Querdenker mit Mumienkostüm und Megafon - Nazis bei einer Demo

„Eine extremistische Einstellung ist keine psychische Erkrankung“

Psychiater Marc Allroggen vom Universitätsklinikum Ulm forscht zum Umgang mit Extremismus in der Therapie. Er sagt: Psychotherapie kann zur Extremismusprävention beitragen

Interview: Martin Seng
Thema: Identität
6. August 2025

fluter: Herr Allroggen, Sie beschäftigen sich seit Jahren damit, wie die Psychotherapie mit extremistischen Patient:innen umgeht. Was fällt Ihnen auf?

Marc Allroggen: Wir wissen aus eigenen Studien, dass viele Psychotherapeut:innen bei der Behandlung von Patient:innen mit extremistischen Einstellungen unsicher sind. Das liegt einfach daran, dass sich viele dafür nicht gut genug ausgebildet fühlen. Zum Teil fürchten sie auch um ihre eigene Sicherheit.

Von welcher Art Extremismus sprechen wir hier?

Am häufigsten stoßen wir in unseren Studien auf Rechtsextremismus – vermutlich, weil der in der Bevölkerung am weitesten verbreitet ist. Uns fällt aber zunehmend auf, dass wir bestimmte Formen von extremistischen Einstellungen nicht mehr einem klassischen Bereich zuordnen können. Dazu zählen insbesondere neuere Bewegungen wie die Querdenker-Szene. Der Verfassungsschutz stuft sie als in Teilen extremistisch ein. Menschen mit diesen Einstellungen tauchten vermehrt in unseren Studien auf.

„Wir wissen, dass Menschen mit extremistischen Einstellungen sehr häufig frühkindliche, belastende Lebensereignisse erlebt haben“

Wie begegnet man als Therapeut:in überhaupt einer extremistischen Patient:in? Braucht es da einen speziellen Ansatz?

Was ganz klar sein muss: Eine extremistische Einstellung ist keine psychische Erkrankung. Das heißt, die extremistische Einstellung ist auch niemals der Fokus der Behandlung. Die meisten gehen auch nicht wegen ihrer extremistischen Einstellung in eine Therapie. Diese zeigt sich oft erst im Laufe der Behandlung – niemand kommt zum ersten Termin und sagt „Ich bin rechtsextrem“. Solche Personen sehen ihre Einstellung als vollkommen begründet und unproblematisch an. Manche verstecken sie, andere gehen offener damit um. 

Findet man als offen extremistische Person überhaupt einen Therapieplatz?

Das kann definitiv zu Ablehnung führen. Menschen mit extremistischen Einstellungen haben größere Schwierigkeiten, Behandlungen zu finden. Ich kenne zum Beispiel einen Fall, wo eine jüdische Therapeutin eine Behandlung von jemandem mit antisemitischen Tendenzen aus persönlichen Gründen abgelehnt hat.

Was verbindet extremistische Menschen in Behandlung? Teilen sie ähnliche Biografien?

Wir wissen, dass Menschen mit extremistischen Einstellungen sehr häufig frühkindliche, belastende Lebensereignisse erlebt haben. Wenn jemand emotionale Vernachlässigung oder Kindesmisshandlung erfährt, stellt das einen Risikofaktor dar, sowohl für die Übernahme von extremistischen Inhalten als auch die Entwicklung einer psychischen Erkrankung.

Besteht in einem therapeutischen Rahmen auch die Möglichkeit, die Menschen zu deradikalisieren?

Was Therapeut:innen tun können, ist, die Resilienz von jemandem zu fördern, also die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu überstehen, und sie dadurch emotional zu stabilisieren. Das kann zu einer Deradikalisierung führen, ist aber nicht die Hauptaufgabe von Psychotherapie. Menschen, die sich in Sinnkrisen befinden, neigen gewissermaßen dazu, extremistischen Gruppen beizutreten. Wenn ich sozial sehr unsicher bin, wenig Anschluss finde und mir dann die rechtsradikale Gruppe vor Ort soziale Unterstützung und ein Gemeinschaftsgefühl anbietet, schließe ich mich an. Wenn aber die Schwierigkeiten behandelt werden, die ich aufgrund einer psychischen Störung habe, will ich mich eventuell auch nicht mehr einer extremistischen Gruppe anschließen.

„Wir raten davon ab, mit den Patient:innen in eine inhaltliche Auseinandersetzung über extremistische Inhalte zu gehen. Das bringt in der Regel nichts“

Wirkt sich politischer Extremismus selbst nicht auch auf die Psyche aus?

Viele Menschen, die aus extremistischen Netzwerken aussteigen wollen, leiden unter psychischen Erkrankungen. Das kann eine Folge des Anschlusses an eine extremistische Gruppe sein – weil man zum Beispiel mit Gewalttaten konfrontiert wurde.

Was raten Sie Therapeut:innen im Umgang mit extremistischen Patient:innen? 

Wir empfehlen, die Behandlung auf die psychische Erkrankung zu fokussieren. Wir raten auch davon ab, mit den Patient:innen in eine inhaltliche Auseinandersetzung über extremistische Inhalte zu gehen. Das bringt in der Regel nichts. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass alle Menschen mit Migrationshintergrund schuld daran sind, dass man selbst arbeitslos ist, kann ich das nicht korrigieren. Gegenüber menschenverachtenden Äußerungen sollte man trotzdem klar Stellung beziehen. 

Wieso hat man sich bisher so wenig mit Extremismus in der Psychotherapie beschäftigt?

Dass Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen jetzt zunehmend als relevante Akteure in der Extremismusprävention auftreten, ist in Deutschland erst in den letzten Jahren aufgekommen. Extremismus selbst ist zwar keine psychische Erkrankung. Inzwischen wissen wir aber, dass Radikalisierungsprozesse und psychische Erkrankungen bestimmte Risikofaktoren teilen – und wir daher die Widerstandsfähigkeit von Betroffenen erhöhen müssen. 

Portrait von Marc Allroggen

Prof. Dr. Marc Allroggen ist leitender Oberarzt und Sektionsleiter für Institutsambulanz und Forensik am Universitätsklinikum Ulm. Er forscht zur Radikalisierung junger Menschen und Persönlichkeitsstörungen.

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Titelbild: Hahn + Hartung