Deine Feste, meine Feste
Risha ist in Surat und Delhi aufgewachsen, Florian in der bayerischen Provinz. Hier sprechen sie über indische Fake-Hochzeiten, Weihnachtspullover und Pokern am Feiertag
Oktoberfest
Florian: In München läuft die fünfte Jahreszeit. Bist du bereit fürs Oktoberfest?
Risha: Absolut! Als ich nach München gezogen bin, war all das für mich neu und aufregend. Ich bin in Gujarat in Indien aufgewachsen, einem dry state: Im ganzen Bundesstaat ist der Verkauf und Konsum von Alkohol illegal – außer für Besucherinnen und Touristen. Das Verbot ist inspiriert von den Lehren Mahatma Gandhis, der aus Gujarat stammte und Alkohol als moralisches wie soziales Übel betrachtete. In Delhi, wo ich auch gewohnt habe, ist Alkohol zwar erlaubt, aber es ist streng verboten, in der Öffentlichkeit zu trinken. Entsprechend war die deutsche Trinkkultur für mich erst mal fremd, aber ich habe mich daran gewöhnt.
Florian: Bist du mittlerweile zur Wiesn-Gängerin geworden?
Risha: Ich trinke kein Bier, also muss ich nicht unbedingt von morgens bis abends im Zelt stehen. Aber ich mag die Stimmung und die Outfits, besonders das Dirndl: die kräftigen Farben und die Bedeutung der Schleifen, deren Position als Code für den Beziehungsstatus gelesen werden kann. Es gibt nicht viele Gelegenheiten, an denen man in Deutschland traditionelle Outfits sieht.
Ganesh Chaturthi
Risha: Etwa zeitgleich findet Ganesh Chaturthi statt, die Feier zum Geburtstag des Gottes Ganesha.
Florian: Ich erinnere mich daran, wie wir das zum ersten Mal in Hamburg gefeiert haben: Wir haben zusammen Modak geformt, eine Süßigkeit aus Reismehl und Kokosraspeln, die als Lieblingsspeise von Ganesha gilt. In der Nähe des Hauptbahnhofs startete eine riesige Prozession mit der Ganesha-Statue, es gab Musik und Tanzperformances.
Risha: Und wir haben den halben Abend damit verbracht, den Priester aufzuspüren, damit er unsere Modak weiht!
Florian: Was mir besonders gefallen hat: Man teilt die mitgebrachten Süßigkeiten mit allen, ob mit Freundinnen und Freunden oder mit Fremden.
Risha: Die Tradition dieser Opfergaben heißt Prasad. Die Opferspeise, die man dem Gott anbietet, wird hinterher an die Besucherinnen und Besucher verteilt. Es ist eine Art Segen.
Weihnachten
Florian: Das Vorbereiten der Modak hat mich an eine deutsche Tradition erinnert: Plätzchen!
Risha: Das war etwas Neues für mich, als ich zum ersten Mal mit deiner Familie Weihnachten gefeiert habe. Plötzlich stand ich in einem Raum, in dem fast zwanzig Boxen gelagert wurden – in jeder eine andere Plätzchensorte. Natürlich musste ich alle probieren! Mein Favorit sind die Walnussplätzchen mit Eierlikör. Auch in Indien werden Geschäfte und Cafés zu Weihnachten dekoriert, man trifft sich mit Freundinnen und Freunden und isst Kuchen. Aber in meiner hinduistischen Familie war das nie ein Ding, Christen feiern das Fest. So richtig kannte ich die Traditionen nur aus Filmen.
Florian: Und hast du eine Lieblingstradition?
Risha: Ich liebe das Schmücken des Baums und die Weihnachtspullover. All das erinnert mich an das hinduistische Lichterfest Diwali: Man feiert mit seiner Familie, tauscht Geschenke aus, dekoriert das Haus, isst gut und viel. Selbst wenn die Traditionen unterschiedlich sind, am Ende teilen alle Feste den gleichen Gedanken – der Sieg des Guten über das Böse.
Diwali
Florian: Stimmt, es gibt Gemeinsamkeiten. Ich wusste vorher wenig über Diwali. Wir hatten eine kleine, intime Feier mit Freundinnen und Freunden in München: Wir zündeten Diyas, also traditionelle Öllampen, an, aßen Süßigkeiten und spielten Karten. Poker am Feiertag, das war neu für mich.
Risha: Das ist eine alte Tradition: Der Legende nach spielte die Göttin Parvati in der Diwali-Nacht mit Shiva Würfel. So sollen alle, die an diesem Tag spielen, im neuen Jahr mit Glück gesegnet sein. In Indien ist Diwali der größte Feiertag. Er erinnert daran, wie der Gott Ram seine Frau Sita befreite, die vom Dämon Ravan entführt worden war. Man feiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit – daher die Öllampen, Lichterketten und Feuerwerke.
Florian: Wie ist es für dich, Diwali in Deutschland zu feiern?
Risha: Ich habe jedes Mal Heimweh, wenn ich Diwali nicht in Indien verbringen kann. Unsere Feier in München war schön, wie eine Mini-Version des Fests. Aber in Delhi ist es etwas völlig anderes: Die ganze Stadt leuchtet, über Wochen hinweg.
Eine falsche Hochzeit …
Florian: Mein persönliches Highlight war die indische Fake-Hochzeit, die wir in Frankfurt besucht haben.
Risha: Das ist ein neuer Partytrend aus Indien: Die Generation Z will nicht unbedingt jung heiraten, aber trotzdem den Glamour einer Hochzeitsfeier genießen. Oft werden diese Mottopartys von professionellen Veranstaltern organisiert. Gefeiert wird mit Freundinnen und Freunden – ohne die strengen Blicke von Tanten, die jedes Outfit kritisch mustern. Queere Paare feiern übrigens schon seit Jahrzehnten symbolische Hochzeitszeremonien mit religiösen Ritualen, da die gleichgeschlechtliche Ehe in Indien staatlich nicht anerkannt wird. Auch sie nutzen die Fake-Hochzeit, um ohne Stigma und familiären Druck zu feiern. Wie war die Feier in Frankfurt für dich?
Florian: Natürlich ist es nicht das Gleiche wie eine echte Hochzeit, aber es war ein toller Eindruck: traditionelle Outfits, Rituale wie das Bemalen der Hände mit Henna, Tanzwettbewerbe, Spiele. Lustig fand ich Joota Chupai. Hierbei werden die Schuhe des Bräutigams gestohlen und versteckt, er muss sie mit Geld freikaufen. Bei der Fake-Hochzeit gab es zwar kein Brautpaar, aber gespielt wurde trotzdem!
Risha: Es ist eine tolle Gelegenheit, um Freundinnen und Freunden ein Stück unserer Kultur zu zeigen. Und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, in Indien zu sein.
… und eine echte
Florian: Apropos: Du warst bei der Hochzeit meines Bruders dabei. Wie schneidet die deutsche Feier ab?
Risha: Es ist natürlich ein völlig anderer Maßstab. Indische Hochzeiten dauern mindestens drei Tage, man lädt Hunderte Gäste ein – auch deinen Friseur und seine ganze Familie. Nicht zuletzt ist damit auch ein gewisser Druck verbunden: Viele Eltern sparen von Geburt ihres Kindes an für dessen Hochzeit. Im Gegenzug wollen sie stark mitbestimmen, wie die Hochzeit aussehen soll. Das Brautpaar muss auch für die Unterkunft von Verwandten aufkommen. Manche Paare verschulden sich sogar, um sich eine große Feier leisten zu können. Verglichen damit war die deutsche Hochzeit entspannt: Man feiert mit Freundinnen und Freunden und Familie, nach einem Tag ist alles vorbei. Es ist deutlich weniger stressig als eine indische Hochzeit mit ihren endlosen Ritualen, das Brautpaar kann den Tag viel mehr genießen.
Florian: Denkst du, deutsche Brautpaare können sich etwas von indischen Feiern abschauen?
Risha: Ich würde sagen, ihr könntet ein bisschen mehr Spaß haben. Ich liebe zum Beispiel die Tanzauftritte auf indischen Hochzeiten: Gäste treten auf, dafür studieren sie wochenlang Schritte zu Bollywood-Songs ein. Es geht schließlich nicht nur um schöne Fotos, sondern darum, den Moment zu feiern.
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