Der Marktplatz in Hanau

Der Kampf um Erinnerung

Am 19. Februar 2020 ermordete ein Rechtsextremist in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven, seine Mutter und sich selbst. Die Dokumentation „Das Deutsche Volk“ begleitet Überlebende und Angehörige – und zeigt: Sie sind mehr als Opfer

Von Fabian Schäfer
Thema: Kultur
4. September 2025

Worum geht’s?

Der Anschlag in Hanau in der Nacht des 19. Februar 2020 zählt zu den schlimmsten rassistischen Anschlägen der Bundesrepublik. Ein rechtsextremer Täter tötete neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Anschließend erschoss er seine Mutter und sich selbst. Der Dokumentarfilm „Das Deutsche Volk“ erzählt von der Tat und begleitet über vier Jahre lang Angehörige der Opfer sowie Überlebende: im Alltag, beim Trauern, bei Begegnungen mit Politiker*innen, vor allem aber in ihrem unermüdlichen Einsatz dafür, dass die Tat vollständig aufgeklärt wird und die Namen der Getöteten nicht vergessen werden.

Worum geht’s eigentlich?

Um den Schmerz der Hinterbliebenen und ihre Wut über die Fehler vor und während der Tatnacht sowie bei der Aufklärung. Nur einige Beispiele: Der Täter konnte, obwohl psychisch auffällig, legal Waffen besitzen. Der Notruf war während der Morde nicht durchgängig erreichbar. Die Opfer wurden aus rassistischen Gründen getötet, und die Angehörigen beklagen, dass der Rassismus nach der Tat von den Behörden weitergegangen sei. In der Politik wolle bis heute niemand Verantwortung übernehmen. In Gesprächen mit Politiker*innen wird der Kontrast zwischen nüchterner Bürokratie und ihren Regeln und den enttäuschten Angehörigen deutlich.

„Das Deutsche Volk“ zeigt aber auch, wie stark die Zivilgesellschaft sein kann: Die „Initiative 19. Februar Hanau“ veranstaltete Demonstrationen, Mahnwachen und war an einer Ausstellung über die Tat beteiligt. Ihr gelang es, mit dem Hashtag #SayTheirNames die Namen der Opfer im Gedächtnis zu behalten. Der Fokus sollte auf ihnen liegen – und nicht auf dem Täter. Dazu tragen auch Porträts der Opfer im Stile von schwarz-weißen Linolschnitten bei, die mittlerweile überall in Deutschland an Häuserwänden zu sehen sind. 

#saytheirnames Leuchtschrift über einem Schaufenster

Die Namen sagen, deutlich und immer wieder, darum geht es zum Beispiel der „Initiative 19. Februar Hanau“

Was hat es mit dem Titel auf sich? 

Der Titel „Das Deutsche Volk“ steht auf dem Filmplakat in Frakturschrift und in den Farben der Flagge des deutschen Kaiserreichs . Das weckt nicht nur düstere Assoziationen, es stellt auch die Frage: Wer gehört denn nun zum „deutschen Volk“? Der Täter wählte seine Opfer gezielt aus, weil er sie nicht für deutsch hielt. Ein Volksbegriff, den auch rechtsextreme Organisationen und Parteien vertreten.

Wie wird der Film erzählt?

Die Dokumentation von Marcin Wierzchowski nimmt konsequent die Perspektive der Hinterbliebenen ein und gibt ihnen in Interviews viel Raum für ihre Gefühle: Wut, Enttäuschung, aber auch die Kraft, die sie gemeinsam entwickelt haben. Manche Szenen sind sorgfältig eingerichtet, andere reportageartig und verwackelt. Nur ganz selten sind die Bilder von Musik unterlegt. Das Besondere: Der ganze Film ist in Schwarz-Weiß gehalten. Das verstärkt die Atmosphäre der Trauer über die Tat und lenkt den Fokus mehr auf die Worte als auf die Bilder.

Die stärksten Momente …

… sind die, in denen klar wird, wie unterschiedlich die Angehörigen trauern. Die Mutter von Sedat Gürbüz, Emiş Gürbüz, lädt das Smartphone ihres ermordeten Sohnes jeden Tag auf, es ist nie ausgegangen. Niculescu Păun, der Vater des getöteten Vili Viorel Păun, holt für die Filmemacher*innen die Jacke aus dem Schrank, die sein Sohn in der Tatnacht trug. „Wir können sie nicht waschen, weil das das Blut von unserem Kind ist.“ Piter Minnemann überlebte die Tat, während Freunde von ihm getötet wurden. Ihn quält die Frage, weshalb die Kugeln ausgerechnet ihn verfehlten.

Fotos von Sedat Gürbüz auf einem Sessel

Der Film macht deutlich, wie unterschiedlich die Angehörigen trauern

Gut zu wissen: 

Im Film wird lange und kontrovers über den richtigen Standort eines Denkmals diskutiert. Die Angehörigen wünschen sich, dass es auf dem Marktplatz von Hanau neben dem Brüder-Grimm-Nationaldenkmal stehen soll. Die Stadt ist eher dagegen und verweist unter anderem auf Bedenken aus der Bevölkerung. Erst nach den Dreharbeiten, Anfang November 2024, einigte sich die Mehrheit der Hinterbliebenen mit der Stadt: Das Denkmal soll auf einem Platz stehen, der zwischen den beiden Anschlagsorten in der Innenstadt und dem Stadtteil Kesselstadt liegt, direkt vor einem geplanten „Haus für Demokratie und Vielfalt“.

Lohnt sich der Film?

Ja. Ob die Morde hätten verhindert werden können, wird wohl nie beantwortet werden. Aber die Tat darf nicht vergessen werden. „Das Deutsche Volk“ ist ein gelungener Teil dieser Erinnerungskultur.

 

Das Deutsche Volk“ ist ab dem 4. September im Kino zu sehen. 

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Fotos: Rise and Shine Cinema