Ich dachte, es sei Liebe. Heute weiß ich, es war Manipulation
Cybergrooming beginnt meist mit Komplimenten, Nachfragen, Aufmerksamkeit. Dabei manipulieren Täter ihre Opfer, um sie später sexuell zu missbrauchen. Jonathan war zwölf, als ihn ein Täter anschrieb
„Hey, wie geht’s?“ Mit dieser Nachricht fing alles an. Da war Jonathan Drefs gerade aus dem Dorf in eine neue Stadt gezogen, in ein neues Bundesland. Jetzt ging er in die 7a.
Die Nachricht kam von „Alex“, wie er sich nannte und der wie Jonathan auf einem Discord-Forum für LGBTQ+ war. Die meisten dort lasen nur still mit und schrieben keine Nachrichten, Jonathan auch. Vor kurzem hatte er angefangen, darüber nachzudenken, dass er vielleicht nicht heterosexuell war. Auf Discord chattete er mit seinen alten Schulfreunden, aus Neugierde und auf der Suche nach Orientierung trat er dem LGBTQ+-Forum bei. Er schrieb „Alex“ zurück.
„Das war ganz normaler Small Talk“, erinnert er sich. Wenn der Gesprächsfaden dünner wurde, stellte „Alex“ die nächste Frage. Was würde Jonathan auf eine einsame Insel mitnehmen? Hat er Geschwister? „Alex“ hätte ja gern einen kleinen Bruder.
„Wir hatten durchgehend Kontakt. Ich bin jeden Tag aufgewacht und hatte eine Guten-Morgen-Nachricht von ihm“
Er fragte nach der Schule, nach Jonathans Freunden, nach seiner Familie. Bald wechselten sie zu Telegram, ein Messenger, auf dem man Nachrichten auch verschlüsseln kann. Jonathan sagt: „Wir hatten durchgehend Kontakt. Ich bin jeden Tag aufgewacht und hatte eine Guten-Morgen-Nachricht von ihm.“
„Alex“ schrieb Jonathan, dass er 16 sei und schwul. Er erzählte ihm von seinem Coming-out und davon, wie viele Menschen gegen ihn seien, weil er homosexuell ist. Er baute ein Feindbild auf: Die böse Gesellschaft, die die beiden nicht versteht.
Für Jonathan wurde er zuerst zu einer, dann zur wichtigsten Bezugsperson. Mit „Alex“ konnte er über seine Zweifel sprechen. Aber „Alex“ war nicht der, der er behauptete zu sein. „Alex“ war nicht 16, sondern 27. Und seine Absicht war keine freundschaftliche, sondern die, Jonathan sexuell zu missbrauchen.
Fast jede Vierte erlebt Cybergrooming
Heute, sechs Jahre nach den ersten Chats mit „Alex“, spricht Jonathan Drefs entwaffnend offen über das, was er damals erlebt hat: Cybergrooming.
Als Grooming bezeichnet man Handlungen, die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche vorbereiten. Cybergrooming ist genau das, online. Auch wenn die Anbahnungen online bleiben, gilt Cybergrooming als sexueller Missbrauch. Eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW zeigt, dass fast ein Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen betroffen ist. Schon bei den unter 14-Jährigen sind es 16 Prozent.
Täter suchen gezielt Kontakt zu jungen Menschen über Apps wie Snapchat oder Instagram, Onlinespiele oder Internetforen. Nach und nach verschieben sie Grenzen. Sie fangen an, sexuelle Fragen zu stellen: Hast du schon mal jemanden geküsst? Welche Unterwäsche trägst du gerade? Später fragen sie nach Nacktbildern oder verlangen von ihren Opfern, sich vor der Kamera auszuziehen. Oft geht Cybergrooming mit „Sextortion“ einher, der Erpressung mit intimen Bildern oder Videos. Viele Täter drängen irgendwann auf ein Treffen.
… oder dir unsicher bist, ob online Grenzen überschritten werden, kannst du dir Unterstützung holen. Hilfe findest du beim Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch (Tel. 0800-2255530, www.schreib-ollie.de), bei der Nummer gegen Kummer (Kinder- und Jugendtelefon 116111, www.nummergegenkummer.de) oder bei JUUUPORT (www.juuuport.de). Übergriffe kannst du auch bei ZEBRA (https://www.fragzebra.de/cybergrooming) melden –oder bei der Polizei.
Vor seinen Eltern hielt Jonathan „Alex“ geheim. Er sagte ihnen nicht, mit wem er stundenlang telefonierte, direkt nachdem er aus der Schule kam. Als „Alex“ ein Treffen vorschlug, sagte Jonathan seiner Mutter, er treffe sich mit einer Schulfreundin. Sie verabredeten sich in Jonathans Stadt, mit dem Zug fuhren sie ins einige Kilometer entfernte Freibad. In der Umkleidekabine missbrauchte „Alex“ Jonathan. Damals dachte er: „Ich muss da durch.“
Dass „Alex“ doch nicht 16 war, verkaufte er Jonathan als Lösung: Zum Glück war er schon älter, sonst hätten sie sich nicht treffen können. Im selben Satz, erinnert sich Jonathan, sagte er, dass ihr Altersunterschied normal sei. Er verglich es mit Homosexualität. Dass er 15 Jahre älter ist, werde nur von der Gesellschaft noch nicht akzeptiert. Es fanden noch zwei weitere Übergriffe statt.
Komplimente können Warnsignale sein
„Er hat mich so manipuliert, dass es in meinen Kinderaugen normal war, was passiert ist“, sagt Jonathan. „Gleichzeitig war ich noch nie so überfordert wie in dem Moment. Ich war zwölf, Sex war für mich einfach kein Thema.“
Warnsignale für Cybergrooming sind Komplimente und dass Täter das Umfeld ihres Opfers zum Feind machen, sagt Ayla Emma Aşkın. Sie ist Scout-Mentorin bei JUUUPORT, einer Online-Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche bei Problemen im Internet. Bei JUUUPORT können sich Opfer von Cybergrooming, Cybermobbing oder Sextortion melden und werden kostenlos von Jugendlichen beraten, um Hemmungen abzubauen und eine Unterstützung auf Augenhöhe zu ermöglichen. In schweren Fällen unterstützen dabei Psycholog*innen.
Viele Cybergroomingopfer erleben auch physischen sexuellen Missbrauch, die Dunkelziffer ist hoch. Oft treffen sich Kinder und Jugendliche aus Angst mit den Tätern, etwa weil diese drohen, bereits verschickte Bilder zu veröffentlichen.
„Unterbewusst wusste ich, dass da etwas nicht richtig ist. Aber ich konnte es nicht fühlen. Ich wusste nicht, wie ich da rauskomme“
„Alex“ flog auf, weil Jonathan seiner Mutter von ihm erzählte. Sie nahm ihm das Handy ab, er gab ihr alle Passwörter. „Wenn du Kindern einen Ausweg zeigst, dann nehmen sie ihn. Unterbewusst wusste ich, dass da etwas nicht richtig ist. Aber ich konnte es nicht fühlen. Ich wusste nicht, wie ich da rauskomme“, sagt Jonathan heute. Einen Tag später saß er bei der Polizei.
Jonathan fing gemeinsam mit seiner Mutter eine Therapie an. Er bekam unter anderem die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung mit anteiliger depressiver Verstimmung und Selbstwertproblematik“. Er konnte nicht mehr duschen, weil es ihn zu sehr an eine Situation mit dem Täter erinnerte. Ein Jahr konnte er keine Berührungen zulassen. Jonathan meint: „Ich habe gedacht, das war Liebe. Im Nachhinein weiß ich, dass es Manipulation und Abhängigkeit von seiner Zuneigung war.“
Jonathans Täter wurde zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Jonathan war nicht sein einziges Opfer.
Jonathan machte sich lange Vorwürfe. Ayla Emma Aşkın von JUUUPORT sagt, so gehe es vielen Betroffenen. Umso wichtiger ist, ihnen das Gefühl von Schuld zu nehmen und zuzuhören. Mittlerweile hat Jonathan mit seiner Mutter einen Verein gegründet. Endthesilence gibt Betroffenen von sexualisierter Gewalt die Möglichkeit, ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen. Und allen anderen die Möglichkeit zuzuhören.
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Illustration: Ari Liloan