Mehrere Personen heben die Hände unter einem großen roten Tuch

No FCKs given

Kaiserslautern hat schon bessere Zeiten erlebt – sowohl wirtschaftlich als auch im Fußball. Aber gerade jetzt muss der 1. FCK als Booster fürs Selbstbewusstsein dienen

Text: Christian Baron und Fotos: Floyd Heubel
17. Juni 2026

Andere Städte haben ein Stadion. Dieses Stadion hat eine Stadt. Ob im Auto oder mit der Bahn, auf dem Rad oder zu Fuß, fast überall in Kaiserslautern sieht man das Fritz-Walter-Stadion – oben auf dem Betzenberg.

„Am besten schicken wir die drei Punkte gleich mit der Post“, stöhnte Paul Breitner, als die Bayern vor langer Zeit mal wieder gegen den Underdog aus der Pfalz verloren hatten. Auch 1997/1998 zogen die übermächtigen Bayern im Rennen um die deutsche Meisterschaft den Kürzeren. Den Lauterern gelang das bis heute einmalige Kunststück, als Erstligaaufsteiger deutscher Meister zu werden.

Diese glorreichen Zeiten sind lange vorbei. Bundesliga spielte Lautern zuletzt vor 15 Jahren. Seitdem taumelt man eher zwischen der 2. und der 3. Liga.

Stadtsilhouette von Kaiserslautern, mit Wohnhäusern im Vordergrund, dahinter das farbig gemusterte Stadion des FCK auf einem bewaldeten Hügel

Immer wieder muss die Stadt dem Verein mit Steuergeldern helfen. Das polarisiert in einer so klammen Stadt

Ende April 2026 heißt der Gegner auf dem „Betze“ in der 2. Liga Eintracht Braunschweig. Ein Abstiegskandidat. Fünf Minuten noch bis zum Anpfiff. Die Abendsonne flutet den Rasen, 40.000 Schals gehen in die Luft, das „Palzlied“ ertönt. Fast alle singen mit, auch ich: „Annerschtwo is annerscht und halt net wie in de Palz.“ Anderswo ist es anders und nicht wie in der Pfalz.

Im Heimspiel gegen Braunschweig ist der FCK Favorit. Sportlich geht es um nichts mehr, der Abstieg ist vermieden, der Aufstieg verpasst. Trotzdem sind 45.000 Menschen zusammengekommen, in einer Stadt mit 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Auf dem Betze ist die Euphorie groß – egal, wie es sonst in der Stadt läuft.

Und es läuft nicht gut: Kaiserslautern hat seit Jahren deutschlandweit mit die höchste Pro-Kopf-Verschuldung. Rund jedes fünfte Kind lebt hier in Armut oder akuter Armutsgefährdung. Die Arbeitslosenquote lag im April 2026 bei 9,5 Prozent. Also weit über dem Bundesdurchschnitt von 6,4 Prozent.

Immer weniger Arbeit gibt es in Kaiserslautern. Und immer mehr Stimmen für die AfD

Nach der Bundestagswahl 2025 geriet Kaiserslautern landesweit in die Schlagzeilen, weil die AfD hier mit 25,9 Prozent die meisten Zweitstimmen im Westen erhielt. Derzeit läuft ein Verfahren, ob die Partei als gesichert rechtsextremistisch bezeichnet werden darf.

Wenn es um Kaiserslautern geht, ist schnell die Rede vom Abstieg. Das einst weltberühmte Nähmaschinenwerk Pfaff? Längst bedeutungslos. Die Opel-Fabrik? Wo in den 1980er-Jahren fast 7.000 Menschen Arbeit fanden, sind es heute keine 1.000 mehr. Und gerade hat ein Batteriehersteller entschieden, doch keinen Standort in Kaiserslautern aufzubauen – es wird also nichts mit den 2.000 geplanten Arbeitsplätzen.

Zum Spiel gegen Braunschweig begleitet mich mein Onkel, nennen wir ihn Frank. 25 Jahre stand Frank erst am Fließband und wurde später Maschinenführer bei Pfaff. Er war immer der stabilste Sozialdemokrat in der Familie, gewerkschaftsnah und solidarisch. Heute gehört er zu denen, die in Flüchtlingen die größte Last im Land sehen. Obwohl es immer heiße, es sei kein Geld da, habe man 2015 die Geflüchteten mit offenen Armen empfangen. Bei der nächsten Wahl wolle er der Regierung einen Denkzettel verpassen: „Wie soll denn unsereins denen da oben sonst eins auswischen“, sagt er und fügt an: „Wenn ich rechts wähle, dann tut das denen wenigstens noch weh.“

Menschenmenge auf einer Straße mit roten Rauchwolken und Fanschals in einer Stadtumgebung

Mehr als 40.000 Menschen kommen zu den FCK-Heimspielen, und das in einer Stadt, in der nur 100.000 leben

Viele Menschen in Kaiserslautern sahen sich bereits in meiner Kindheit benachteiligt und als Bürger zweiter Klasse abgestempelt. Provinz, Hinterpfalz, Bauern – so die gängigen Vorurteile. Der FCK, der in den 1990er-Jahren zweimal Meister und zweimal Pokalsieger wurde, gab den Menschen Selbstvertrauen und das gute Gefühl, dass es die Kleinen den Großen zeigen können, wenn sie zusammenhalten und kämpfen.

Doch nach der letzten Meisterschaft 1998 zog der Übermut ein. Der FCK wollte die großen Bayern herausfordern, viel zu schlechte Spieler kamen für viel zu viel Geld, das Stadion wurde für die WM 2006 groß ausgebaut. Doch dann kam der Abstieg in Liga 2, die Fernsehgelder fehlten, die Kosten für das neue Stadion blieben.

Heute gehört das Stadion der Stadt, die dem Verein immer wieder mit Steuergeld unter die Arme greift. Das polarisiert in einer so klammen Stadt, viele fragen sich, ob das Geld nicht anderswo besser investiert wäre. Aber die meisten wissen auch, dass es ohne den FCK nicht geht. Alle zwei Wochen pilgert die halbe Stadt zum Betze hoch, wenn der FCK hier seine Heimspiele austrägt. 90 Minuten, um sich von den Krisen und Sorgen abzulenken – auch wenn der Fußball, den der FCK spielt, oft selbst wieder Sorgen bereitet.

So wie gegen Braunschweig an diesem Aprilabend. Es ist ein Spiel, bei dem gar nichts zusammenläuft. Am Ende fährt Braunschweig mit einem verdienten Sieg nach Hause. Die Fans haben guten Grund, unzufrieden zu sein, nicht mal wegen der Niederlage, sondern weil sich die Spieler nicht voll reingehängt haben, wie man es hier sehen will.

Und trotzdem: Nur wenige Tage nach einer Pleite erinnern wir uns, dass wir dem Verein etwas schulden. Dass er uns das Selbstvertrauen gibt, das anderswo so schwer zu bekommen ist. Und dann nehmen wir die Kleinsten in der Familie oder aus dem Freundeskreis mit hoch „uff de Betze“ und sehen zu, wie dieses Kind 90 Minuten lang mit offenem Mund die Lauterer Westkurve anstarrt.

Cover Fluter-Heft 99 Fußball, man sieht viele alte Trophäen in einem Glasschrank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Fußball“.
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