„Wie geht es eigentlich deiner Familie?“
Ihre Angehörigen leben in Kriegsgebieten, sie selbst in Deutschland. Was wollen Menschen in einer solchen Situation wirklich hören, und wie kann man sich mit ihnen solidarisch zeigen? Drei von ihnen erzählen
„Was ich nicht brauche, ist dieses künstliche ‚Oh mein Gott, das tut mir so leid‘“
Zahra ist 24, Ärztin. Ihr Vater stammt aus dem Südjemen, ein Teil ihrer Familie lebt in Aden, einer strategisch wichtigen Stadt, die in den vergangenen zehn Jahren immer wieder von Gewalt erschüttert wurde. Zu ihren Verwandten dort hält sie regelmäßig Kontakt.
„Ich habe einem alten Chef mal erzählt, dass ich Familie im Jemen habe. Mitten im Krieg. Er hat gesagt: ‚Ach so.‘ Das war’s. Auch als ich noch zur Schulzeit vom Krieg im Jemen erzählt habe, hat es niemanden so wirklich interessiert. Außer zwei Freundinnen, die waren Vietnamesinnen. Die konnten das nachempfinden, wie ich mich gefühlt habe, weil ihr Vater auch vor dem Krieg in Vietnam geflohen ist. Ich habe den Vater irgendwann kennengelernt, und er wusste sogar, wo der Jemen liegt. Das habe ich als eine starke Anerkennung empfunden, wie ein warmes Licht hat sich das Gespräch angefühlt.
Ich erwarte gar nicht, dass Leute auf einmal alles über die Lage im Jemen und die verschiedenen Konfliktparteien verstehen. Das Normalste der Welt sollte aber sein, Empathie zu zeigen. Ich hätte einfach gerne gehört: ‚Wie geht es eigentlich deiner Familie?‘ Die Menschen, die mich das gefragt haben, an die erinnere ich mich bis heute.
Es ist schön, mit Menschen darüber zu sprechen, die das nicht einfach so abnicken. Es gibt auch diesen speziellen Humor, den oft nur Leute verstehen, die selbst Krieg erlebt oder Familie in Kriegsgebieten haben. Das sind schonungslose, harte Witze, um damit klarzukommen. Das sollte man als Außenstehende nicht verurteilen. Gleichzeitig ist da dieses Nebeneinander von Trauer und schönen Momenten und dieser starke Drang, einfach weiterzumachen. Mein Cousin studiert gerade Medizin im Jemen. Das Leben geht weiter, auch wenn Bomben fallen.
Was ich nicht brauche, ist dieses künstliche ‚Oh mein Gott, das tut mir so leid‘, und dann werde ich angeguckt wie ein armes Tier kurz vor der Schlachtbank. Das ist kein Mitgefühl, das ist Mitleid. Der Unterschied ist, dass Mitgefühl mich als Mensch sieht und Mitleid mich auf meine Betroffenheit reduziert. Ich bin nicht nur das.“
„Es würde mich freuen, mehr nicht-sudanesische Menschen auf Demos für den Sudan zu sehen“
Faris ist 28 und studiert Fahrzeugtechnik. Seine Familie lebte im Sudan, viele sudanesische Menschen sind seit dem Kriegsausbruch 2023 nach Ägypten geflüchtet. Über eine WhatsApp-Gruppe steht er mit ihnen in engem Austausch.
„Ich hatte das Gefühl, die meisten Leute in Deutschland wussten gar nicht, wo der Sudan überhaupt liegt. Als ich vom Sudan gesprochen habe, war die erste Reaktion meistens Verwirrung. Wenn ich dann gesagt habe, dass wir Arabisch sprechen, kam noch mehr Verwirrung auf. Als wäre es unvereinbar, dass Arabisch in Afrika gesprochen wird.
Als der Krieg 2023 ausgebrochen ist, habe ich auf Instagram Beiträge repostet, um andere aus meinem Umfeld darüber zu informieren. Das war auch meine Art, mich mitzuteilen, direkt habe ich mich erst mal nicht mit Leuten darüber ausgetauscht. Ich habe auch Spendenaufrufe geteilt und darüber mitbekommen, dass andere Menschen, mit denen ich nicht mal viel Kontakt habe, gespendet haben. Es sind auch Menschen auf mich zugekommen und haben mir Geld geschickt, damit ich es den Menschen im Sudan spenden kann. Das hat mich sehr berührt.
Aber in den sozialen Medien habe ich auch verletzende Kommentare gelesen, zum Beispiel unter Posts der ‚Tagesschau‘. Da haben dann Leute so was geschrieben wie ‚Ist ja schade, aber wir können die jetzt nicht auch noch hier aufnehmen‘. Niemand aus meiner Familie im Sudan wollte im Laufe des Krieges nach Deutschland kommen.
Es gab aber auch andere Momente. Leute, die ich nicht mal so gut kannte, haben mir geschrieben: ‚Ich hoffe, deiner Familie geht es gut.‘
Ich habe zwar keine großen Erwartungen an Menschen, die nicht direkt betroffen sind, würde mir aber trotzdem mehr solche solidarischen Momente wünschen. Mir würden schon Posts ausreichen, um auf die Situation im Sudan aufmerksam zu machen. Es würde mich auch freuen, mehr nicht-sudanesische Menschen auf Demos für den Sudan zu sehen.“
„Ich erwarte absolut kein Vorwissen, jedes Nachfragen bedeutet mir etwas“
Jiyan ist 24, organisiert Demokratie-Workshops an Schulen und arbeitet als freie Journalistin. Sie ist Kurdin mit Großeltern, die in Rojava, dem selbstverwalteten kurdischen Teil Nordostsyriens, leben. Das Gebiet wurde immer wieder von türkischen Streitkräften und Anfang 2026 auch von der islamistischen Übergangsregierung in Syrien angegriffen.
„Die Kurd*innen werden immer wieder vergessen. Den Eindruck hatte ich krass, als es um den Wiederaufbau Syriens nach dem Bürgerkrieg ging. Was soll mit den Minderheiten in Syrien passieren? Zum Beispiel denen, denen ich angehöre: der kurdischen und der jesidischen. Das kam mir in den Medien und auch in der Politik viel zu kurz.
Anfang des Jahres habe ich nach den Angriffen auf Rojava aber superviel Solidarität in meinem Bekanntenkreis erlebt von Menschen, die der Krieg nicht betrifft. Mir hat eine Freundin geschrieben, dass sie ohne mich gar nicht gewusst hätte, was vor Ort passiert. Mich hat es auch sehr berührt, als mich Freund*innen gefragt haben, wie es meiner Familie vor Ort geht. Das gibt mir viel, weil ich sehe, dass es Menschen gibt, die sich nicht nur um die eigene Familie sorgen.
Ich freue mich grundsätzlich darüber, wenn Leute einfach mal nachfragen, was in Rojava passiert. Ich erwarte absolut kein Vorwissen, jedes Nachfragen bedeutet mir etwas. Es gibt da nur eine nervige Frage, die ich in meinem Leben viel zu oft gehört habe: ‚Wie stehst du zur PKK?‘ (Anmerkung der Redaktion: Die Arbeiterpartei Kurdistans, kurz PKK, erstrebte ursprünglich einen eigenen kurdischen Staat. Sie ist in Deutschland verboten und als Terrororganisation eingestuft.) Als wäre das die einzige Frage, die zählt. Als wäre Kurdischsein gleich Terrorverdacht. Das macht mich wütend. Ich will mich nicht dafür rechtfertigen müssen. Kurdischsein ist mehr als für oder gegen die PKK zu sein. Es ist Sprache. Es ist Kultur. Es ist mein kurdischer Name.
Deswegen ist Zuhören so wichtig. Und Nachfragen. Auch, wie es kurdischen Menschen hierzulande geht.“
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Das Titelbild zeigt Zerstörungen vom Krieg im Jemen – und dass das Leben dort trotzdem weitergeht (Fotografin: Agnes Varraine-Leca / REA / laif)