Mehrere Porträtfotos von verschiedenen Personen, teils mit verdeckten Gesichtern, liegen überlappend auf einer Oberfläche

Was steht wirklich drin?

Die Veröffentlichung von Millionen Dateien soll Licht in die Aktivitäten des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein bringen. Doch die „Epstein-Files" sind schwierig auszuwerten und führen zu Unsicherheit und Fake-News. Ein Überblick

Von Marlon Saadi
Thema: Internet
18. Mai 2026

1. Wer war Jeffrey Epstein?

Jeffrey Epstein war ein amerikanischer Finanzberater und Multimillionär. Zu seinen Kunden gehörten einige der vermögendsten und einflussreichsten Menschen der Welt. 

2005 eröffnete die Polizei in Florida Ermittlungen gegen Epstein wegen Missbrauchs einer Minderjährigen. 2008 bekannte Epstein sich im Rahmen eines Deals mit der Staatsanwaltschaft schuldig. Er gestand die „Anstiftung zur Prostitution“ und in einem Fall die „Anstiftung zur Prostitution einer Person unter 18 Jahren“. Das Urteil lautete: 18 Monate Haft. Am 6. Juli 2019 wurde Epstein erneut verhaftet, weil er unter dringendem Verdacht stand, ein Netzwerk zur sexuellen Ausbeutung Minderjähriger betrieben und Dutzende Mädchen missbraucht und vergewaltigt zu haben.

Epstein wurde am Morgen des 10. August 2019 tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden. Die offizielle Todesursache lautet „Suizid durch Erhängen“. Zweifel daran wurden unter anderem durch den von Epsteins Bruder beauftragten Gerichtsmediziner Michael Baden genährt. Hinzu kommen Versäumnisse der Behörden. Zwei Wärter hatten ihre Aufsichtspflicht verletzt und den Gefangenen nicht regelmäßig beobachtet, die meisten Überwachungskameras funktionierten nicht. FBI und Justizministerium kamen 2025 nach erneuter Untersuchung jedoch zum gleichen Schluss und erklärten, es liege keine Fremdeinwirkung vor.

Die Ermittlungen dauerten auch nach Jeffrey Epsteins Tod an, weil weitere Täterinnen und Täter in dem Netzwerk vermutet wurden. Wenige Tage nach seinem Tod begann das FBI, Epsteins Privatinsel Little Saint James in der Karibik zu durchsuchen. Er soll junge Frauen und Mädchen gezielt auf die abgelegene Insel geschleust haben, um sie dort zu missbrauchen und an andere Täter weiterzugeben. Ghislaine Maxwell, Epsteins Komplizin, wurde 2022 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie Epstein über einen Zeitraum von zehn Jahren dabei geholfen hat, Mädchen in einem Netzwerk sexuell auszubeuten.

 

2. Was sind die „Epstein-Files"?

Die Epstein-Files sind die vor allem von den US-amerikanischen Strafverfolgungsbehörden zusammengestellten Gerichts- und Ermittlungsakten zu dem Fall. Es handelt sich um Millionen von Dokumenten, Bildern, Videos und E-Mails, die Epsteins Aktivitäten und seinen Austausch mit Prominenten, Politikern und Unternehmern dokumentieren.

Ende 2025 und Anfang 2026 hatte die US-Regierung einen Teil der Akten veröffentlicht. Die Veröffentlichung basierte auf einem speziellen Gesetz, dem Epstein Files Transparency Act. Der veröffentlichte Teil umfasst knapp 3,5 Millionen Seiten, 2.000 Videos und 180.000 Bilder, insgesamt fast 300 Gigabyte Daten. Bis heute sind aber nicht alle Dokumente veröffentlicht und viele der veröffentlichten Seiten geschwärzt. Nach Angaben der Behörden, um die Persönlichkeitsrechte der Opfer zu schützen. Opferanwälte forderten dennoch, die Files offline zu nehmen, weil sensible Daten ihrer Mandanten teils ungeschützt einsehbar gewesen seien.

Die Onlinedatenbank ist für jeden frei zugänglich, der über 18 Jahre alt ist. Die Akten belegen ein weitreichendes Missbrauchsnetzwerk. Wie viele Opfer es gab, wurde noch nicht final ermittelt, aktuelle Schätzungen gehen von über 1.000 Personen aus.

Das US-amerikanische Justizministerium sieht sowohl seine Ermittlungen als auch die Veröffentlichung der Akten als abgeschlossen an. Opfer, Anwälte und Politiker drängen hingegen auf weitere Veröffentlichungen. Ein Aufsichtsgremium des Justizministeriums prüft gerade, ob bei der Veröffentlichung Fehler gemacht wurden, die korrigiert werden müssen. Öffentlicher Druck könnte zu weiteren Veröffentlichungen führen.

 

3. Was bedeutet es, wenn ein Name in den Epstein-Files auftaucht?

Kurz nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten tauchten erste Namen in der Öffentlichkeit auf, die in den Files vorkommen. Darunter der US-amerikanische Präsident Donald Trump, Ex-US-Präsident Bill Clinton, Microsoft-Gründer Bill Gates oder der frühere israelische Premierminister Ehud Barak. Auch der Name der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel findet sich in den Akten.

Allerdings bedeutet die bloße Erwähnung eines Namens in den Akten nicht automatisch, dass die Person ein Teil von Jeffrey Epsteins Netzwerk war – nicht einmal, dass sie direkten Kontakt zu ihm hatte. So taucht Merkels Name beispielsweise 314-mal in den Akten auf. In erster Linie aber, weil über sie geschrieben wurde, zum Beispiel in Nachrichtennewslettern, die Teil der zahllosen E-Mails in den Epstein-Files sind.

Andere Personen wie beispielsweise Clinton, Gates oder Trump hatten nachweislich direkten Kontakt zu Epstein und sind auf Bildern mit ihm zusammen zu sehen. Allerdings lässt sich auch daraus nicht einfach eine strafrechtlich relevante Schuld ableiten. Epstein war extrem gut vernetzt und hat seine Karriere auf Beziehungen in die höchsten Kreise von Wirtschaft und Politik aufgebaut.

Bisher wurden aufgrund der Epstein-Files drei Ermittlungsverfahren gegen bekannte Personen eingeleitet: gegen den früheren norwegischen Premierminister Thorbjørn Jagland, gegen Andrew Mountbatten-Windsor, den mittlerweile seiner Adelstitel enthobenen Bruder des britischen Königs, sowie gegen den ehemaligen britischen Botschafter in den USA, Peter Mandelson.

 

4. Warum ist es so schwierig, die Epstein-Files auszuwerten?

Als Spezialisten für die Auswertung solcher Datenmengen gelten Investigativjournalisten. Oft arbeiten Teams aus verschiedenen Redaktionen, mitunter aus verschiedenen Ländern, zusammen, um Informationen zu filtern. Normalerweise brauchen sie dafür Monate. Oftmals wird den Redaktionen das Material zugespielt, bevor es an die breite Öffentlichkeit gelangt. So haben die Journalisten genug Zeit, es zu sichten.

Die wichtigste Frage, um eine Information zu prüfen, ist: Was ist die Quelle? Also woher kommt die Information, wer verbreitet sie gerade? Seriöse Medien legen immer offen, worauf sie sich bei ihren Informationen beziehen. Sie nennen Originaldokumente, offizielle Stellen oder Experten.

Im Falle der Epstein-Files liegen zwar Originaldokumente vor, aber sie zeigen, dass Interpretation und Beweis zwei unterschiedliche Dinge sind. Die Epstein-Files enthalten alle möglichen Gespräche, Schriftstücke und E-Mails aus Epsteins Leben. Was davon strafrechtlich relevant ist und was nicht, ist ungeklärt. Ein Beispiel: Epstein besaß ein kleines schwarzes Notizbuch mit den Namen prominenter Personen und ihren Kontaktdaten. Fünf Namen sollen gelb markiert worden sein, darunter der von Donald Trump. Aber wozu diente das Notizbuch? War es eine Kundenliste für kriminelle Geschäfte? Oder einfach ein Telefonbuch? Und was haben die Markierungen zu bedeuten? Damit ein Hinweis zu einem Beweis wird, braucht es nicht nur eine Person, sondern einen direkten Zusammenhang zu einem Verbrechen.

Hinzu kommt, dass die Epstein-Files äußerst unübersichtlich sind. Mithilfe der Suchfunktion auf der Website des amerikanischen Justizministeriums lässt sich zwar nach Stichwörtern oder Namen in den Akten suchen. Allerdings ist die Suchfunktion unzuverlässig und bietet wenig Möglichkeiten, die Suche zu verfeinern. Das macht das Durchforsten der Akten extrem aufwendig. Die Epstein-Files wurden zudem für alle Menschen gleichzeitig zugänglich gemacht. Influencer und TikToker haben schon kurz nach der Freigabe der Files damit begonnen, einzelne Details zu veröffentlichen. Wirklich überprüfen lassen sich diese aber in einer so kurzen Zeit nicht. Außerdem arbeiten unseriöse Influencer oder Verschwörungsideologen manchmal damit, dass sie Quellen angeben, die nicht stimmen oder umgedeutet werden.

Im Internet und auf Social Media kursieren deshalb viele ungeprüfte und zusammenhanglose Fakten zu den Files oder auch gefälschte Inhalte, die angeblich aus den Files stammen. Das macht es oft noch schwieriger und aufwendiger. Denn das bedeutet, dass man wirklich genau hinschauen muss: Wie glaubwürdig sind diese Quellen? Wird einfach nur auf andere Leute aus der eigenen Bubble verlinkt? Welche Informationen ergeben sich wirklich aus den Dokumenten, was ist aus dem Kontext gerissen?

Mittlerweile finden sich auch journalistische Angebote in Deutschland, wie correctiv.org oder der ARD-Faktenfinder, die mit Faktenchecks versuchen, Licht ins Dunkel der Epstein-Files zu bringen.

 

5. Was ist Fakt, was Verschwörungsmythos?

Ein elitäres Netzwerk, eine abgelegene Insel und ein pädophiles Missbrauchssystem. Viele Anhänger von Verschwörungsmythen sehen in den Epstein-Files Beweise für ihre Erzählungen. Zum Beispiel Anhänger von Pizzagate oder QAnon, die an ein weltweit agierendes pädophiles und kannibalistisches Vergewaltigernetzwerk glauben. Andere vermuten, dass Epstein ein russischer Spion war, für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet hat oder die CIA brisante Details vertuscht.

Zunächst einmal ist wichtig zu verstehen, dass nicht alles, was in den Akten steht, automatisch wahr ist. Das US-amerikanische Justizministerium warnte ausdrücklich, dass die veröffentlichten Akten auch „unbegründete und falsche“ Behauptungen enthalten – darunter ungeprüfte Hinweise aus der Öffentlichkeit, die das FBI im Laufe der Jahre erhalten hatte. Zudem kursieren zahlreiche KI-Fakes, die angebliche Bilder aus den Akten zeigen.

Was stimmt, ist, dass nicht alle Details aus dem Epstein-Komplex bekannt sind. So ist zum Beispiel unklar, was genau die CIA über Epstein wusste. Gerade weil der Fall Epstein so viele Fragen aufwirft und sich so viele einflussreiche Leute in seinem Netzwerk finden lassen, ist die Aufmerksamkeit dafür besonders hoch.

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Titelbild: Martin Bureau / AFP via Getty Images