Mehrere professionelle Filmkameras sind auf eine Sporttasche mit Geldscheinen gerichtet

Blockbuster auf Staatskosten?

Länder wie Deutschland, Litauen oder Tschechien versuchen schon seit Jahren, große Hollywood-Produktionen mit Filmförderungen nach Europa zu locken. Wieso machen sie das – und ist es der nationalen Filmbranche gegenüber fair?

Von Steven Meyer
Thema: Kultur
2. Juni 2026

Katniss Everdeen ist unter Beschuss. Die Protagonistin der „Tribute von Panem“-Filme, gespielt von Jennifer Lawrence, ist auf ihrem Weg ins Kapitol, als sie von Feinden angegriffen wird. Sie rennt und versteckt sich hinter einer orangen Säule. Spätestens hier wird jede Person, die sich in Berlin auskennt, aus der filmischen Realität geworfen. Denn diese orangen Kacheln gehören nicht ins Kapitol, sondern eindeutig in die Unterführung am Berliner Messedamm. 

Große US-Produktionen drehen gerne in Europa. Kein Wunder: Staaten wie Deutschland, Österreich, Litauen oder Tschechien buhlen mit millionenschweren Förderprogrammen um die Gunst Hollywoods. Der vierte Teil der „Tribute von Panem“-Reihe erhielt 2014 fast vier Millionen Euro aus dem Deutschen Filmförderfonds. Doch was bringt das eigentlich der heimischen Filmbranche?

Jeder Euro Förderung soll mehrere Euro an Folgeinvestitionen für Deutschland bringen

Die Filmindustrie wird in der Europäischen Union durch ein schwer durchschaubares System aus unterschiedlichen Finanztöpfen auf verschiedenen Ebenen gefördert. In Deutschland gab es beispielsweise 2024 von Bund und Ländern zusammengerechnet etwa 600 Millionen Euro, Mitte 2026 soll der Etat des Bundes für den Filmförderfonds und den German Motion Picture Fund noch mal erhöht werden. Die Förderung steht sowohl deutschen als auch internationalen Produktionen offen, sofern sie bestimmte Kriterien erfüllen.

Konkret heißt das: Wenn amerikanische Studios wie Lionsgate oder Universal Fördermittel erhalten, bekommen sie Zuschüsse zu den Kosten, die sie hierzulande haben – also für die Beauftragung deutscher Setbauer*innen, Beleuchter*innen oder Reisekosten. Das System soll nicht nur die Kultur fördern, sondern sich auch wirtschaftlich rechnen: Jeder Euro Förderung – ob in nationale oder internationale Produktionen – soll mehrere Euro an Folgeinvestitionen für Deutschland bringen. Laut Kulturstaatsministerium lagen Folgeinvestitionen für die zwischen 2007 und 2024 mit 1,21 Milliarden Euro geförderten Kinofilme bei rund 6,82 Milliarden Euro. 

„In Deutschland gibt es viele Filmschaffende, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ins Ausland gehen“

Kristin Holst, Filmförderungsanstalt des Bundes

„Wenn Nicole Kidman kommt, bringt sie auch ihr Team mit. Die Leute schlafen in Hotels, gehen essen, geben ihr Geld hier aus“, sagt Kristin Holst von der Filmförderungsanstalt (FFA). Die FFA ist die nationale Filmförderinstitution Deutschlands und vergibt Gelder für Produktion, Verleih, Vertrieb und Kinobetrieb. „Wir waren mit dem Deutschen Filmförderfonds 2007 die Ersten in Europa, die dieses Modell entwickelt haben“, sagt sie. Damals sei die Idee eines wirtschaftlich ausgerichteten Anreizmodells neu gewesen, um den heimischen Filmstandort zu stärken.

Die deutsche Filmwirtschaft wurde über Jahrzehnte vor allem staatlich gestützt und ist bis heute stark von Förderungen abhängig. Das hat auch historische Gründe: Während die deutsche Filmbranche zu Zeiten der Weimarer Republik einflussreich war und international durch Innovationskraft hervorstach, wurde sie mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten zum Teil ihrer Propagandamaschinerie. Viele Kreative flüchteten in die USA und fanden neue Jobs in Hollywood. Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 lag die deutsche Industrie am Boden und musste erst mal neu aufgebaut werden.

Bis heute brauche es deshalb große internationale Produktionen, um Arbeit zu sichern und Fachkräfte im Land zu halten: „In Deutschland gibt es viele Filmschaffende, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ins Ausland gehen“, sagt Holst. „Wenn wir jemanden hier in Deutschland ausbilden, wollen wir ihn aber auch hier halten.“ Deshalb komme man nicht an internationalen Koproduktionen und der einflussreichen US-Filmindustrie vorbei.

Der Wettbewerb um internationale Produktionen innerhalb Europas hat sich verschärft

Neben den lokalen Ausgabenpflichten setzen die meisten Förderprogramme eine deutsche oder europäische Produktionsbeteiligung oder einen inländischen Sitz voraus und begünstigen damit faktisch vor allem Produktionen mit starker deutscher Anbindung. Ein US-Film ohne deutsche Partner hätte also kaum Zugang zu klassischen Fördergeldern: Erst wenn er Teile der Produktion nach Deutschland verlagert oder eine deutsche Koproduktion eingeht, wird er förderfähig. Dabei muss nicht immer die deutsche Altstadt im Hintergrund aufblitzen, auch deutsche visuelle Effekte sind zum Beispiel förderfähig.

Im besten Fall würden die internationalen Produktionen auch neue Impulse bringen, sagt Tanja Georgieva-Waldhauer, Produzentin und Vorstandsmitglied von PROG Producers of Germany, einer Vertretung unabhängiger Kino-, Streaming- und Fernsehproduzent*innen in Deutschland: „Wir profitieren alle davon, wenn unsere Spezialisten bei großen amerikanischen Produktionen neue Tricks lernen.“ Der regionale Effekt großer Filmproduktionen, etwa durch Filmtourismus und zusätzliche Sichtbarkeit, sei ebenfalls nicht zu unterschätzen: „Große Produktionen schaffen nicht nur Umsatz in der Region, sondern auch Arbeit und internationale Kontakte“, sagt Georgieva-Waldhauer.

Das hat sich mittlerweile rumgesprochen. Der Wettbewerb um internationale Produktionen innerhalb Europas hat sich verschärft, und Deutschland wurde schon lange überholt. Viele europäische Länder haben ihre Modelle ausgebaut, werben aggressiv um internationale Drehs und setzen auf Steueranreize oder direkte Rückerstattungen. Dabei erhalten Filmproduktionen einen Steuererlass auf alle förderfähigen Kosten – in Ungarn liegt der Förderanreiz beispielsweise bei 30 Prozent, in Kalifornien nur bei 20 Prozent. 

Die deutsche Filmbranche sehnt sich nach einem Steueranreizmodell

Internationale Projekte wanderten heute oft in andere EU-Länder, wo die finanziellen Bedingungen besser seien. Selbst der deutsche Oscar-Kandidat von 2023, „Im Westen nichts Neues“, wurde größtenteils in Tschechien umgesetzt. „Die Zeiten sind vorbei, in denen Deutschland ein gefragter Koproduktionspartner war“, sagt Georgieva-Waldhauer. 

Das deutsche Fördermodell sei zu bürokratisch und überholt. Die Filmbranche kritisiert das schon lange und wartet auf Gesetzesänderungen. Eine davon soll bald kommen: eine lange geforderte Investitionsverpflichtung für Streamingdienste. Netflix, Disney+ und Co. erzielen nämlich seit Jahren hohe Umsätze in Deutschland, sind aber bisher nicht verpflichtet, einen festen Anteil davon in deutsche Produktionen zu investieren. So sollen neben den Förderungen mehr private Mittel in Produktionen fließen.

Außerdem sehnt sich die Branche nach einem Steueranreizmodell: Statt komplizierter Förderanträge würden damit Produktionen mit deutlich weniger Aufwand einen Teil ihrer Ausgaben zurückbekommen, wenn sie in Deutschland drehen. Auf der politischen Agenda steht das derzeit nicht. Die Branche ist aber überzeugt: So ein Modell könnte dafür sorgen, dass Produktionen leichter planbar und international wettbewerbsfähiger würden. Vielleicht entdeckt dann auch Hollywood den Filmstandort Deutschland wieder.

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Illustration: Renke Brandt