Ein Mann schwimmt mit Hilfe einer gelben Schwimmnudel im Hallenbecken eines Schwimmbads

Sie schwimmen sich frei

Immer weniger Menschen in Deutschland können schwimmen. Ob man dazugehört, hat auch mit Herkunft und sozialem Status zu tun. In einem Kurs in Berlin holen Erwachsene nach, was sie als Kinder verpasst haben

Text: Paulina Albert und Fotos: Hahn & Hartung
Thema: Sport
20. August 2025

Sie steht am Beckenrand und zögert. Der linke Fuß vorne, der rechte hinten, die Arme über dem Kopf. Im Wasser war sie jetzt bestimmt schon hundert Mal. Aber kopfüber reinspringen? Das hat sie noch nie gemacht. 

Amanda ist 34 Jahre alt und lernt gerade schwimmen. 

„Kinn auf die Brust, Amanda“, erinnert sie der Schwimmlehrer. Amanda nickt, guckt nach unten. Dann springt sie. 

In der Großstadt in Brasilien, wo Amanda aufwuchs, gab es keine Seen oder Flüsse, in denen man schwimmen konnte. Ein privater Schwimmkurs war zu teuer für ihre Eltern. Amanda will schwimmen lernen, um ihre Angst vor dem Wasser loszuwerden. Am Meer traute sie sich nicht rein, im Freibad blieb sie im Nichtschwimmerbereich. „In Deutschland können alle schwimmen, nur ich nicht. Hier habe ich mich schon dafür geschämt“, sagt sie. 

Die Statistik zeigt, dass Amanda nicht allein ist. In Deutschland ist etwa jede:r Zweite unsicher im Wasser, schätzt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Laut einer Forsa-Umfrage von 2022 können rund fünf Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland überhaupt nicht schwimmen – etwa 3,5 Millionen Menschen. Trotz voller Kurse lernen heute weniger Menschen schwimmen als noch in den 1990er-Jahren. Es fehlt an Schwimmunterricht und Schwimmbädern. Viele haben einen Sanierungsbedarf, in den nächsten drei Jahren könnten deshalb rund 800 Bäder verloren gehen, schätzt die DLRG.

 

Ein Mann sprint vom Startblock ins Schwimmbecken

Kopfsache: Für manche im Kurs gilt es, ihre Scham und Angst zu überwinden

Amanda und ein Mitschüler unterhalten sich im Schwimmbecken

Privilegienfrage: In ihrem Heimatland Brasilien war ein privater Schwimmkurs zu teuer für Amandas Eltern

Ob Menschen schwimmen lernen, hängt von vielen Faktoren ab. Die Forsa-Umfrage zeigte, dass die Hälfte der Kinder aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 2.500 Euro nicht schwimmen kann. Bei einem Haushaltsnettoeinkommen von über 4.000 Euro sind es nur zwölf Prozent. Menschen mit Migrationshintergrund, Personen mit geringerer Bildung und Ältere lernen überdurchschnittlich spät oder gar nicht schwimmen. 

In Amandas Kurs kommen fast alle aus dem Ausland: Ruth aus Äthiopien, 30, deren Eltern fanden, schwimmen lernen wäre unnötige Ablenkung von der Schule, niemand aus ihrer Familie kann schwimmen. Hetal aus Indien, 35, die vom Schnorcheln träumt, aber wegen ihres Jobs als Flugbegleiterin den Schwimmkurs abbrach. Senthivel aus Indien, 44, der schwimmen lernen will, seit sein Sohn es kann. 

Sie kommen zweimal die Woche in das Kombibad Gropiusstadt am Rand von Berlin und lernen von Lars Alisch, wie man sich im Wasser bewegt. Der Kurs kostet 250 Euro, 20 Stunden Lerneinheiten.

Schwimmschüler lachen im Schwimmbecken

Auch im Wasser sind nicht alle gleich: Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder aus Familien mit niedrigerem Einkommen und Personen mit geringerer Bildung lernen in Deutschland überdurchschnittlich spät oder gar nicht schwimmen 

Lars ist braun gebrannt, auf der Wade hat er ein Seepferdchen tätowiert. Fragt man im Schwimmbad nach ihm, kennt niemand seinen Nachnamen. Er ist hier einfach Lars. Seine älteste Schülerin war 84 Jahre alt, die jüngste im Erwachsenenkurs 17. „Die kann ja nicht mehr in den Kinderkurs“, sagt er. Lars ist wichtig, dass sich alle wohlfühlen. Natürlich spiele Scham manchmal eine Rolle, aber die versuche er seinem Kurs gleich am Anfang zu nehmen. 

Die Schwimmkurse fangen immer gleich an, egal ob für Kinder oder Erwachsene. Sie starten im Nichtschwimmerbecken, ausgerüstet mit gelben Schwimmnudeln und Schaumstoffgürteln um den Bauch, um einmal zu spüren, dass das Wasser sie trägt. 

Dann geht es ins Becken, in dem man nicht mehr stehen kann. Lars sagt, das Wichtigste sei, den Leuten die Angst vor dem tiefen Wasser zu nehmen. Deswegen geht es nach der ersten Stunde nur noch ins tiefe Schwimmerbecken, erst mit Schaumstoffgürteln, dann mit Schwimmflügeln, irgendwann nur noch mit den Nudeln. 

 

Portrait von Lars Alisch am Beckenrand

Angstlöser: Schwimmlehrer Lars ist wichtig, dass sich in seinen Kursen alle wohlfühlen

Amanda beim Rückenschwimmen

Liegen lernen: Hat man Vertrauen ins Wasser und sich selbst gefasst, klappt’s auch auf dem Rücken

In der 14. Stunde Ende Juni hat nur noch Senthivel eine Schwimmnudel, weil er sich heute unsicher fühlt. Alle anderen schwimmen ohne Hilfsmittel, schon seit der sechsten oder siebten Stunde. „Es gab Tage, an denen hat die Schwimmbewegung gar nicht geklappt, und dann, eine Woche später, kam sie plötzlich von ganz alleine“, sagt Amanda. „Ich hatte so viel Angst vor dem Wasser, und dann habe ich gemerkt, dass es mich trägt. Das war ein richtig schönes Gefühl.“

Lars guckt auf sein Klemmbrett. Eigentlich wollte er heute mit seinem Kurs das Seepferdchen-Abzeichen machen: ins Becken springen, 25 Meter schwimmen, einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser hochtauchen. „Das sind alles Sachen, die einen vor dem Ertrinken retten“, sagt er. „Der Sprung simuliert, ins Wasser zu fallen, den Ring hochzutauchen, zwingt einen, die Augen unter Wasser aufzumachen und sich zu orientieren.“ Aber heute ist die Gruppe müde. Fünf dümpeln am Beckenrand. „Soll ich euch noch ’nen Cocktail bringen?“, scherzt Lars. Er verschiebt das Tauchen aufs nächste Mal.

Amanda gleitet auf dem Rücken durch das Becken, zieht erst den einen Arm gerade aus dem Wasser nach hinten über ihren Kopf, dann den anderen. Ende August fliegt sie nach Griechenland in den Urlaub. Sie sagt, sie sei gespannt, ob die Angst wegbleibt. Dann schwimmt sie bald im Meer.

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