Wer in Deutschland nach Vietnam sucht, landet im Berliner Stadtteil Lichtenberg, Haltestelle „Herzbergstraße/Industriegebiet“. Zwischen Plattenbauten und alten Backsteinschornsteinen stehen mehr als ein halbes Dutzend Hallen, deren Bauweise sich wohl am besten mit „zweckmäßig“ beschreiben lässt und die innen immer gleich aussehen: ein langer Gang, links und rechts unzählige Geschäfte. Das hier ist der vietnamesische Großmarkt in Berlin, in dem man Plastikblumen, Hosen und Haarschnitte erwerben kann: das Dong Xuan Center.

In einem Geschäft in Halle 1, in dem es Gemüse, Nudeln, Reis gibt und alles, was man sonst noch aus asiatischen Lebensmittelgeschäften kennt, sitzt der 51 Jahre alte Tuan Tu Do mit vorgebeugten Schultern hinter einem Laptop, runzelt die Stirn, tippt etwas auf der Tastatur ein. Ein Kunde legt einen Beutel mit Gemüse auf den Tisch, Do schaut kurz auf den Beutel, dann auf den Kunden; zwei Euro bitte, danke, tschüss.

Dieses Geschäft ist die Existenz von Tuan Tu Do und seiner Frau Lien. Seit 2004 betreiben sie den Laden, nachdem sie ihr Asia-Restaurant aufgegeben hatten.

Die Arbeiter lebten in eigenen Wohnheimen, Kontakt zu DDR-Bürgern war nicht erwünscht

Do spricht mit starkem vietnamesischen Akzent: „Wir arbeiten täglich zehn, zwölf Stunden. Sechs Tage die Woche“, sagt er. Und fügt schnell hinzu: „Wir verdienen beide zwei Euro pro Stunde, wenn wir alle Kosten abziehen.“ Sie kämen damit einigermaßen hin. Seit 27 Jahren wohnen die Dos in derselben Wohnung in Lichtenberg, nicht weit weg vom Dong Xuan Center.

Do kam 1987 als sogenannter Vertragsarbeiter in die DDR. In Vietnam hatte er Architektur studiert, dort herrsch-ten jedoch Armut und hohe Arbeitslosigkeit. Die DDR brauchte in den 1980er-Jahren Arbeitskräfte in ihren Produktionsbetrieben. Auch für Jobs, die schlecht bezahlt, monoton und körperlich anstrengend waren, zum Beispiel das Nähen in den Textilkombinaten.

Auf der Grundlage eines Vertrages mit dem sozialistischen Bruderstaat Vietnam kamen bis Ende 1989 knapp 60.000 Vietnamesen nach Chemnitz, Dresden, Ostberlin und in andere DDR-Städte. Die Arbeiter lebten in eigenen Wohnheimen, Kontakt zu DDR-Bürgern war nicht erwünscht. Oft wurden sie als „Fidschis“ beschimpft – als kämen sie aus der Südsee. 

Nach der Wende waren die Vertragsarbeiter unter den Ersten, die ihre Jobs verloren. Während die Regierung des vereinten Deutschland versuchte, die Vietnamesen wieder zurück in ihr Heimatland zu schicken, versuchten diese, sich irgendwie über Wasser zu halten; sie verkauften unversteuerte Zigaretten, eröffneten Imbisse, Gemüsegeschäfte, Änderungsschneidereien und Blumenläden. Erst gegen Ende der 1990er-Jahre erhielten die meisten früheren Vertragsarbeiter, die im Land geblieben waren, unbefristete Aufenthaltsgenehmigungen. Viele konnten sich sogar einbürgern lassen. Schätzungen zufolge leben heute in Deutschland mehr als 130.000 Menschen mit vietnamesischen Wurzeln.

Darunter sind die meist aus dem nördlichen Vietnam stammenden Einwanderer der ersten Generation wie Do und deren Kinder, aber auch Vietnamesen aus dem Süden des Landes, die kurz nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 in der Bundesrepublik Asyl und staatliche Unterstützung erhielten und sich im Vergleich zu den Vertragsarbeitern aus der ehemaligen DDR meist besser und schneller in die Gesellschaft integrieren konnten.

In den 90ern hatten die Vietnamesen im Osten Deutschlands nicht nur damit zu tun, finanziell über die Runden zu kommen. Sie wurden vielfach rassistisch, teils gewalttätig angegriffen, für viele waren sie weiterhin die „Fidschis“, die man am besten abschiebt. Während der Ausschreitungen im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen im Jahr 1992 steckten Rechtsextreme ein von Vietnamesen bewohntes Gebäude in Brand.

In den vergangenen Jahren hat der Rassismus abgenommen, und das öffentliche Bild der Vietnamesen hat sich komplett gewandelt. Gab es in den 90er-Jahren noch regelmäßig Berichte über Geldwäsche, Erpressung und brutale Morde innerhalb der vietnamesischen Mafia, schrieben Zeitungen jetzt über „das vietnamesische Wunder“, über die „erfolgreichsten Zuwanderer“, berichteten TV-Sender über „die schlauen Vietnamesen“ – nun war die Rede davon, dass Schüler mit vietnamesischen Wurzeln häufiger Abitur machen würden als gleichaltrige Deutsche.

Auch Politiker heben gern hervor, wie toll sich die Vietnamesen integriert hätten

Der umstrittene Bestsellerautor Thilo Sarrazin zeichnete in seinen ansonsten Zuwanderern gegenüber sehr kritischen Büchern das Bild der fleißigen südostasiatischen Vorzeigeemigranten, die sich voller Ehrgeiz und Bildungshunger lautlos in Deutschland integrierten und keine Probleme verursachten. Auch Politiker heben gern hervor, wie toll sich die Vietnamesen integriert hätten.

Für Mai-Phuong Kollath, deren Büro in derselben Straße wie das Dong Xuan Center liegt, sind diese Klischees und Stereotype schwer zu ertragen. Sie war selbst DDR-Vertragsarbeiterin in Rostock und berät heute Vietnamesen und Deutsche zum Thema interkultureller Austausch. „Die Politik hat wenig für die Vietnamesen im Osten getan. Es gab zum Beispiel nie echte Anstrengungen, sie in Deutschkurse zu bringen“, sagt Kollath.

Sie ärgert sich darüber, dass von den Vietnamesen häufig nur noch als Supermigranten die Rede sei: „Viele vietnamesische Einwanderer aus der ersten Generation im Osten leben am Rande des Existenzminimums, obwohl sie extrem viel arbeiten. Und auch nach 30 Jahren können viele aus der ersten Generation nur gebrochen Deutsch“, sagt Mai-Phuong Kollath. So könnten sie natürlich auch nicht an Debatten teilnehmen, ihre Kritik äußern oder auf tatsächliche Probleme aufmerksam machen.

„Die erste Generation steckt alle Ressourcen in ihre Kinder und deren Ausbildung. Sie sagen den Kindern: Du musst von morgens bis abends lernen. Am Wochenende am besten auch noch. Viele Schüler aus vietnamesischen Familien haben Angst, schlechte Noten nach Hause zu bringen, den hohen Erwartungen der Eltern nicht gerecht zu werden“, sagt Kollath. Kinder von vietnamesischen Eltern sind nicht automatisch talentierter, intelligenter oder erfolgreicher; die Erwartungen sind jedoch oft viel höher. Wobei sich das Niveau der vietnamesischen Kinder langsam an das der deutschen angleicht, die Schulleistungen also zurückgehen. Das bestätigt auch Thuy Luong, die am Barnim-Gymnasium in Berlin-Lichtenberg als Sozialarbeiterin tätig ist. Von gut 1.000 Schülern haben dort etwa 170 vietnamesische Eltern.

Ein Alltag, in dem die Werte und Ideale zweier Generationen aufeinanderprallen: das Vietnam der Eltern und das Deutschland der Kinder

Für die Eltern sei vor allem wichtig, dass sie ihren Kindern materiell etwas bieten. „Auch deshalb arbeiten sie so viel. Sie wollen, dass sie ihren Söhnen und Töchtern wirklich alle Möglichkeiten geben, die es in Deutschland gibt. Viele dieser Jugendlichen brauchen aber nicht mehr Geld, sondern mehr Zeit und Verständnis“, sagt Luong. Weil die Eltern ähnlich wie Tuan Tu Do sechs Tage die Woche von früh bis spät im Laden, im Restaurant oder anderswo arbeiteten, seien die Jugendlichen mehr oder weniger auf sich gestellt.

„Für die meisten vietnamesischen Eltern ist entscheidend, dass jeder die Pflichten übernimmt, die seiner Rolle entsprechen“, sagt Luong. „Häufig vergleichen sie die Leistungen ihrer Kinder mit den Leistungen anderer Kinder aus der vietnamesischen Community.“

Klare Rollen, viele Pflichten, wenig Zeit. Ein Alltag, in dem die Werte und Ideale zweier Generationen aufeinanderprallen: das Vietnam der Eltern und das Deutschland der Kinder. Zwei Welten, die zu unterschiedlich sind, als dass sie einfach lautlos und friedlich nebeneinander existieren könnten.

Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen ist nicht nur eine Metapher. Oft ist es für die erste und die zweite Generation tatsächlich schwierig, sich zu verständigen. Und noch schwieriger, sich zu verstehen: Die Kinder sprechen viel Deutsch, das sie perfekt können, und zu wenig Vietnamesisch für ein tiefer gehendes Gespräch. Bei den Eltern ist es genau umgekehrt. Hinzu kommt, dass die vietnamesische Sprache völlig anders funktioniert als die deutsche. Respektspersonen in der Familie spricht man mit Wendungen an wie „Frau des jüngeren Bruders der Mutter“, „ältere Schwester“ und so weiter. Von sich selbst spricht man dabei in der dritten Person. „Trinkt die Großmutter eigentlich Kaffee?“ – „Ja, die Großmutter trinkt Kaffee. Trinkt die Enkelin auch Kaffee?“ – „Nein, die Enkelin mag Kaffee nicht.“ Die Journalistin Khue Pham schrieb darüber einmal treffend: „Wenn du in Vietnam bist, vergisst du, dass es ein Ich gibt.“

Dass die Grenzen der Sprachen, Kulturen und Werte manchmal quer durch das Wohnzimmer einer Familie verlaufen können, hat auch Thao Tran erlebt. Sie ist Jahrgang 1992, die Eltern kamen 1988 von Vietnam nach Cottbus. „Ich war immer gut in der Schule, wollte Ärztin werden, wollte alles dafür tun, die Familie stolz zu machen. Ich kannte es nicht anders und habe das auch nie hinterfragt“, sagt Thao Tran.

Mit 16 ging sie als Austauschschülerin in die USA. „Dort wurde ich auf einmal gefragt, was ich will, was meine Vorstellungen sind. Als ich nach dem Jahr in Amerika wieder zurückkam, war das wie ein Kulturschock.“

Immer Leistung bringen, immer erfolgreich sein, immer für die Familie da sein. „Wir sind durch einen schmerzhaften Prozess gegangen, haben uns voneinander entfernt, um dann doch wieder zusammenzufinden“, erklärt Thao Tran.  Einige Zeit danach trennten sich ihre Eltern. Das ist in vietnamesischen Familien eigentlich undenkbar. „Wir konnten uns befreien von dem, was uns immer als völlig selbstverständlich erschien. Was von der Tradition so vorgegeben war, womit meine Eltern in Vietnam aufgewachsen waren“, so Tran.

Sie musste gar nicht Ärztin werden, musste nicht die Last der Familienehre auf ihren Schultern tragen. Sie ging stattdessen nach Berlin, arbeitete am Theater, studierte ein geisteswissenschaftliches Fach. 

Ihre Eltern sind heute gut befreundet und reisen manchmal gemeinsam mit der Tochter nach Vietnam. „Die Eltern meines Vaters tun bis heute so, als hätten sich meine Eltern nie getrennt. Weil es so etwas ja eigentlich gar nicht gibt“, sagt Tran. Und lacht darüber.

Sie hat sich von der Tradition befreit, ohne die Kultur zu vergessen. Vielleicht muss man erst seine Heimat verlassen, um zu verstehen, wer man eigentlich ist.