Zwei Personen liegen entspannt nebeneinander auf einer Holzfläche im Freien, eine Person lächelt und trägt eine blaue Jacke, die andere hat ein gemustertes Kopftuch und eine Kamera liegt daneben

„Random, aber let’s be friends!“

Wer jenseits von Schule, Uni oder Arbeit neue Freundschaften finden will, hat es oft schwer. Wie es Sammy, Julia, Clister und Daniel trotzdem geschafft haben

Protokolle: Julian Schmelmer
Thema: Liebe
2. September 2026
„Ich war extrovertiert und laut, sie ruhig und warm“

Mit meiner besten Freundin Hannah war es Liebe auf den ersten Blick. Für ein Praktikum zog ich von Wiesbaden nach Hamburg. Zwei Monate später habe ich mich von meinem damaligen Freund getrennt. Ich brauchte einen kompletten Neustart. Mein alter Freund:innenkreis war zu sehr mit meinem Ex-Freund verbunden.

In einer großen Stadt wie Hamburg ist es schwer, Freund:innen zu finden. Trotzdem wollte ich es versuchen. Gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin ging ich auf viele Partys. Dort traf ich einige nette Meschen, stieß aber auch auf Drogen und nervige Poser aus der Musikszene – beides große Red Flags.

Ich merkte, dass bei der Freund:innensuche im echten Leben für mich wenig zu holen war, also lud ich mir die gängigen Dating-Apps runter und machte Treffen aus. An romantischen Beziehungen war ich kaum interessiert. Bei Bumble und Tinder muss für mich nicht immer was laufen, man lernt sich erst mal einfach nur kennen. Aus vielen dieser platonischen Dates wurden enge Freundschaften. Auch Hannah lernte ich so kennen. Allerdings erst in der WG-Küche ihres Mitbewohners Yannick, mit dem ich vorher auf Bumble gematcht hatte. Stundenlang unterhielten wir uns bei einem Filterkaffee über Hamburgs Datingszene und die anstehende Weihnachtszeit. Zwei Tage später schrieb ich ihr auf WhatsApp und fragte sie nach einem Treffen, dieses Mal ohne ihn.

In den nächsten zwei Jahren waren Hannah und ich unzertrennlich. Ich habe mir immer jemanden wie Hannah gewünscht: eine beste Freundin, mit der ich im Auto laut Radiomusik mitsingen kann. Man kann mit ihr aber auch unglaublich gut philosophieren. Keine politische Diskussion oder abstruse Fantasie ist zu groß. Ich war extrovertiert und laut, sie gefestigt und warm. So konnten wir uns gegenseitig pushen und grounden. Ich nannte sie Honey, wie den Honig. Diesen Spitznamen habe ich sogar tätowiert.

Seit drei Jahren haben wir leider weniger Kontakt, sie ist damals zu ihrem Freund nach Berlin gezogen. Trotzdem bin ich froh, dass ich mit Mitte 20 noch eine so enge Freundschaft erleben durfte.

Sammy, 28, Hamburg 
(auf dem Titelfoto links, mit Hannah)

 

 

„Ich bin so glücklich, dass ich diese Sprachnachricht verschickt habe“

Ich habe 2019 angefangen, Psychologie in Münster zu studieren. Nach meiner Schulzeit in Hamburg lebte ich zum ersten Mal in einer fremden Stadt, in der ich niemanden kannte.

In den Vorlesungen war ich gefühlt nur von weißen Menschen umgeben, die bereits in dritter Generation studierten. Als Schwarze Frau in einer deutlich kleineren Stadt hatte ich das Gefühl, meine Sprache und Persönlichkeit anpassen zu müssen. Ich vermied Slang oder englische Begriffe, und wenn ich doch mal über Themen außerhalb der Uni sprach, wurde ich von meinen Kommiliton:innen oft missverstanden. Ich wollte richtige Freundschaften und nicht nur Leute, mit denen ich einen Hörsaal teilte.

Zwei Frauen stehen lächelnd vor einer Kühltheke mit Flaschen und Dosen in einem Kiosk

Clister (links) und Yasmin

Nach der Uni fuhr ich häufig an einem Jahrmarkt mit Riesenrad vorbei. Ich weiß noch, wie ich dachte, wenn ich eine Freundin hätte, könnte ich mit ihr darauf fahren. Eine Woche später sah ich ein TikTok, und im Hintergrund blitzte es auf: das Münsteraner Riesenrad. Ich suchte sofort den Account der Creatorin und nahm für Yasmin eine Sprachnachricht auf: „Oh mein Gott, ich habe gesehen, du bist in Münster. Random, aber let’s be friends!“

Yasmin war frisch hergezogen, schwanger und studierte an meiner Uni. Also wurden wir beste Freund:innen. Stundenlang lernten wir in der Bib, aßen in der Mensa und schauten dabei Serien auf meinem iPad. Drei Monate später flogen wir beide aus unseren Wohnverhältnissen und gründeten eine WG.

Für Yasmins Tochter Malaika bin ich heute noch wie eine Tante. Nach der Geburt besuchte ich die beiden fast jeden Tag im Krankenhaus, ging einkaufen und passte auf Malaika auf, wenn Yasmin mal eine Pause brauchte. Wir beide sind an dieser Situation sehr gewachsen.

Heute, vier Jahre später, lebt Yasmin mit ihrer kleinen Familie in Saarbrücken, ich wohne wieder in Hamburg. Uns trennen also über 600 Kilometer. Trotzdem sehen wir uns an Malaikas Geburtstagen oder einfach, wenn es einer von uns schlecht geht. Ich bin so glücklich, dass ich diese Sprachnachricht verschickt habe.

Clister, 25, Münster

 

„Ich würde jedem raten, sich in einem Verein zu engagieren“

Ich lebe schon mein ganzes Leben in Börnsen. Das ist ein kleines Dorf in der Nähe von Hamburg mit rund 5.000 Einwohner:innen. Das Leben in der Großstadt hat mich nie groß interessiert, meine Schulfreund:innen aber schon. Nach dem Abi sind viele Bekannte nach Hamburg oder Berlin gezogen. Ich bin hiergeblieben, wohne bei meinen Eltern und studiere dual BWL.

Gruppe von Männern mit Sportwesten steht und liegt vor einem Fußballtor auf einem Sportplatz

Daniel (ganz rechts) und sein Fußballverein

Fast alle meine Freunde habe ich deswegen in meinem Fußballverein getroffen, dem SV Börnsen. Ich würde jedem raten, sich in einem Verein zu engagieren, wenn man neue Menschen kennenlernen will. Insbesondere wenn man sonst ungern auf fremde Leute zugeht, so wie ich. Im Verein habe ich auch Levin, Timo und Mattis kennengelernt. Sie sind meine besten Freunde in der Mannschaft. Wir sind alle im selben Alter, deshalb treiben uns ähnliche Lebensfragen um. Oft bleiben wir nach dem Training noch mit einem Bier in der Kabine sitzen, um über das Studium, das Dorffest in Kröppelshagen oder die Taktik fürs nächste Spiel zu quatschen.

Eigentlich bleibt mir zwischen Uni und Arbeit kaum Freizeit. Aber die festen Strukturen im Verein helfen mir, sportlich aktiv zu bleiben und mein Sozialleben nicht zu vernachlässigen. Wir trainieren dienstags und donnerstags und treten am Wochenende in der Kreisliga an. Wenn man gemeinsam gewinnt und verliert, schweißt das zusammen. Diese Emotionen und Gemeinschaft gibt es nur im Mannschaftssport. Ich denke, für echte Freundschaft muss man wirklich nicht in die Stadt ziehen.

Daniel, 21, Börnsen

 

„Stricken hilft mir, neue Kontakte zu knüpfen“

Als meine Schwester und ich noch jung waren, haben unsere Oma und Uroma uns das Nähen und Häkeln beigebracht. In der Pandemie begann ich, in Darmstadt zu studieren, blieb wegen des Onlineunterrichts aber zu Hause. Zur selben Zeit entdeckte meine Schwester das Stricken für sich. Es dauerte nicht lange und auch ich war hooked. Heute betreiben wir zusammen einen Onlinestore für Strickanleitungen und Garne.

Ich liebe Stricken, weil es mir hilft, neue Freundschaften zu knüpfen und den Kontakt zu alten Freund:innen aufrechtzuerhalten. Freundschaften haben mir immer sehr viel bedeutet. In der Schule kam ich an ihnen nicht vorbei. An der Uni musste ich aktiv auf Leute zugehen, um nicht zu vereinsamen. Ein Hobby erleichtert das sehr, egal ob es Bouldern, Töpfern oder eben Stricken ist.

Vier Frauen sitzen an einem Holztisch und stricken

Julia (ganz links), Kathi, Marlene und Anne

Letzten Herbst bin ich mit meinem Freund nach München gezogen. Eine Stadt, in der ich sonst fast niemanden kannte. Bei einem lokalen Stricktreff habe ich meine guten Freundinnen Marlene, Anne, Kathi, Elli und Lotti kennengelernt. In unseren Mittagspausen stricken wir Pullunder und Schals oder tauschen uns über Wolle aus. Ich hätte nie gedacht, dass es mir so einfach gelingen würde, in einen bereits bestehenden Freundeskreis zu stoßen.

Das Stricken ermöglicht es aber auch, mit alten Freund:innen aus Aschaffenburg in Kontakt zu bleiben. Selbst wenn man sich wochenlang nicht sieht, kann man immer mal auf Fotos von selbst gestrickten Pullovern reagieren oder sich inspirieren lassen. Meine Jugendfreundin Rebecca arbeitet inzwischen in einem Wollladen. Sie sehe ich immer, wenn ich meine Eltern besuche.

Julia, 25, München

 

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Fotos: privat