Schweißtreibende Geschichte
HIIT, Hyrox, Hot Yoga heißen die neuen Trendsportarten. Aber ist der Drang, sich fit zu halten, nicht so alt wie der Mensch selbst? Der Historiker Jürgen Martschukat erklärt, was Schwitzen mit Kontrolle und Ideologie zu tun hat
fluter: Herr Martschukat, kann man sich heute noch leisten, keinen Sport zu treiben?
Jürgen Martschukat: Seit einigen Jahrzehnten ist es zunehmend schwer, sich dem zu entziehen. Die Art und Weise, wie wir über Körper und Leistung sprechen, die vielen Menschen, die wir täglich beim Sporttreiben beobachten, oder auch die politischen Programme, die uns dazu anhalten, aktiv zu sein – all dies macht Fitness zu einem Ideal, das von uns verlangt, dass wir etwas für unseren Körper tun. Nicht im Sinne davon, einen Wettkampf zu gewinnen, sondern um leistungsfähig zu sein und fit auszusehen.
Die Auswahl an Sportangeboten ist riesig, vor allem in Städten. Steht nicht hinter dem Hype auch der Wunsch dazuzugehören?
Zur Gruppe der Erfolgreichen, ja. Und erfolgreich ist ein flexibler Begriff. Erfolgreicher auf dem Jobmarkt, aber auch auf dem Beziehungsmarkt. Und dann ist da noch das Versprechen der Gesundheit.
In Ihrem Buch „Das Zeitalter der Fitness“ schreiben Sie, das Bedürfnis nach Sport ist eine relativ neue Entwicklung.
Noch vor 60 Jahren wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, nach der Arbeit noch eine Runde joggen zu gehen, um sich besser zu fühlen. Den New-York-Marathon gibt es seit 1970, am Anfang sind rund 100 Leute gestartet. Mittlerweile sind es jedes Jahr 60.000 Menschen.
„Fitness ist heute die Idee, in sich selbst zu investieren, um einen Ertrag daraus zu erhalten. Der Körper als Kapital“
Was änderte sich dann?
Die 1970er-Jahre waren geprägt durch ökonomische Krisen. Unternehmen mussten sich verschlanken, gleichzeitig begannen mehr Menschen, in Büros zu arbeiten. Der Sozialstaat wurde auch in Westdeutschland abgebaut. Später dann, 2003, wurde die Ich-AG geboren: Wer keinen Job fand, konnte finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen, um sich selbstständig zu machen und eine Existenz aufzubauen. Man kann das so lesen, dass der Staat von den Bürger:innen verlangte, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Das Prinzip übertrug sich auch auf die eigene Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Fitness ist die Idee, in sich selbst zu investieren, um einen Ertrag daraus zu erhalten. Der Körper als Kapital. Im 21. Jahrhundert werden aus den muffigen Muckibuden dann diese Glaspaläste der Moderne. Mit Spiegeln, in denen jeder jeden, man vor allem aber sich selbst sehen kann.
Würde man heute eine Umfrage starten, wäre die Motivation, Sport zu treiben, womöglich diverser. Es geht auch um emotionale Regulation, das Runner’s High nach der Anstrengung, um Langlebigkeit.
Das würde ich nie abstreiten, dafür gehe ich selbst viel zu gerne laufen. Das eine schließt das andere allerdings nicht aus. Wir können Freude an der Bewegung verspüren, gleichzeitig ist Fitness ein Phänomen, das zu bestimmten Zeiten Konjunktur hat. Und es kann Teil einer kapitalistischen Verwertungslogik sein.
Wurde Fitness nicht bereits in der Antike als Säule eines guten Lebens gesehen?
Sport war damals vor allem ein Privileg wohlhabender junger Männer, und das Training war auf den Wettbewerb ausgerichtet. Die Sieger bei den Olympischen Spielen wurden in der griechischen Antike verehrt, ja, Breitensport oder Massensport hat in dieser Form aber nicht existiert.
Vor einigen Jahrzehnten ist kaum jemand nach der Arbeit noch joggen gegangen. Heute zahlen wir viel Geld, um zu schwitzen
Schweiß galt jahrhundertelang vor allem als ein Nebenprodukt harter körperlicher Arbeit. Wann änderte sich das?
In Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn als Erfinder des Turnens. 1811 entstand auf der Berliner Hasenheide der erste Turnplatz. Damals sollte Sport aber nicht nur der körperlichen Ertüchtigung dienen. Von Anfang an ist das zackige deutsche Turnen nach Jahn politisch, das wird auch explizit so formuliert: Turnen auch als Schule für die Wehrhaftigkeit des Volkes. Nach Beginn der Französischen Revolution besetzten 1792 französische Truppen große Teile Europas. 1813 bis 1815 kämpften verschiedene europäische Kräfte gegen das napoleonische Heer, und die Vorstellung einer deutschen Nation wurde stärker.
Auch bei den Nationalsozialisten spielt Körperkult eine große Rolle.
In dieser Zeit nimmt der Körperkult, oder besser: der Körperfetisch, eine ganz neue Dimension an und wird Teil der nationalsozialistischen Ideologie. Die Filme der regierungsnahen Filmemacherin Leni Riefenstahl heroisieren den „arischen“ Körper im Kontext der Olympischen Spiele 1936. Im offiziellen Freizeitwerk „Kraft durch Freude“ der deutschen Arbeiterschaft sollte die körperliche Ertüchtigung überflüssiges Fett beseitigen. Der Körperfetisch stand damals im Kontext sozialdarwinistischer, rassistischer Gesellschaftsvorstellungen. Eine Nation, die nicht fit genug ist, könne nicht überleben. Starke und trainierte Körper standen für eine rassisch gedachte Überlegenheit.
Wann wurde Sport umgedeutet zu etwas, das einem selbst, nicht der Nation dient?
Am stärksten lässt sich das ab den 70er-Jahren beobachten. Damals gab es immer mehr Klagen über Erkrankungen, die an einen sitzenden Lebensstil gekoppelt sind. In den USA untersuchten Wissenschaftler damals schon seit vielen Jahren, wie sich solche Lebensumstände auf das Risiko von Herzerkrankungen auswirken.
„Vielleicht ist die Hinwendung von jungen Menschen zu ihren Körpern auch eine Reaktion auf das Gefühl, die Kontrolle über das Leben in vielen Bereichen zu verlieren“
1955 hieß es noch beim Deutschen Fußball-Bund, die „weibliche Anmut“ gehe beim Sport verloren. Wann konnten sich Frauen sportlich emanzipieren?
Schon in der ersten Frauenbewegung um 1900 haben Frauen für ihr Recht auf sportliche Betätigung gekämpft. Die Feministin Frances Willard beschreibt 1895 in ihrem Buch, wie sie das Fahrradfahren lernt. Zu entscheiden, wo sie hinmöchte und dafür ihren Körper zu nutzen, war für Willard ausdrücklich eine politische Aktivität. In der zweiten Frauenbewegung ab dem Ende der 60er-Jahre geht es auch darum, über den eigenen Körper bestimmen zu können, etwa durch das Recht auf Abtreibung, aber auch darum, am eigenen Körper arbeiten zu dürfen. Aerobic spielte dabei eine große Rolle.
Die US-amerikanische Schauspielerin Jane Fonda war in den Achtzigern wohl das, was man heute als Fitness-Influencerin bezeichnen würde.
Berühmt für ihre Home-Videos. Was aber heute weniger bekannt ist: Fonda war auch eine engagierte Feministin, sie setzte sich insbesondere für die reproduktiven Rechte von Frauen ein und war zudem eine Ikone des Widerstands gegen den Vietnamkrieg und verhasst bei den Konservativen. Ich finde gerade diesen Widerspruch spannend: Gleichzeitig wurde Aerobic nämlich zutiefst sexualisiert und in die Fitness-Konsumindustrie eingebunden.
In den vergangenen Jahren trainierten viele junge Frauen auf Oberarme wie die von Miley Cyrus nach ihrer Trennung von ihrem Ehemann hin.
Beeindruckend sind auch die Oberarme von Michelle Obama. Der Muskel, und insbesondere der Bizeps, steht für Kontrolle, für Handlungsmacht in den westlich-bürgerlichen Gesellschaften und war lange männlich dominiert. Dass er in Zeiten von weiblicher Selbstermächtigung so präsent ist, finde ich naheliegend.
Jeder dritte junge Mensch zwischen 14 und 19 Jahren geht inzwischen ins Gym. Manche verzichten auf Alkohol, konzentrieren sich ganz auf Proteine und Muskeln.
Schaut man sich das historisch an, fällt auf, dass Männer auf Krisen oft damit reagiert haben, ihre Muskeln zu stählen. Vielleicht ist die Hinwendung von jungen Menschen zu ihren Körpern auch eine Reaktion auf das Gefühl, die Kontrolle über das Leben in vielen Bereichen zu verlieren. Die Rückbesinnung auf etwas vermeintlich Natürliches. Spannend ist, dass diese Körper überhaupt nicht natürlich sind, sondern kultürlich, also durch die Praxis von Training hergestellt.
Sie schreiben in Ihrem Buch: Vielleicht ist es eine moderne Form des Widerstands, auf der Couch zu liegen. Was meinen Sie damit?
Fitness hat eine unglaubliche Wucht als eine Idealvorstellung, der man sich nur schwer entziehen kann. Herumliegen und Fernsehen schauen könnte ein Weg sein. Aber auch nur dann, wenn ich das nicht dezidiert als Form des Widerstandes tue, sondern weil ich Lust darauf habe. Es geht darum, sich diese Lust wieder zu erlauben.
Jürgen Martschukat ist Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt. 2019 veröffentlichte er das Buch „Das Zeitalter der Fitness“, in dem er zeigt, wie der Körper seit den 1970er-Jahren zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde. Er forscht zur Geschichte von Körpern, menschlicher Handlungsmacht und Eigentumsverhältnissen.
Foto: Heinrich Holtgreve
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