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Wie verhalten sich Menschen in einer großen Gruppe? Und kann man sie steuern? Das erforscht Prof. Dr. Anna Sieben
fluter: Frau Sieben, wie geht’s Ihnen auf Großveranstaltungen?
Anna Sieben: Die Forscherin in mir ist immer wach. Besonders interessiert mich, an welche sozialen Normen sich die Menschen halten. An Getränkeständen beispielsweise gibt es ja häufig keine geordneten Warteschlangen. Da lassen sich soziale Interaktionen gut beobachten: Manche warten ganz höflich, andere nutzen die Gelegenheit und drängeln sich vor.
Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Ich bin zu sehr von meiner Forschung eingenommen und übermäßig höflich. Ich habe aber Kolleginnen und Kollegen, die nutzen Strategien, von denen sie wissen, dass sie funktionieren. Was übrigens nicht funktioniert: von der Seite zu kommen, wenn sich eine Traube gebildet hat. Da wird man abgedrängt. Die, die zentral zum Ziel stehen, sind erfolgreicher.
Sie erforschen das Verhalten von Menschen, wenn sie sich in großen Gruppen bewegen. Wie genau machen Sie das?
In erster Linie werten wir Videomaterial aus. Zum Beispiel, wenn am Bahnhof viele Leute in einen Zug ein- oder aussteigen und es Gedränge an den Türen gibt. Wir betrachten aber auch organisiertere Mengen wie Warteschlangen an Ticketschaltern oder vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Kolleginnen und Kollegen aus der Physik berechnen, wie schnell die Leute sind, wie dicht sie zusammenstehen, welche Dynamiken entstehen. Ich als Psychologin schaue mir eher an, wie sich einzelne Personen verhalten. Wir setzen auch Eyetracker ein. Sie geben Aufschluss darüber, wie sich Personen in einer Menge orientieren, wie sie das aus ihrer Perspektive wahrnehmen.
Kann denn das Verhalten einzelner Personen zum Problem für eine ganze Menge werden?
Ja, wenn dadurch Normen in Frage gestellt werden. An der Rolltreppe etwa gilt das ungeschriebene Gesetz: rechts stehen, links gehen. An Zugtüren: erst aussteigen lassen, dann einsteigen. Halten sich Menschen nicht an solche Normen, nehmen andere das als unfair wahr. Das bedeutet nicht, dass alle dann einfach mitmachen. Aber es kann eine Dynamik in Gang setzen, bei der auch andere ihr Verhalten ändern.
„Die Veranstaltungsbranche hat dazugelernt. Seit der Love-Parade-Katastrophe im Jahr 2010 ist unglaublich viel passiert, in der Forschung und im Crowd Management“
Wann wird eine Menschenmenge gefährlich?
Lange hielt sich der Mythos, dass eine Menge gefährlich wird, wenn Menschen Panik bekommen. Inzwischen weiß man: Das hat viel seltener mit menschlichem Verhalten als mit räumlichen Gegebenheiten zu tun. Es ist die Kombination aus vielen, dicht stehenden Menschen und einer Bewegung, die einsetzt. Gut erforscht ist die Katastrophe auf der Love Parade 2010 in Duisburg.
Weil das Gelände damals überlastet war, staute sich die Menschenmenge im einzigen Zu- und Ausgangstunnel sowie auf der Rampe zum Veranstaltungsgelände. Damals gab es 21 Tote und mehr als 650 Verletzte.
Durch unzureichende Planung befanden sich viele tausend Besucherinnen und Besucher dicht gedrängt auf dem Weg zum und vom Festivalgelände. Als in dieser bereits gefährlichen Situation die Ersten über eine Treppe aus dem Gelände herauskletterten, strebten alle zu diesem schmalen Ausweg. Dadurch entstanden Wellenbewegungen, denen die Menschen hilflos ausgeliefert waren. Wir können mit unserer Forschung bislang jedoch nicht vorhersagen, in welchem Moment es wirklich gefährlich wird. Gedränge entsteht oft, weil Menschen, die von hinten ungeduldig drängeln, nicht wahrnehmen können, wie sich das auf Personen fünf oder zehn Meter vor ihnen auswirkt.
Welche Maßnahmen bei der Planung von Großveranstaltungen sind aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Die Veranstaltungsbranche hat dazugelernt. Seit der Love-Parade-Katastrophe ist unglaublich viel passiert, in der Forschung und im Crowd Management. Beispielsweise kann ein Aftershow-Programm dafür sorgen, dass die Abreise gestaffelt stattfindet. Warteschlangensysteme, die auf Einlässe zuführen, machen den Einlass übersichtlich und fair, sodass wahrscheinlich weniger Leute drängeln. Diese müssen natürlich auf den jeweiligen Einsatz abgestimmt sein. Am Flughafen, unter Aufsicht der Grenzbeamtinnen und -beamten, reichen Gurtpfosten. Auf Konzerten hingegen müssen Absperrgitter auch mal sehr hohem Druck standhalten. Das bedeutet aber auch, dass manche Veranstaltungen aufgrund der gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen gar nicht mehr stattfinden können, etwa weil Fluchtwege fehlen.
Prof. Dr. Anna Sieben ist Sozial- und Kulturpsychologin an der Uni Wuppertal und am Forschungszentrum Jülich
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