Ein Jahr später sitze ich tatsächlich im Flieger, der sich gerade im Anflug auf New York befindet. Ich bin furchtbar aufgeregt. Wie wird wohl mein Zimmer sein, meine Mitbewohner, die Kollegen? Werde ich mich im "Big Apple" zurechtfinden, mit den Subway-Plänen klarkommen? Werde ich nette Leute kennen lernen, mit denen ich etwas unternehmen kann?Ich wollte nach New York, seit ich zum ersten Mal "Frühstück bei Tiffany" gesehen habe. Wie Holly Golightly wollte ich auf einer Feuertreppe sitzen, "Moon River" summen und mich dazu beglückwünschen, in der aufregendsten Stadt der Welt zu sein. Deswegen habe ich mich um ein dreimonatiges Praktikum beim Goethe-Institut beworben. Als die Email mit der Zusage kam, sah ich mich schon im Glitzerlicht des Times Square, beim Schlittschuhlaufen im Central Park und auf dem Empire State Building mit Blick über die Wolkenkratzer.

Tempo, Tempo!

Die ersten Tage laufe ich staunend durch die Stadt. Alles, was ich sehe, finde ich großartig, aufregend, unheimlich interessant. Ich verplane jede Minute meiner Zeit, um auch wirklich so viel wie möglich zu erleben, schlafe wenig und habe trotzdem immer noch das Gefühl, viel zu verpassen. Kein Wunder, dass in New York alle ständig rennen. Sie jagen von Event zu Event – denn wer weiß, vielleicht findet gerade in diesem Moment, in dieser Sekunde irgendwo etwas noch Tolleres statt? Etwas, worüber morgen alle Welt sprechen wird.

Die Arbeit für das Goethe-Institut macht mir Spaß. Ich darf Fragebögen amerikanischer Schüler und Schülerinnen auswerten, die in Deutschland bei Gastfamilien gewohnt haben. Es ist erstaunlich, was die jungen Amerikaner als "typisch deutsch" empfinden: sprudeliges Mineralwasser, Mülltrennung und sogar die Tatsache, dass in Deutschland viel mit dem Fahrrad erledigt wird.Das Tempo der New Yorker ist anstrengend. Aber schon nach kurzer Zeit steige auch ich so in die Subway ein, dass ich beim Aussteigen nah an dem Ausgang bin, der mich am schnellsten zu meinem Ziel bringt. Ich fange an, mich über die Touristen am Times Square aufzuregen, die zu fünft nebeneinander her bummeln, so dass kein Mensch an ihnen vorbeikommt. Ich verdrehe die Augen, wenn Kunden, die vor mir an der Kasse stehen, ihre Kreditkarte nicht sofort richtig durch den Schlitz ziehen.

Zapping-Mentalität

Auch mir fallen langsam die Unterschiede zwischen meinem alten und meinem neuen Zuhause auf. Häufig schneidet das neue Zuhause schlechter ab. Ich rege mich über die Heizung in meinem Zimmer auf, die nicht regulierbar ist und mir jeden Abend das Gefühl gibt, dass ich in die Tropen nach Hause komme. Ich ekle mich vor den Eiern im Supermarkt, die so lange haltbar sind wie Bundeswehrkonserven. Und ich bin genervt von der Zapping-Mentalität der Amerikaner, die in der Oper schon beim letzten Ton aufspringen, schon bevor der Vorhang fällt.

Trotzdem, es ist immer noch New York, die Stadt, die von Frank Sinatra und auch von Udo Jürgens besungen wurde. Ich kann nicht genug davon bekommen, ziellos herumzulaufen. Hinter jeder Ecke entdecke ich etwas Neues. Obwohl auch in New York die großen Marken und Ketten die Hauptstraßen beherrschen, gibt es noch viele Orte, die ihren ganz eigenen Charme und Charakter haben. Meine WG liegt in Astoria, einem Teil von Queens. Ich fühle mich dort wie in einer Kleinstadt, wo man sich morgens grüßt und gegenseitig Zucker leiht.

150 Nationen in einem Viertel

Überhaupt scheint New York nicht nur eine Stadt zu sein, sondern aus vielen kleinen Städten zu bestehen, die alle ihre Besonderheiten haben und in denen keine Großstadt-Anonymität herrscht. Mein Übergangszuhause Queens ist dabei von den fünf New Yorker Boroughs der multikulturellste. Hier leben Menschen aus über 150 Nationen zusammen. Circa 46 Prozent der Einwohner Queens sind außerhalb der USA geboren. Wenn ich eine Runde um den Block gehe, komme ich an Geschäften von Italienern, Brasilianern, Chinesen, Thailändern, Koreanern und Griechen vorbei. Ich fühle mich hier zwar manchmal allein, aber nie fremd.

Es gibt viele Theorien, ab wann man New Yorker ist. Einige besagen, dass man zehn Jahre hier gelebt haben muss, andere machen es an bestimmten Handlungen fest. So kann man ein New Yorker werden, indem man jemandem das Taxi vor der Nase wegschnappt, eine Kakerlake in der Küche tötet oder Woody Allen auf der Straße trifft. Wahrscheinlich gibt es keine wirkliche Regel. Sondern man wacht eines Morgens auf und fühlt sich als New Yorker. Ich hatte dieses Gefühl noch nicht. Aber es ist mein schönster New-York-Moment, als mich der Mann aus dem Deli an der Ecke, bei dem ich nach der Arbeit oft noch etwas einkaufe, eines Abends begrüßt. Er gibt mir die Hand und fragt, wie mein Tag war. Und plötzlich gehöre ich dazu. Zumindest ein bisschen.

Shirin Schönberg (23) studiert Soziologie und Politikwissenschaft in Braunschweig und arbeitet nebenbei als freie Journalistin.