuer in den Herrenmannschaften. Ich habe das Essen besorgt, mich um die Spielerpässe gekümmert, den Platz abgekreidet. Danach war man schön weiß. Ich war auch da, wenn es einem Spieler mal nicht gut ging. Das gehört dazu. Auf dem Sportplatz kriegst du alles mit. Zusätzlich habe ich 17 Jahre lang die Kleinsten trainiert. Das war die schönste Zeit. Bis heute treffe ich Jungs, die sagen: Du hast mir viel beigebracht. Da bin ich stolz drauf.

„Ein Mal wollte der Schiri nicht anpfeifen, weil eine Eckfahne fehlte. Da habe ich im Vereinsheim eine Tischdecke ausgeliehen, ausgeschnitten und drangehangen“

Als ich groß geworden bin, gab es nur Fußball. Ich habe auf dem Schulhof Büchsen umhergeschossen und in Koblenz durch die Gitter ins Stadion geschaut. Ich hatte kein Geld für den Eintritt. Drinnen saßen die mit ihren dicken Zigarren. Das war eine Atmosphäre.

In meiner Zeit als Betreuer habe ich einiges erlebt. Einmal haben sie mich mit einem Blech Kuchen in der Hand auswärts vergessen. Ein anderes Mal wollte der Schiedsrichter nicht anpfeifen, weil eine Eckfahne fehlte. Da habe ich im Vereinsheim eine Tischdecke ausgeliehen, ausgeschnitten und drangehangen. Der Präsident hat mich für verrückt erklärt. Aber sonst hätten wir ja eine Geldstrafe gekriegt.

Heute bin ich nur noch Linienrichter. Auch da sage ich immer: Ihr müsst mal einen finden, der mich ablöst. Ich bin 75. Aber Menschen wie mich, die umsonst schaffen, gibt es kaum noch.

Vor jedem Heimspiel gehe ich über den Friedhof, wo meine Kumpels liegen. Dann sage ich „Gude“, „Gude“, „Gude“. Man muss immer beides sehen: das Leben und den Tod. Der Fußball ist das Leben, Germania Metternich ist meine Familie. Sonst hätte ich das nicht so lange gemacht. Wenn ich zur Mannschaft gehe, umarmen mich immer noch alle. Das ist die Erfüllung.

Cover Fluter-Heft 99 Fußball, man sieht viele alte Trophäen in einem Glasschrank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Fußball“.
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Illustration: Julia Trachsel