Erste Hilfe
In der Ukraine kämpfen Militärsanitäterinnen und Militärsanitäter in den Feldkrankenhäusern um jedes Leben. Wie sieht der Alltag aus, an einem Ort, an dem gearbeitet, gelebt – und auch gestorben wird?
Es ist kurz vor 22 Uhr in einer sternklaren Mainacht, als eine laute Explosion die Wände erschüttert. Die Sanitäterin, die alle Capybara nennen, lacht. „Das war eine Drohne“, sagt die 27-Jährige und nimmt einen Schluck von ihrem Tee. Die Wände der Küche, in der sie sitzt, ziert eine grün glitzernde Tapete. Es riecht nach Desinfektionsmittel, Schweiß und den Schokoladenkeksen, die auf dem Tisch vor ihr stehen.
Das Haus, in dem sie und vier weitere Sanitäter:innen rund um die Uhr arbeiten, liegt nahe der Stadt Kramatorsk im Donbas, ganz im Osten der Ukraine. Die Region ist seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 eine der am härtesten umkämpften. Die russischen Truppen sind an manchen Stellen gerade mal 15 Kilometer von der Stadt entfernt. Aus der Luft abgeworfene Gleitbomben, Raketen und mittlerweile auch First-Person-View-(FPV)-Drohnen, also Drohnen mit Kamera, attackieren die Stadt. Während Anwohner trotz allem versuchen, das Leben draußen auf den Straßen der Stadt weitergehen zu lassen, versucht das medizinische Personal hier drinnen, jedes Leben zu retten.
Der Ort, an dem sie sich befinden, darf nicht genannt werden und auf keinem Foto lokalisierbar sein. Es ist ein sogenannter Stabilisierungspunkt der ukrainischen Armee, eine Art mobiles Krankenhaus in unmittelbarer Frontnähe. Von diesen gibt es mehrere im ganzen Land, wie viele es genau sind, wird geheim gehalten. Hier werden Verwundete erstversorgt und versucht, sie operationsfähig – auch „stabil“ genannt – zu machen, bevor sie in ein richtiges Krankenhaus transportiert werden können. Oft geht es dann darum, Blutungen zu stoppen, Wunden zu versorgen und Schmerzmittel zu verabreichen. Im schlimmsten Fall kann auch eine Narkose erforderlich sein. Für die ukrainische Armee sind diese mobilen Notaufnahmen sehr wichtig – und gerade deswegen sind sie Angriffsziele der russischen Armee. Immer wieder werden sie heimlich verlegt, in der Hoffnung, so Angriffen zu entgehen.
Capybara hat ihren Namen von dem südamerikanischen Wasserschwein geliehen, mit dem sie auch ihr Hochbett geschmückt hat
Das Sanitäter:innen-Team nennt die mobile Notaufnahme für die Einsatzdauer sein Zuhause. Sie leben hier Tag und Nacht, um rund um die Uhr abrufbar zu sein. Urlaubstage sind möglich, aber eine Seltenheit. Der Platz ist knapp zwischen Operationsliegen, medizinischen Geräten und herumliegender Arbeitskleidung. Im hinteren Teil befindet sich ein kaum 15 Quadratmeter großes Schlafzimmer für die fünf Sanitäter:innen mit selbst gebauten zweistöckigen Holzpritschen. Privatsphäre gibt es keine.
Die Menschen, die heute hier arbeiten, sind ganz unterschiedlich, aber sie alle riskieren ihr Leben, um andere zu retten. Valentina, Mitte 40, verheiratet, Mutter, rettet hier manchmal das Leben von Männern, die um die 20 sind, so alt sind wie ihr ältester Sohn. Vor dem Krieg lebte sie fern von alldem, im Westen der Ukraine. Dann bekamen sie und ihr Ehemann Post. Beide sollten sich bei der Armee melden. Sie wegen ihrer medizinischen Kenntnisse als Kinderkrankenschwester. Ihr Mann, weil er im wehrfähigen Alter ist.
„Mein Mann leitet ein Unternehmen und hätte alle seine Mitarbeiter kündigen müssen. Also habe ich gesagt, ich gehe“, erzählt sie. So durfte ihr Mann bleiben – denn für Paare, die wie die beiden ein minderjähriges Kind haben, gilt die Regel, dass ein Elternteil es zu Hause betreuen kann. Erst arbeitete Valentina in einem Krankenhaus weit weg von der Front, dort versorgte sie Soldat:innen, die bereits aus dem Kriegsgebiet transportiert werden konnten. Jetzt ist sie den russischen Truppen näher als ihren Kindern. „Dass ich Mutter von zwei Söhnen bin, macht es manchmal einfacher, hier zu arbeiten – vor allem im Umgang mit den jungen Männern“, sagt sie. Sie wisse, wie man gut mit ihnen kommuniziere. Gleichzeitig sei es emotional für sie besonders hart. „Mein Mann und ich, wir machen uns Sorgen, dass mein ältester Sohn irgendwann zum Militär muss.“ In der Ukraine können aktuell wehrpflichtige Männer ab 25 Jahre für den Wehrdienst eingezogen werden.
Krankenschwester Valentina erfasst die Daten eines der Soldaten in der Küche des Stabilisierungspunktes. Jede Verletzung muss dokumentiert werden
Sie wolle keinen ihrer Söhne in einer Uniform sehen, sagt Valentina. „Weil es ein unfairer und brutaler Krieg ist. Weil ich gesehen habe, was er mit den Menschen macht. Ich meine nicht nur die körperlichen Verletzungen, sondern auch die mentalen. Er bricht die Männer.“ Auch Valentina hat der Krieg gezeichnet, sie bekommt tiefe Sorgenfalten, wenn sie von ihren Einsätzen erzählt. „Einmal habe ich einen Mann versorgt, der keine Hände und Beine mehr hatte, und das Erste, was er gefragt hat, nachdem wir ihm das Leben gerettet hatten, war: ‚Warum habt ihr mich gerettet? Wofür?‘“
Ihr Kollege kommt in den Raum. „Er ist auch Papa“, sagt sie und lächelt. Das Team sei fast wie eine Familie geworden. Nur kurze Zeit später hört man draußen die hektischen Geräusche eines ankommenden Fahrzeugs, dann geht die Tür auf, und eine Einheit von etwa zwölf Männern tritt herein. Capybara, die inzwischen im Bett liegt, springt auf. „Arbeit!“, ruft sie.
„Die Drohnen haben den Krieg verändert. Verletzungen treten häufiger und gezielter auf“Mykola, Sanitäter im Feldkrankenhaus
Die Soldat:innen sind nicht zum ersten Mal hier. Sie gehören zu einem Artillerieteam, also einer Einheit innerhalb ihrer Brigade, die aus größerer Entfernung feindliche Truppen mit Sprenggeschossen bekämpft. Heute sei ihr Auto von einer russischen FPV-Drohne getroffen worden. Sie sind nur leicht verletzt. Die Männer warten im Flur, die Spuren ihres Einsatzes sind nicht zu übersehen: der Staub an der Kleidung, der zittrige Blick, die ermüdeten Schultern.
„Ich bin schon zum zehnten Mal in wenigen Tagen hier“, sagt Yuri, 53, seit 2022 im Dienst. Er greift sich an die Schussweste, blickt auf den Boden und fast durch ihn hindurch, als suche er nach Orientierung. Das Team ruft einen nach dem anderen in den Behandlungsraum. Es folgt einem Ampelsystem. Rot: lebensbedrohlich Verletzte, die sofort lebensrettende Maßnahmen benötigen. Gelb: ernste, aber stabilere Zustände, die eine rasche Behandlung brauchen. Grün: leicht Verletzten, die als Letzte behandelt werden.
Die Tür öffnet sich, und die Einheit tritt in den Stabilisierungspunkt ein. Die Männer sind Soldaten eines Artillerie-Bataillons. Eine russische FPV-Drohne traf ihr Fahrzeug, sie erlitten leichte Verletzungen
„Heute sind alle grün“, erklärt Capybara. Die Männer leiden wegen der Schockwelle der Explosion unter Kopfschmerzen und Hörproblemen. Einer der Männer hat zusätzlich Schwindel; er muss in ein Krankenhaus weitertransportiert werden. Capybaras Mann Mykola arbeitet auch im Team. Die beiden sind seit vielen Jahren Sanitäter:innen und bewahren bei der Arbeit die Ruhe. „Die Drohnen haben den Krieg verändert“, sagt Mykola. „Verletzungen treten häufiger und gezielter auf.“ Manchmal würden sie Patient:innen entlassen – und wenige Minuten später seien sie wieder hier, weil eine Drohne ihr Auto getroffen habe.
An anderer Stelle helfen technologische Möglichkeiten dem Feldkrankenhaus aber auch: Satelliteninternet über das Starlink-Netzwerk ermöglicht es den Soldat:innen, Updates an die Sanitäter:innen oder sogar Fotos von Wunden zu schicken, damit diese vorbereitet sind, wenn der nächste Patient die Tür erreicht. Doch trotz dieser Möglichkeiten sterben immer wieder Soldat:innen an ihren Verletzungen. „Das Schlimmste ist, wenn die Männer und Frauen später im richtigen Krankenhaus sterben. Dann denke ich: Sie haben es so weit geschafft und sterben doch“, sagt Capybara.
Kurz steht sie mit den Verarzteten noch im Hauseingang. Jeder bekommt eine Umarmung von ihr. „Manchmal nenne ich sie Häschen“, sagt sie und lacht liebevoll. Dann schaut sie den Männern hinterher, wie sie mit ihren Rotlicht-Taschenlampen in die Nacht verschwinden.
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