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Die Graphic Novel „Drei Wege“ von Julia Zejn verknotet die Geschichte dreier Frauen in drei Epochen – leise im Stil, aber mit langem Nachhall

  • 3 Min.
Drei Wege

Es ist Sommer in Berlin und Selin hat ihr Abitur, aber keinen Plan, was sie machen soll. „Ich kann doch nichts. Mich interessiert auch nichts“, sagt sie im Skype-Chat zu ihrem Vater, der in Vancouver lebt. Selin ist eine der drei Hauptfiguren in Julia Zejns Graphic-Novel-Debüt „Drei Wege“. Die anderen sind Ida, die 1918 als Hausmädchen bei einer wohlhabenden kaisertreuen Familie anfängt, und die Arbeitertochter Marlies, die 1968 von einer Ausbildung in einer Buchhandlung träumt, während um sie herum in West-Berlin die Studentenbewegung brodelt.

1918: Solidarität zwischen Hausmädchen und Hausfrau – bis der autoritäre Ehemann von der Front zurückkehrt

Drei 18-jährige Frauen, drei Leben, drei Epochen – und ein Thema: weibliche Selbstbestimmung. Für Ida ist es schon ein besonderer Moment, wenn sie von der Hausherrin einen Schnaps angeboten bekommt. Die hätte als junge Frau gern Botanik studiert, ist nun Mutter von drei Jungen und verwirklicht ihren Traum nur noch im eigenen Garten. Mit der Rückkehr des autoritären Ehemannes von der Weltkriegsfront zerbricht die Verbindung der beiden Frauen. Vor den Fenstern demonstrieren Menschenmassen – das Ende des Kaiserreichs steht bevor, bald werden Frauen endlich wählen können.

1968: Ist die Gleichberechtigung ein Nebenwiderspruch bei der Überwindung des Kapitalismus?

50 Jahre später ist Marlies bereits in der Position, Entscheidungen zu treffen, muss dafür aber kämpfen. Sei wie Jutta, sagen ihre Eltern, denn Marlies’ ältere Schwester hat schon einen Gatten (Manni), eine Waschmaschine (Miele) und einen Babybauch. Marlies möchte lieber arbeiten und verliebt sich außerdem in einen feschen Germanistikstudenten, für den die Gleichberechtigung aber auch nur ein „Nebenwiderspruch“ bei der Überwindung des Kapitalismus ist. 

Selin stehen heute wiederum so ziemlich alle Möglichkeiten offen. Und nun? Das weiß sie nicht. Während sich ihre Mutter als Chia-Yoga-Influencerin neu erfindet, hängt Selin mit ihrem besten Kumpel ab, schaut mit ihrer Katze Youtube, macht so dies und das am Smartphone und ist ein wenig traurig, dass ihre Freundin Alina bald zum Studieren in die USA geht.

2018: Während sich ihre Mutter als Influencerin neu erfindet, fragt sich Selin: Was will ich mit meiner Freiheit anfangen?

Dass eine 18-Jährige auch im Jahr 2018 noch nicht so viele Möglichkeiten hat wie ein 18-Jähriger, erst recht, wenn sie Deutschtürkin ist, wird zwar, anders als andere politische Fragen, in „Drei Wege“ nicht thematisiert, aber trotzdem ist Selins Geschichte die stärkste im Buch, gerade weil sie so offen und ziellos ist, während es bei den Episoden mitunter so wirkt, als müsste eine Liste historischer Begebenheiten abgearbeitet werden. Marlies’ Proletariervater liest die „Bild“-Zeitung: Check. Idas Verlobter schickt einen Brief von der Weltkriegsfront: Check. Es geht um die Beatles: Check. Kriegsbegeisterte Kaiserzeitjungs: Check.

Das macht es mitunter etwas hölzern, aber letztlich schafft es Julia Zejn sehr gut, dass man dranbleiben will an ihren Protagonistinnen, deren Erlebnisse sie in kurzen Episoden hintereinandermontiert hat.

Der Weltfrauentag wurde 1910 von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin auf dem zweiten Kongress der Sozialistischen Internationalen initiiert, um das Wahlrecht für Frauen und mehr politische Teilhabe zu fordern. Im damaligen Europa war der Urnengang nur den Finninnen erlaubt. In Deutschland durften die Frauen dann ab 1918 wählen. Die lange Geschichte des Weltfrauentages ging dennoch weiter. Während er Nazi-Zeit wurde er verboten, in der DDR war er zwar kein offizieller Feiertag, wurde aber festlich begangen. In Westdeutschland gewann der Weltfrauentag durch die Frauenbewegung ab den 1960er Jahren an Bedeutung. Dieses Jahr ist er in Berlin erstmalig ein Feiertag

Zejn zeigt sich dabei als eine Meisterin des Leisen, Unspektakulären. Ihre größte Stärke ist es, Impressionen einzufangen: durch Worte, mitunter nur kurze Dialogfetzen, und ganz besonders durch ihre Bildauswahl und -montage. Mit feinem Gespür wechselt Zejn Detailaufnahmen, Totalen und Gesichter ab, variiert Groß- und Kleinformate, aber auch Geschwindigkeiten. Immer wieder zieht sie Momente mehrere Panels in die Länge, lässt sie wirken, um dann einmal auf zwei Doppelseiten die drei Episoden stakkatohaft bildweise abzuwechseln und auf diese Weise grandios zu verdichten, wie ähnlich und zugleich wie unterschiedlich sich eine Mädchenjugend 1918, 1968 und 2018 gestalten kann. 

Zejns markanter und gleichzeitig dezenter Bleistiftstil, ihre blasse Kolorierung – jede Epoche hat eine eigene Farbe – passen zu diesem wohltemperierten Erzählstil. Und der passt wiederum gut zu diesen drei eher stillen, etwas unauffälligen jungen Frauen, deren Lebenswege wir ein Stück weit begleiten dürfen.

Julia Zejn: „Drei Wege“. Avant, Berlin 2018, 184 Seiten, 25 Euro

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Gast
  ·  
08.03.2019-02:03

"Dass eine 18-Jährige auch im Jahr 2018 noch nicht so viele Möglichkeiten hat wie ein 18-Jähriger..."

Könnten Sie das genauer erklären? Ich bezweifle ernsthaft, dass das so stimmt. Gleichbehandlung ist im Grundgesetz garantiert, kann also durhchaus in Anspruch genommen werden.

Michael Brake
  ·  
09.03.2019-04:03

Die Gleichbehandlung ist im Grundgesetz seit fast 70 Jahren "garantiert". Dennoch verdienen auch heute Männer für die gleiche Arbeit eindeutig mehr als Frauen, sind Männer auch heute in praktisch allen Bereichen (Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaften usw.) in Spitzenpositionen deutlich überrepräsentiert, verfügen sie auch heute über mehr Gestaltungsspielraum und gesellschaftliche Macht. Also führt allein das Vorhandensein von Gleichbehandlung im Grundgesetz offensichtlich kaum dazu, dass es sie auch gibt.

Die Dinge haben sich in den letzten Jahrzehnten nach und nach in Richtung mehr Gleichberechtigung entwickelt. Stand jetzt gibt es sie noch nicht, dafür ist der strukturelle Sexismus in unserer Gesellschaft noch viel zu tief verankert.

Selbst wenn die Entwicklung so weitergeht wie in den letzten Jahren, bin ich mir ziemlich sicher, dass in Deutschland für die heute 18-, 19-Jährigen jungen Männer die Chancen auf Karriere und ein gutes Auskommen höher sind als für die gleichaltrigen Frauen. Nicht in jedem Einzelfall, aber im Durchschnitt.