Guter Stoff
Vintagetrikots sind angesagt wie nie. Dachte sich auch Ziad Gornasa und eröffnete mit Anfang 20 seinen eigenen Laden. Zu Besuch bei einem Fanatiker
März 2005. Der FC Barcelona spielt in der K.-o.-Phase der Champions League gegen Chelsea. Die Spanier liegen mit 1:3 hinten, als Ronaldinho vor dem Strafraum den Ball bekommt. Er wackelt einmal mit der Hüfte, zweimal, und schießt den Ball aus dem Stand am verdutzten Torwart vorbei. Tor! Die Barca-Fans rasten aus, und 20 Jahre später freut sich einer immer noch über dieses Tor: Ziad Gornasa. Stolz zeigt er auf sein Trikot. Das gleiche, in dem Ronaldinho dieses Tor schoss. „Mit der Pike aus dem Stand.“ Gornasa strahlt. „Müsst ihr euch mal auf YouTube ansehen.“
Das Trikot mit dem schwarz abgesetzten Kragen ist nur eines aus Gornasas Sammlung. Gut 100 besitzt er privat, weit mehr verkauft der 23-Jährige in seinem Laden in Berlin-Wilmersdorf.
Die meisten sind vintage, viele aus Zeiten weit vor Gornasas Geburt. Was nicht heißt, dass er sich nicht mit den Shirts auskennen würde. Gornasa kann problemlos Stunden über die Einzigartigkeit von Kragen reden. Besonders wenn es einen dazu passenden bedruckten Knopf gibt, denn die würden heute kaum mehr verkauft, sagt er, „zu teuer in der Produktion“. Oder über den Flock, mit dem die Rückennummern, Namen oder Embleme aufgedruckt werden. Oder über die Vorzüge einzelner Ausrüster. Wie hat Gornasa es geschafft, vom Fan zum Sammler zu einem der bekanntesten Trikothändler des Landes zu werden? Und warum so ein Hype um ein altes Stück Polyester?
Eine Stunde vor Ladenöffnung steht der erste Kunde vor der Tür. Er solle bitte eine halbe Stunde später wiederkommen, Gornasa und sein Mitarbeiter haben noch zu tun. Sie fotografieren Trikots für den neuen Onlineshop.
Auf den ersten Blick hält man 44Trikots gar nicht für ein Geschäft, eher für den Nachbau eines Jugendzimmers aus den Nullerjahren. Poster, Fanschals und Stecktabellen an den Wänden, PlayStation, ein Spiegel in Form eines iPod Shuffle und ein Fußball-Sitzsack.
Die Trikots hängen an Kleiderstangen, säuberlich sortiert nach Ligen und Größen. Sie kosten zwischen 20 und 200 Euro. An jedem einzelnen Trikot hat Gornasa ein Etikett mit Preis und Waschanleitung angebracht. „Manche waschen ihre Trikots bei 60 Grad.“ Gornasa verzieht vor Schmerz das Gesicht. Er empfiehlt strenge Handwäsche, bei neueren Shirts gehe auch mal das Feinwaschprogramm.
Ganz oben hängen die Raritäten. Das Argentinien-Trikot mit der Nummer 10 zum Beispiel. Auf dem Rücken natürlich: Messi. Gornasa findet: „Es gibt Spieler, die sind krass, aber haben nicht so viel Flair wie andere.“ Bei Trikots gehe es nicht nur um Leistung, sondern auch um Lifestyle. „Viele wollen mit dem richtigen Shirt ihre Identität ausdrücken.“
Gefälschte Trikots erkennt er auch am Gewicht
Gornasa zeigt das aktuelle Trikot des FC Barcelona. Der Unterschied zu seinem von 2005 fällt selbst einer Anfängerin sofort auf: dünnerer Stoff, kein Kragen, kaum Details, dafür ein übergroßer Sponsorenaufdruck. Nicht so schön, gerade bei Preisen weit über 100 Euro.
Immer wieder kommen Gornasa gefälschte Trikots unter. Wie man erkennt, dass eines echt ist? Gornasa empfiehlt, sich das Trikot als Ganzes anzuschauen: Stimmt der Produktcode auf dem Etikett? Das Produktionsland? Stimmen die Abstände zwischen Sponsor und Wappen? Stimmen die Maße? Fälschungen sind seiner Erfahrung nach meist kleiner als Originale. Weil die Fälschungen immer besser werden, zähle am Ende auch Erfahrung. „Ich hatte bestimmt mehr als 10.000 Trikots in den Händen. Da fühlst du irgendwann schon, ob das Gewicht des Shirts stimmt.“
Gornasa ist Fan von Hertha BSC, seit er ein kleiner Junge war. Mit zehn schenkt sein Vater ihm sein erstes Trikot, erste Verkaufserfahrungen macht Gornasa in einem Hertha-Fanshop, wo er parallel zum Lehramtsstudium jobbt. Für Mitarbeitende gibt es oft Rabatte, seine Trikotsammlung wächst. Ohne große Hintergedanken fängt er an, sie bei Instagram zu zeigen. Irgendwann melden sich die Ersten, die ihm Trikots abkaufen oder verkaufen wollen. Er hat mehr und mehr Follower, sein Netzwerk wächst. Im Auslandssemester in Manchester sieht Gornasa, dass es dort gleich mehrere beliebte Vintage-Trikotshops gibt, aber in Berlin keinen einzigen.
Im Sommer 2024 findet er den kleinen Laden in Berlin-Wilmersdorf. Für die Eröffnung kratzt er jeden Cent zusammen, auch seine Eltern leihen ihm Geld. „Ich bin trotzdem mit einem Minus gestartet.“ In den Monaten danach muss er sich viel beibringen. Soll er wirklich nur Trikots verkaufen? Wo findet er einen passenden Steuerberater? Wie legt man Preise fest? „Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte“, sagt Gornasa. Er ist der Einzige in der Familie, der selbstständig arbeitet.
Allein der Ankauf ist in seinem Laden komplizierter als in anderen Geschäften, die ihre Ware direkt vom Produzenten beziehen. Zuerst kaufte Gornasa selbst bei Privatverkäufern auf eBay und Vinted. Das kostete irgendwann zu viel Zeit. Mittlerweile schreiben ihn Menschen an, die ihre Sammlungen auflösen. „Männer, die sammeln, sind meine Kategorie.“ Dafür reist er auch mal „mit zwei leeren Koffern“ in die Niederlande oder nach Belgien und lässt dort einen höheren vierstelligen Betrag. Am Anfang war das aufregend, aber Gornasa hat sich dran gewöhnt. „Anders kriege ich die Ware nicht ran.“
Andere Vintageläden kaufen Secondhandkleidung kiloweise von großen Verteilern. Für Gornasa kommt das nicht infrage. Allein das Vorsortieren wäre zu aufwendig. Er kauft bei Menschen, die wissen, wie viel ihre Shirts wert sind. Sein Gewinn ist deshalb gerade bei seltenen und teuren Trikots klein, Geld verdient er eher mit günstigen und mittelpreisigen Trikots.
Dass Fans überhaupt Trikots kaufen, ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Bis in die 1960er-Jahre waren Trikots reine Sportbekleidung. Fans identifizierten sich eher über Schals und Vereinsabzeichen. In den 1970erJahren wurden die Trikots markanter, der Massenmarkt setzte aber erst mit der Kommerzialisierung des Fußballs durch das Fernsehen ein. 1992 gründete sich die englische Premier League, 1993 führte sie die Namen auf den Trikotrücken ein. Die Ligen in Deutschland, Italien und Spanien zogen nach. Die Vereine erkannten im Merchandise eine Einnahmequelle, Spieler wie David Beckham machten Trikots (und Frisuren) zu Lifestyleprodukten.
Heute sind die Trikots aus dieser Zeit wieder überall. Den Retrotrend beobachte er seit etwa drei bis vier Jahren, sagt Gornasa. 2022 ging Blokecore viral, ein Stil, der an die Blokes erinnern soll, die jungen britischen Männer der 1990er-Jahre in ihren Trikots, Jeans und Sneakern. Bella Hadid und Drake ließen sich in diesem Style fotografieren, Kim Kardashian lief in einem alten Shirt der AS Rom herum, Nobelmarken wie Balenciaga und Wales Bonner machten Kollektionen aus Retrotrikots.
Manche gehen solche Trends einfach mit. Bei anderen vermutet Gornasa Nostalgie. Eine Sehnsucht nach der eigenen Kindheit und Jugend und nach einer Zeit, als die Welt des Fußballs noch in Ordnung schien, echter, überschaubarer.
Mittlerweile beschäftigt Gornasa zwei Minijobber und eine studentische Hilfskraft. Darauf ist er stolz. Lehramt studiert er „nur noch alibimäßig“: Seine Eltern können sich nach wie vor nicht vorstellen, dass man mit Fußballtrikots Geld verdient. Selbst wenn sich das mal ändern sollte, seine Leidenschaft bleibt, da ist Gornasa sicher. „Wenn ich mal alt bin, 44 oder so, werde ich immer noch im Trikot ins Büro gehen.“
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