Mehrere Jugendliche fahren auf Fahrrädern durch die Nacht

Durch die Nacht

In den Club oder zu teuer? Schnaps oder Wasser? Bleiben oder alleine heim? Unterwegs mit Josefine, Max und ihren Leuten

Text: Lena Fiedler und Fotos: Leon Joshua Dreischulte
2. Oktober 2026

Vor Pepe liegt ein halbes Brathähnchen. Mit fettigen Fingern zupft er das Fleisch vom Knochen. Ein Nachmittag im August, Semesterende. Zusammen mit seinen Freundinnen und Freunden sitzt Pepe bei 32 Grad unter einem Baum. Er trägt ein Basketball-Shirt von Portland und eine kurze Trainingshose, dazu Gummiclogs. Hat er den Look extra zum Feiern ausgewählt? „Actually not.“ Er sei gerade umgezogen und habe noch nicht mal einen Spiegel. So oder so, wer sich hier wie anzieht, interessiere ihn nicht, und die anderen in der Gruppe auch nicht. 

Die Freundesgruppe von Pepe kennt sich aus dem Studium, viele von ihnen werden im Laufe des Tages dazustoßen. Max nimmt derweil ein paar Dosen Cider aus seinem Jutebeutel. Die waren im Angebot, „1,10 Euro die Dose“. Max, so wie die anderen Anfang 20, studiert Stadt- und Raumplanung. Er trägt ein schwarzes I-<3-New-York-Shirt, auf dem ein Weed-Blatt das Herz ersetzt. Kiffen steht bei der Gruppe hoch im Kurs. Vor allem bei Kumo, der sein Weed den Rest des Abends nicht aus den Augen verliert. Auch nicht, als Ambra dazukommt. Seine neue Freundin. Sie daten seit drei Wochen. Er sei poly. Sein Studiengang: Gärtnerischer Pflanzenbau. Auf eine Karriere mit vielen Arbeitsstunden wie bei seinem Vater, Wirtschaftsprüfer, habe er keinen Bock. „Ich habe gesehen, dass man mit Geld nicht glücklich wird.“

Nun biegt auch Josefine um die Ecke. Sie lässt ihr Fahrrad ins Gras fallen und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Ihr Partytag hätte schon zu Ende sein können: Morgens um neun, direkt nach der letzten Klausur, hatten sich Max und Pepe bei Josefine in der WG zum Sektfrühstück getroffen. Als der Alkohol leer war, ist Josefine erst einmal ins Bett. Seit ihrem Mittagsschlaf sei sie aber wieder fit. Sie nimmt sich eine Dose Cider und erzählt von einer Party am vergangenen Wochenende in der Engelsburg, genannt E-Burg, einem Kulturzentrum. Sie sei „so besoffen“ gewesen. „Wir sind schon so sozialisiert, dass Alkohol zum Feiern dazugehört“, sagt sie. Normalerweise bleibe es eher so bei zwei, drei Bier am Abend. Wenn sich das Trinken nicht mehr gut anfühlt, verordneten sie sich mal eine Woche Detox.

Zwei junge Männer stehen auf einem Autodach, im Hintergrund feiern mehrere Personen im Freien
Drei junge Menschen sitzen in einem roten Auto, zwei vorne und einer hinten, vor einem Holzzaun
Drei Jugendliche mit alternativen Outfits essen auf der Straße vor einem Gebäude mit der Aufschrift 'K&K'

Auch wenn es anders klingt: Eigentlich geht die Gruppe nicht so häufig aus. „Wir wohnen noch nicht so lange hier, deswegen bekommen wir von manchen Events noch nichts mit“, sagt Josefine. Sie sind alle aus dem Westen hergezogen, aus Städten wie Münster oder Passau, und kennen sich übers Studium. Erfurt finden sie schwierig, „tote Nummer“. Wenn es mal Partys im Club gebe, seien die mit Preisen zwischen 15 und 25 Euro häufig zu teuer. Das können sich nicht alle leisten. Zumal ein Großteil von ihnen auch am Ende des zweiten Semesters noch immer aufs BAföG wartet. Die meisten jobben nebenher. Auch die, die Geld von ihren Eltern bekommen. 

Frieda, rothaarig, mit Fellstulpen an den Beinen, stößt zur Gruppe. Dann geht es an die Gera am Rande des Parks, um sich abzukühlen. Eine Flasche Sekt wandert ins Flussbett. Badesachen hat kaum jemand dabei, Unterwäsche tut es auch. 

Zur Sicherheit wird der Standort geteilt

Kumo fühlt sich eigentlich wohl in Erfurt. Wenn da nicht der Rechtsextremismus wäre. Der AfD-Landesverband in Thüringen wird seit 2021 vom Landesamt für Verfassungsschutz als „erwiesen rechtsextremistisch“ eingestuft. Kumo wohnt in Herrenberg, einem Stadtteil, in dem die AfD bei der vergangenen Landtagswahl im Jahr 2024 auf 40,1 Prozent kam. Zudem gibt es in Erfurt eine gewaltbereite Neonazi-Szene.

„Wenn man abends nach Hause geht, muss man schauen, wer einem folgt“, stimmt einer von ihnen zu. Er ist Teil einer Gruppe bei einem Messenger-Dienst, in der sich Nutzerinnen und Nutzer gegenseitig warnen können, wenn sie rechtsextreme Demos, Treffen oder Aktionen beobachten. „Wenn ich Leute mit Fascho-Vibes sehe, schau ich lieber zu, dass ich sicher bin.“

Gruppe junger Menschen steht und sitzt am Ufer eines Flusses, eine Person trinkt aus einer Flasche, andere unterhalten sich locker

Eine weitere Freundin kommt vorbei. Lily ist nach einer Ausbildung in Berlin nach Erfurt gezogen, um hier zu studieren. Mit 24 Jahren ist sie die Älteste der Gruppe. Lily hat auf ihrem Handy gesehen, wo die anderen gerade sind, und sich entschlossen vorbeizukommen. Sie teilt ihren Standort dauerhaft. Carla mache es genauso. Es gebe ihr ein Gefühl der Sicherheit. „So weiß ich, wenn nachts alle sicher zu Hause sind“, sagt sie. Auch wenn sie oder Freundinnen auf Dates sind. Carla wurde schon häufiger im öffentlichen Raum belästigt, auch in der Bahn. Deswegen fahre sie im Dunkeln lieber Fahrrad. Erfurt werde nachts schnell leer. 

Max war noch mal rasch im Supermarkt, den Jutebeutel wieder voll mit Nachschub. Geld will er dafür erst mal nicht von den anderen. Das nächste Mal sei jemand anderes dran. Sie drehen sich Zigaretten mit dem Tabak eines anderen oder sippen bei Getränken mit. „Aber manche schnorren mehr als andere“, sagt Max. Bei größeren Ausgaben werde der Betrag aufgeteilt. „Ich kriege noch Geld vom Sektfrühstück“, fällt Josefine ein. 

Freier Eintritt? Vorsicht, Mainstream-Gefahr!

Heute Abend wollen es die Freundinnen und Freunde mit einem Club im ehemaligen Güterbahnhof versuchen. Es ist Mittwoch, da ist der Eintritt in der Regel frei. Eigentlich gute Nachrichten, aber dann sei die Party Mainstream, viele kämen nur noch, weil es kein Geld koste. „Kostenlos ist kulturlos“, findet Kumo. 

Bevor es in den Club geht, will die Gruppe noch was essen. Vor dem Dönerladen in der Innenstadt türmen sich die Fahrräder. Es werden Vorhersagen für den Abend getroffen. Josefine werde jemanden mit nach Hause nehmen und Max als Letzter heimgehen. Kurzer Boxenstopp bei Frieda. Pepe muss aufs Klo, und die anderen wollen kurz die WG auschecken. Ambra öffnet einen kleinen Jägermeister. Ihr Lieblingsschnaps? „Nein, ich hasse das.“ Aber sie habe den zu Hause im Schrank gefunden und gedacht, der Abend sei eine gute Gelegenheit, um ihn loszuwerden. Sie nimmt einen Schluck und verzieht das Gesicht. 

Menschenmenge bei Tanzen
Drei Personen bei einer Party, eine hält eine Zigarette, eine andere reicht eine Hand, eine dritte Person trägt ein weißes Top und Armbänder
Gruppe von Menschen mit Fahrrädern steht vor einem hell erleuchteten Laden mit Neonlicht und Getränkeflaschen im Schaufenster

Die Schlange vorm Club ist lang. Die Bässe dröhnen nach draußen, ringsherum nur Industriegebiet. In der Schlange wird über das Nachtleben in Erfurt gesprochen. Einige Bars stünden in dem Ruf, rechtes Publikum anzuziehen. Ambra geht trotzdem in diese Läden, auch wenn sie nicht dazugehört. Zum einen, weil sie einfach gerne feiert. Zum anderen aber auch, weil sie die Spaltung nicht noch weiter vorantreiben will. Sie führe lieber Diskussionen, als gar nicht erst ins Gespräch zu kommen. 

Im Club riecht es stark nach Weed. Max holt sich einen Drink an der Bar. Obwohl es schon dunkel ist, trägt er noch seine Sonnenbrille. Josefine ext ein Glas Wasser. Neben Menschen in Netzstrumpfhosen, die zu Techno tanzen, stehen Männer im Hemd. Die DJ spielt Songs aus den frühen Nullerjahren, „London Bridge“ von Fergie, „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ von Fettes Brot oder „Gasolina“ von Daddy Yankee als Technoversion. 

„Wir haben einen Kotzkandidaten“

Bevor sie ankam, sei Frieda müde gewesen, jetzt tanzt sie. „Musik und Tanzen geben mir so viel Energie.“ Typen sprechen sie auf ihre Stulpen an. Ob es damit nicht viel zu heiß sei. Frieda verdreht die Augen. 

Plötzlich geht ein Wassersprinkler an: Abkühlung für alle. Die Tanzenden recken die Hände zum Himmel. Wasser und Schweiß laufen zusammen. Josefines blauer Kajalstrich verschwimmt. „Jetzt war ich heute schon zwei Mal baden“, sagt Josefine und lacht. Sie setzt sich auf die großen Stufen einer Holztreppe und macht Pause. Sie schickt ihrem Mitbewohner ein kurzes Video aus dem Club. 

Bis jetzt war kaum jemand an seinem Smartphone. Josefine zeigt, was passiert, wenn sie versucht, Instagram zu öffnen. Ein Countdown von 45 Sekunden läuft runter, den sie sich eingestellt hat, um weniger zu scrollen. 

Gruppe junger Menschen sitzt nachts im Freien auf einer niedrigen Mauer und auf dem Boden und unterhält sich

Meistens mache sie in der Zeit etwas anderes und vergesse dann ganz, auf Instagram abzuhängen. Das habe den Nachteil, dass sie wenig von dem mitbekomme, was auf der Welt so passiert. „Wenn ich dann auf Insta bin, habe ich die Zeit auf fünf Minuten begrenzt, da wird dann nur für den kurzen Fun gescrollt.“ In ihrem Fall Katzenvideos. 

Pepe setzt sich dazu. Er ist weiß im Gesicht. Und still. „Wir haben einen Kotzkandidaten“, stellt Josefine fest. Nach einer Flasche Wasser geht es ihm besser. Er und Josefine springen zurück auf die Tanzfläche. „Ich habe morgen nichts vor, ist ja egal, wenn ich dann den Tag tot im Bett liege“, sagt Josefine. Seit sie nicht mehr bei ihren Eltern lebt, feiere es sich freier. Während des Semesters komme das aber nicht häufig vor, weil die Projektabgaben im Studium nicht machbar seien, wenn man den ganzen Samstag verkatert im Bett liege. 

Um 23 Uhr wird der letzte Song gespielt, „Biertornado“ vom Rap-Trio PA69. „Jetzt erst mal raus und schauen, was Lage ist.“ „Was geht in der E-Burg?“, fragt Pepe. „Sehe ich aus wie die Auskunft?“, ruft Josefine. Sie fragt Chat­GPT, was heute noch in Erfurt geht. Nicht viel, sagt die KI. Vor dem Club dauert es einige Zeit, bis sich alle in Bewegung setzen. An der ersten Weggabelung seilen sich die Ersten ab. An jedem Stopp verliert die Gruppe jemanden. Pepe geht zu Fuß nach Hause, die anderen mit ihren Fahrrädern. 

An einem Späti holen sich die Übriggebliebenen noch Bier, Limonade und eine Tüte Chips. In Friedas Fahrradkorb klirren die Pfandflaschen des Tages. Auf dem Wenigemarkt in der Altstadt leeren sie ihre Drinks. Carla versucht, sich noch Ambras Telefonnummer einzuspeichern, doch der Schlafmodus ist im Weg. „Mein Handy sagt, ich schlafe schon.“

Titelbild des fluter 100, Thema: Feiern, er zeigt eine Person beim Tanzen vor orangem Hintergrund
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Feiern“.
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