Trauernde Menschen bei einer Mahnwache in Hannover für die Opfer des Anschlags auf den CSD in Berlin

„Nächstes Jahr werde ich wieder auf den CSD gehen“

Beim Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day Ende Juli kam eine Person ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Hier erzählen drei Menschen, die dabei waren, wie sie den Tag und das Danach erlebt haben

Protokolle: Marlon Saadi
Thema: Demokratie
14. September 2026
„Mir ist es wichtig, dass der Fokus nicht auf dem Täter liegt, sondern auf uns als queere Community“

Der CSD ist für mich der Tag im Jahr, an dem die Welt in Ordnung ist. Ich freue mich jedes Jahr total darauf. Ich komme ursprünglich aus Thüringen und habe den CSD in Erfurt mit aufgebaut. Ich weiß daher, was es für viele Menschen bedeutet, dass es diesen Tag gibt. Einen Tag, an dem man feiern kann, aber auch stolz sein darf. Und vor allem zeigen kann: Wir sind unterschiedlich, und trotzdem funktioniert es.

Nachdem der Demozug am 25. Juli an der Siegessäule angekommen war, wollte ich eigentlich direkt nach Hause. Aber ich bin noch geblieben, um Sarah Connor zu sehen. Nach ihrem Auftritt kam auf einmal jemand und sagte: „Ihr müsst hier weg. Geht jetzt bitte sofort nach Hause.“ Ab dem Moment kam mir alles vor wie in Zeitlupe. Was mir noch in Erinnerung geblieben ist: Niemand ist gerannt. Das lag an der guten Kommunikation der Veranstalter:innen, die total ruhig geblieben sind.

Portrait Luca

Luca Renner, Gewerkschaftssekretär*in

Auf dem Weg kamen uns immer mehr Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen entgegen. Da habe ich das erste Mal realisiert: Es muss irgendwas passiert sein. Kurz darauf hat mich ein Freund weinend angerufen und gefragt: „Luca, lebst du noch?“ „Ja, ich lebe noch, sonst würde ich ja gerade nicht telefonieren“, habe ich geantwortet. Heute muss ich fast ein bisschen schmunzeln über die Antwort, aber ich glaube, das war der Schock.

Am nächsten Tag, am Sonntag, fand eine Trauerkundgebung vor dem Brandenburger Tor statt. Ich habe ewig hin und her überlegt, ob ich dahin gehen soll oder nicht. Ich empfinde kollektives Trauern als wahnsinnig schwierig, weil es mich meist noch trauriger macht. Aber ich habe auch Verantwortung gespürt. Am Bahnsteig waren zwei Jungs, die hatten ein Schild dabei, da stand drauf: „We stand together!“ Ich dachte: Genau das ist es. Wir fahren da jetzt zusammen hin, und wir stehen zusammen.

Mir ist es wichtig, dass der Fokus nicht auf dem Täter liegt, sondern auf uns als queere Community. Das hat mich in den Tagen danach an der Diskussion gestört. Ich hatte den Eindruck, dass es gar nicht darum ging, was wir jetzt brauchen, sondern dass sofort eine Sicherheitsdebatte aufgemacht wurde.

Natürlich hat der Tag seine Spuren bei mir hinterlassen. Aber ich habe vor einigen Jahren einen der letzten damals noch lebenden KZ-Häftlinge kennengelernt, der im Nationalsozialismus wegen seiner Homosexualität verfolgt wurde. Er hat erzählt, was er im KZ alles erlebt hat. Als ich ihn fragte, wie er das überlebt habe, guckte er mich grinsend an und sagte: „Ich habe mir immer gedacht: Wenn die wüssten, wie viel Spaß wir am Leben haben.“ Ich verstehe jetzt, was er meinte: Ich lasse mir meinen Spaß am Leben und meine Freiheit nicht nehmen. Auch wenn sein Erleben in der NS-Zeit nicht mit dem meinigen eines Anschlages gleichzusetzen ist.

 

„Homophobie ist nicht nur ein Problem der arabischen Mitglieder unserer Gesellschaft. Aber es ist dort kulturell bedingt ein besonders großes Problem“

Der CSD war für mich die mit Abstand größte Show, die ich bisher als Musiker gespielt habe. Ich trete als Host von Karaokeshows auf Festivals und regelmäßig in einer queeren Bar in Berlin auf. Aber vor so vielen Leuten stand ich noch nie auf der Bühne.

Portrait Ithar

Ithar Adel, Künstler 

Während ich mein letztes Lied spielte, habe ich in die Menge geschaut und konnte kein Ende sehen – alle hatten die Hände oben. Es war der perfekte CSD-Moment.

Nach der Show war ich total müde und wollte schnell nach Hause. Noch auf dem Weg zur U-Bahn habe ich die ersten Nachrichten bekommen: „CSD wird abgebrochen.“ Ich war nicht überrascht zu hören, dass es ein Anschlag war. Als queere Person lebt man ständig mit der Gefahr, angegriffen zu werden.

Der Täter und ich haben eine Gemeinsamkeit: Wir sind beide Deutscharaber. Meine Familie hat, seit ich denken kann, eine homophobe Einstellung. Dahinter steckt, glaube ich, eigentlich Angst. Denn in der Weltsicht meiner Familie bedeutet homosexuell zu sein, unglücklich zu sein. Es gibt in der arabischen Welt einfach zu wenige Vorbilder von homosexuellen Menschen, die glücklich und erfolgreich sind.

Wir sollten uns als Gesellschaft kritisch, aber auch liebevoll miteinander auseinandersetzen. Zwischen mir und meiner Familie war es nicht leicht. Aber ich habe sie Stück für Stück in meine Welt integriert. Inzwischen haben meine Mutter und meine Geschwister verstanden, dass ich glücklich bin, so wie ich bin.

In der Diskussion nach dem Anschlag ging es aus meiner Sicht aber weniger darum, sich kritisch, aber gleichzeitig verständnisvoll mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern um Stimmungsmache. Kritik an bestimmten Gesellschaftsgruppen zu äußern, ohne gleich rassistisch oder diskriminierend zu sein, fällt in Deutschland schwer. Homophobie ist in allen Gesellschaftsgruppen salonfähig. Es ist nicht nur ein Problem der arabischen Mitglieder unserer Gesellschaft. Aber es ist dort kulturell bedingt ein besonders großes Problem – und ich habe das Gefühl, manchen, die sich als links sehen, fällt es schwer, das anzusprechen, weil sie Angst haben, als rechts zu gelten. Wir brauchen daher mehr queere Menschen mit Migrationsgeschichte, die zu dem Thema laut sind.

 

„Ich habe noch so viele Fragen. Zum Beispiel: Warum hat er vor mir gebremst?“

CSD bedeutet für mich, unter fremden Menschen zu sein und trotzdem dazuzugehören. Ich muss mich nicht erklären. Ich werde nicht infrage gestellt. In meinem Alltag erlebe ich das oft anders. Deshalb ist das also immer ein besonderer Tag für mich.

Am Abend, so gegen 20 Uhr, saß ich mit Freunden am Brandenburger Tor. Wir haben uns an die Seite gesetzt, den Tag ausklingen lassen und die Stimmung genossen. Auf dem Nachhauseweg, circa zwei Stunden später, kam plötzlich ein Auto auf uns zu. Das Komische war: Es fuhr zuerst in Schrittgeschwindigkeit. Kurz vor mir hat es dann gebremst, der Fahrer hat nach links gelenkt, wieder Gas gegeben und ist in eine Gruppe neben mir gefahren. 

Ich habe am Anfang gar nicht begriffen, dass das ein Anschlag war. Ich dachte zuerst, vielleicht ist der Typ besoffen. Plötzlich war alles voller Polizisten und Einsatzkräfte. In unserem unmittelbaren Umfeld wurde zwar niemand schwer verletzt, trotzdem war das ein riesiger Schock. Die Beamten haben sich sehr einfühlsam um uns gekümmert, aber ich wollte trotzdem so schnell es geht weg. Erst am nächsten Tag habe ich aus den Nachrichten erfahren, dass es ein Anschlag war.

Portrait Ari

Ari Reiers, Beschäftigte in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung

In den Tagen danach empfand ich neben dem großen Schock auch Wut. Gleichzeitig habe ich Bilder von Kundgebungen aus anderen Städten bekommen. Das war wiederum ein schönes Gefühl, dass auf der gesamten Welt queere Leute jetzt erst recht zusammenhalten. 

Im Nachhinein habe ich aber auch viele Kommentare gelesen, in denen stand: „Da habt ihr eure Vielfalt!“ Einerseits wollen die Rechten uns queere Leute weghaben und sehen uns als abnormal an. Wenn wir dann aber angegriffen werden, sagen sie: „Die Ausländer sind schuld.“

Als ich erfahren habe, dass der Attentäter erschossen wurde, war das ein komisches Gefühl. Ich hätte mir gewünscht, dass er vor Gericht kommt und es ein ordentliches Verfahren gibt. 

Ich habe noch so viele Fragen. Zum Beispiel: Warum hat er vor mir gebremst? 

Nächstes Jahr werde ich wieder auf den CSD gehen. Ich habe sogar schon angefangen, dafür zu planen. Ich würde gerne eine Rede halten und über das sprechen, was ich erlebt habe.

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Titelbild: Mark Mühlhaus / Agentur Focus / Ostkreuz Archiv; Portraits: privat