Der spanische Traum?
Während Länder wie die USA es Migranten und Migrantinnen schwer machen, dort Fuß zu fassen, bietet Spanien ihnen neue Möglichkeiten. Geht das Konzept auf?
Für Carolina Díaz Hernandez ist es so weit. Vor wenigen Tagen kam die Bestätigung ihrer spanischen Staatsbürgerschaft an. Der Weg dahin war allerdings kein leichter. Zunächst sei sie aus Kolumbien 2019 über ein Studierendenvisum nach Madrid gekommen, erzählt sie, doch bei der privaten Universität lief es nicht wie erwartet: Statt der eineinhalb Jahre Kulturwirt-Master plus Praktika habe der Studiengang insgesamt nur rund sieben Monate gedauert. Zu wenig Zeit, um die spanische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Solche oder ähnliche Geschichten erzählen in Spanien viele Migrant:innen im Umfeld der Autorin. In eineinhalb Jahren hätte sie es geschafft, ein Folgevisum zu beantragen, sagt sie. Durch die Ausnahmesituation in der Pandemie konnte die heute 42-Jährige trotzdem erst mal im Land bleiben.
Von den leichten Verfahren für EU-Bürger:innen konnte sie als Kolumbianerin nicht profitieren. Doch für sie kam dann ein „Arraigo“, zu Deutsch „Verwurzelung“, infrage, der spanische Sonderweg in Sachen Migration. Er erlaubt es Menschen, die sich legal oder auch illegal im Land befinden, einen Aufenthaltstitel zu erhalten. Dafür müssen die Bewerber:innen nachweisen, dass sie gut integriert sind – also Arbeit haben und ein soziales Gefüge.
Es gibt dabei verschiedene „Arraigos“ mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Ende 2024 hat die sozialistische Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez den neuen „Arraigo Sociolaboral“ geschaffen, der schon nach zwei Jahren beantragt werden kann statt nach drei. Im Mai 2025 trat das Gesetz in Kraft. Dadurch wurde unter anderem das „Jobsuchende“-Visum von drei Monaten auf ein Jahr verlängert, der Familiennachzug wurde verstärkt und der Zugang zur Arbeitserlaubnis erleichtert, auch für Studierende. Die Arbeitserlaubnis gilt in der Regel zunächst für ein Jahr, kann aber verlängert werden.
Leuchtschild eines Anwaltes in Madrid, der Menschen zum Thema Aufenthaltstitel berät
Für viele Menschen aus Südamerika ist Spanien eine Alternative zu den USA
Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich: Während die Regierung den neuen Arraigo als Errungenschaft feiert, fürchten Nichtregierungsorganisationen wie CEAR um Menschen in Asylverfahren. Denn Asylbewerber:innen müssten auf ihren Asylprozess verzichten, um den Arraigo beantragen zu können. Dadurch gingen Rechte für diese Menschen verloren, und Spanien unterminiere so das Recht auf internationalen Schutz. Andere merken an, dass der Grad der „Verwurzelung“, wie der Arraigo ihn fordert, für manche Menschen schwer zu erreichen sei.
Dennoch: Spanien gilt nun für viele als Gegenentwurf zu Ländern wie den USA, die sich gegen unliebsame Migration abschotten wollen. Spanien verzeichnet durch die Einwanderung einen Bevölkerungsrekord: Im letzten Quartal 2024 kamen über 100.000 Menschen mit anderer Nationalität ins Land. Ab Mai dieses Jahres sollen jedes Jahr 300.000 Menschen ohne Papiere einen Aufenthaltstitel bekommen. Für viele südamerikanische Migrant:innen wird das Land immer mehr zu einer Alternative zu den USA. Gleichzeitig erlebt Spanien, vor allem durch den Tourismus, einen Boom: 2024 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 3,2 Prozent. Für 2025 wird das Wachstum auf 2,6 Prozent geschätzt.
Dass zwischen der Migration und den guten Wirtschaftsdaten ein Zusammenhang besteht, davon ist Raymond Torres, Ökonom des spanischen Thinktanks Funcas, überzeugt. „In Spanien arbeiten Migranten häufig im Tourismus, der Gastronomie und dem Bausektor“, sagt er. Anders als in Deutschland etwa brauche die spanische Wirtschaft mehr niedrigqualifizierte Arbeitskräfte. Torres geht davon aus, dass die Migration für rund 40 Prozent des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre verantwortlich sei.
Vermutlich auch deshalb bezeichnete Staatsoberhaupt Sánchez Ende vergangenen Jahres die Migration als „wesentlichen Schritt, um den Wohlstand und die Nachhaltigkeit unseres Wohlfahrtsstaates zu gewährleisten“. Insbesondere vor dem Hintergrund der vom Aussterben bedrohten Dörfer in weiten Landstrichen Spaniens. Sprich: Ein bisschen mehr Bevölkerung könne Spanien nicht schlecht zu Gesicht stehen.
Eingang des lateinamerikanischen Kulturzentrums La Parceria in Madrid
Nicht alle Migranten und Migrantinnen haben die gleichen Chancen
Auch wenn der politische Wille da zu sein scheint, in der Realität funktioniert noch nicht alles wie erwünscht. Die Einbürgerung von Díaz Hernandez etwa hat gedauert: Ein halbes Jahr musste sie auf ihre Staatsbürgerschaft warten. Die Behörden könnten mit dem Andrang nicht mithalten, so Ökonom Raymond Torres. Es entstünden lange Wartezeiten, die mitunter die Tür zu illegalen Geschäften öffneten: So würde mitunter Handel mit Terminen bei der Ausländerbehörde betrieben.
Migrant:in ist allerdings auch in Spanien nicht gleich Migrant:in. Lateinamerikanische Einwanderer:innen werden heute sogar teilweise von der rechtsradikalen Vox-Partei wertgeschätzt. Eine Migrant:in aus einem „hispanischen Bruderstaat“ aufzunehmen, sei nicht das Gleiche wie einen Menschen aus islamischen Ländern, sagte Vox-Vorsitzender Santiago Abascal. Schwer haben es in Spanien besonders Menschen aus afrikanischen Ländern. Eine staatliche Studie, die im April 2025 veröffentlicht wurde, ergab, dass sich besonders ost- und südostasiatische sowie Schwarze Menschen und Araber:innen aus Nordafrika in Spanien diskriminiert fühlen.
Langsam kommt Díaz Hernandez beruflich an: Dieses Jahr arbeitete sie als Organisatorin bei einer Ausstellung über das Leben bekannter lateinamerikanischer Frauen, manchmal legt sie als DJane in Clubs auf. Sie plant, bald mit dem Kellnern aufzuhören, und will in der spanischen Kulturbranche Fuß fassen. Sie träumt davon, in Zukunft eine Brückenbauerin zu werden – und lateinamerikanische und spanische Künstler:innen zusammenzubringen.
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Fotos: Antonia Schaefer