„Ich glaube nicht, dass Gleichsein eine Beziehung verbessert“
„Anton und Alma“ ist der zweite Roman von Dana Vowinckel. Ein Gespräch über ungleiche Paare, Konversion zum Judentum und die Liebe
fluter.de: Anton kommt aus einer amerikanisch-israelischen Akademikerfamilie, Alma wächst am östlichen Berliner Stadtrand auf, in Familienverhältnissen, die ihr wenig Sicherheit geben. Anton ist Jude. Alma nicht. Ist die Liebe zwischen den beiden deshalb politisch?
Dana Vowinckel: Liebe ist immer politisch. Die meisten Liebesbeziehungen finden zwischen zwei Menschen statt, und selbst bei sehr ähnlichen Klassen- und Kulturhintergründen gibt es immer Unterschiede. Ich glaube nicht, dass Gleichsein eine Beziehung verbessert.
Dein Roman beschäftigt sich viel mit dem Thema Konversion zum Judentum. Anders als im Islam oder Christentum ist ein Übertritt nicht so einfach möglich. Was hat dich daran interessiert?
Mich hat interessiert, was passiert, wenn jemand in einer Beziehung unbedingt zum Judentum übertreten möchte, der jüdische Partner das aber eigentlich gar nicht will. So wie bei Anton und Alma. Viele Menschen konvertieren wegen der Liebe, ich persönlich fände es jedoch etwas befremdlich, wenn mein Partner konvertieren wollen würde, einfach weil ich nicht besonders religiös bin und eine Konversion zum Judentum automatisch eine strenge Befolgung der religiösen Regeln vorsieht. Und gerade in Deutschland ist das Thema historisch belastet – schon Ende der 1940er Jahre gab es Konversionsersuche von Deutschen. Manche wollten der Strafverfolgung nach der NS-Zeit entkommen. Andere wollten quasi auf der „richtigen Seite“ stehen. Es gibt aber auch gute Gründe für eine Konversion, etwa mit Blick auf die eigenen Kinder. Nach der Halacha, dem religiösen Gesetz des Judentums, ist nämlich nur jüdisch, wer eine jüdische Mutter hat.
„Mein Partner lernt seit Jahren Hebräisch, inzwischen ist es besser als meins. Das kann man als übertrieben oder als sehr süß bezeichnen. Es ist eine feine, individuelle Linie“
Dein Vater ist jüdisch, deine Mutter nicht. Du bist selbst mit elf Jahren zum Judentum übergetreten. Hat das deine Perspektive auf Alma geprägt?
Ich bin damals aus familiären Gründen übergetreten: Ich war das einzige Enkelkind meiner Großeltern. Bei Alma hat mich mein eigener innerer Widerstand interessiert: Warum möchte jemand diese drastische Entscheidung treffen? Ich wollte wirklich verstehen, warum Alma das tut. Ich wollte es nicht werten.
Hast du das geschafft?
Man versteht seine Figuren nie komplett, aber meine Hoffnung ist, dass man als Leser:in mit ihr fühlt, statt gegen sie zu sein. Mein innerer Widerstand ist nicht kleiner geworden, aber ich habe Empathie mit ihr. Konversion ist immer eine Wandel-Erzählung: Man ist davor und danach jemand anderes. Durch Anton kommt Alma mit dem Judentum in Kontakt. Als die beiden sich trennen, ist Alma an einem Punkt in ihrem Leben, wo sie noch mal von vorne anfangen möchte. Dass sie sich der Religion zuwendet, finde ich verständlich. Religion ist sinnstiftend und gemeinschaftsbildend. Besonders in einer abgeschlossenen Gemeinschaft wie der jüdischen.
Als Alma und Anton zusammenziehen, kaschert Alma die ganze Küche, um sie koscher für das Pessachfest zu machen. Dabei wird die Küche sehr gründlich geputzt und alle Spuren von gesäuertem Brot und Getreide restlos entfernt. Wo verläuft für dich die Grenze zwischen ehrlichem Interesse, romantischer Idealisierung und kultureller Aneignung?
Das ist individuell. Es hängt von der Dynamik zwischen zwei Menschen oder in einer Familie ab. Menschen schießen ständig übers Ziel hinaus – bestenfalls lacht man darüber. Für mich ist wichtig, dass mein Partner an hohen Feiertagen mit mir in die Synagoge geht. Wenn es ihm wichtig wäre, würde ich aber umgekehrt auch mit ihm in die Christmette gehen. Ich feiere mit meiner nichtjüdischen Mutter Weihnachten, mein jüdischer Vater sitzt mit uns am Tisch. Das Problem ist für mich Dogma, nicht einzelne Handlungen. Mein Partner lernt seit Jahren Hebräisch, inzwischen ist es besser als meins. Das kann man als übertrieben oder als sehr süß bezeichnen. Es ist eine feine, individuelle Linie.
Alma kommt aus einer deutschen Täterfamilie und will trotzdem oder gerade deswegen unbedingt Jüdin werden. Im Roman beschreibst du Juden und Jüdinnen in Deutschland als Projektionsfläche – zwischen Verehrung und Abwertung. Wie zeigt sich das für dich im Alltag?
Beides sind Formen von Entmenschlichung. Jüdinnen und Juden werden als Heilige betrachtet und zugleich extrem abgewertet. Es gibt weiterhin einen breiten, zum Teil tödlichen Antisemitismus, den auch ich aus der Mehrheitsgesellschaft ständig abbekomme. Es gibt gleichzeitig eine Fetischisierung des Jüdischen; jüdische Menschen werden nicht als normale, fehlbare Menschen wahrgenommen. Dabei dürfen wir genauso Fehler machen und uns danebenbenehmen.
„Am meisten wehgetan nach dem 7. Oktober 2023 haben mir nicht unterschiedliche Meinungen, sondern Kälte und Empathielosigkeit – auch von Menschen, mit denen ich eigentlich politisch einig war“
Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verändert Antons Verhältnis zu seinem Umfeld radikal. Er studiert an der Columbia University, baut gerade Freundschaften auf. Dann beginnen die propalästinensischen Uni-Proteste gegen den Krieg in Gaza, und Antons neue Freundschaften zerbrechen. Egal in welche Richtung er sich dreht, er trifft mit seiner Identität auf Unverständnis. Welche Gefühle wolltest du damit beschreiben?
Es ist ein Gefühl, das ich zu der Zeit selbst erlebt habe. Ich habe mich immer zur feministischen und intersektionalen Linken gezählt und würde das auch immer noch tun. Nach dem 7. Oktober hat ein großer Teil dieser Gruppe versagt, indem er die sexualisierte Gewalt gegen israelische Frauen relativiert, geleugnet oder nicht benannt hat. Das war schmerzhaft für mich. Gleichzeitig beobachte ich die Verweigerung der Empathie der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber Palästinenser:innen und dem Leid in Gaza als einen zweiten großen Schock und Verrat. Ich habe große Probleme damit, wie sich große Teile der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland dazu positionieren. Muslim:innen werden von ihnen pauschal als größte Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland bezeichnet, dabei ist es statistisch gesehen rechter Terror.
Aus deiner Erfahrung: Welche Beziehungen konnten trotz großer Differenzen nach dem 7. Oktober bestehen bleiben – und warum?
Solche, in denen man sich mit Menschlichkeit begegnet ist anstatt festgelegten Positionen. In persönlichen Gesprächen ist der Wille zum gegenseitigen Verstehen oft noch da. Am meisten wehgetan haben mir nicht unterschiedliche Meinungen, sondern Kälte und Empathielosigkeit – auch von Menschen, mit denen ich eigentlich politisch einig war. Im Netz fühlen sich viele sicherer und schreiben Dinge, die sie einem nie ins Gesicht sagen würden. So verliert man Empathie. Ich würde sagen, ein großer Teil des Problems im Diskurs waren Plattformen und fehlende Medienkompetenz.
Anton findet in dieser Zeit Trost bei Alma, obwohl sie eigentlich getrennt sind. Warum kann gerade Alma für Anton da sein?
Alma ist vielleicht die Einzige, die nicht mit Anton diskutiert. Anton hält in dieser Zeit wenig aus, was nicht Zustimmung ist. Alma versucht nicht, etwas zu reparieren oder zu analysieren, sondern ist für ihn da. In Krisen hilft oft genau das: Pizza auf dem Sofa zu essen und eine Serie zu schauen, ohne alles fixen zu wollen.
Dana Vowinckel, geboren 1996 in Berlin, ist Tochter eines jüdisch-amerikanischen Vaters und einer protestantisch-deutschen Mutter. Ihr Debütroman „Gewässer im Ziplock“ erschien 2023. „Anton und Alma“ (Suhrkamp, 542 Seiten, 26 Euro) steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
Titelbild: Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag