Szene aus dem Comic "Himmelblau" von Pandora Magri: Eine Person mit Hasenkopf steht barfuß im Schlafzimmer neben einem ungemachten Bett. Ein umgekippter Stuhl versperrt eine Tür, unter ihm fällt ein rötlicher Lichtschein auf den Boden. Links ein Nachttisch mit Lampe, rechts eine Kommode

Und der Rest deines Lebens beginnt

Im Comic „Himmelblau“ erzählt die Zeichnerin Pandora Magri vom Leben einer jungen Frau, die sich aus einer gewaltvollen Beziehung befreit hat – ein Thema, das ihr selbst vertraut ist

Von Michael Brake
Thema: Kultur
7. April 2026

!! Inhaltswarnung: Dieser Text handelt unter anderem von Partnerschaftsgewalt !!

 

Worum geht es?

Poppy sitzt auf ihrem Bett, verängstigt, verheult, auf ihren Armen: blaue Flecken. Irgendwann verbarrikadiert die junge Frau ihre Zimmertür von innen mit einem Stuhl und ruft das „Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen“ an. Zeitsprung, ein halbes Jahr später: In verschiedenen Szenen sehen wir, wie Poppy ihren Alltag bewältigt. Sie geht einkaufen und zur Ärztin, trifft Freundinnen im Café und probiert einen neuen Look aus. Doch immer wieder kehren die Ereignisse aus ihrer vergangenen Beziehung zu ihr zurück, durch Bemerkungen, Situationen, Gegenstände.

Worum geht es eigentlich?

Um Traumabewältigung bei Partnerschaftsgewalt. Um Trigger und wie man damit umgeht. Um das, was übrig bleibt und immer wiederkommt, auch wenn der gewalttätige Partner längst weg ist, die Angst, die Wut, die Hilflosigkeit. Und um einen Wiederzusammensetzungsprozess, um Selbstfürsorge und Bewältigungsstrategien, um die Bedeutung von Freundschaften und Support. 

Szene aus dem Comic "Himmelblau" von Pandora Magri: Im Supermarkt unterhalten sich zwei Männer sexistisch über ihre Freundinnen, eine ebenfalls anwesende Frau ist wütend darüber

Wie wird es erzählt?

So hart das Thema von „Himmelblau“ ist, so cute sind die Zeichnungen von Pandora Magri. Allerdings ein cooles Cute, kein Cuteness-Overload mit Mangaaugen und schnörkeligen Details. Magris Striche sind klar und bestimmt, die Seiten sind aufgeräumt, die Hintergründe sparsam ausgestattet. Außerdem haben alle Figuren Tierköpfe auf ansonsten menschlichen Körpern, Poppy ist beispielsweise ein Hase. Das entscheidende grafische Element ist aber die Farbgebung. Im Prinzip ist der ganze Comic in Blauschattierungen gehalten. Blau wie die Hoffnung, blau wie „Himmelblau“ von den Ärzten, Poppys Lieblingslied, das ihr Mut macht. Doch wann immer es um das Trauma der Vergangenheit geht, drängt sich ein stechendes Rosarot ins Bild, je stärker der Trigger, desto dunkler das Rosa.

Gut zu wissen:

Entstanden ist „Himmelblau“ als Masterarbeit an der Münster School of Design, für die Buchveröffentlichung hat Pandora Magri es dann noch erweitert. Das Thema war für die Zeichnerin dabei naheliegend: Sie war früher selbst in einer gewalttätigen Beziehung. Dabei habe sie, so hat sie in einem Interview mit dem WDR gesagt, „Angst um ihr Leben“ gehabt. „Himmelblau“ ist also autofiktional, sprich: Es erzählt die Geschichte seiner Zeichnerin in verfremdeter Form.

Eine Szene zum Merken:

Einmal sitzen Poppy und ihr Mitbewohner zusammen, beide basteln, und er schlägt vor, einen Podcast zu hören. Vielleicht eine neue Folge True Crime? Doch die Triggerwarnung – „Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung“ – hält Poppy davon ab, die Folge zu starten. „Eigentlich müsste man froh sein, dass man in einer Zeit lebt, in der es Triggerwarnungen gibt“, sagt sie. Worauf ihr ansonsten als total unterstützend dargestellter Mitbewohner ziemlich verlegen dreinschaut und nach einem kurzen Schweigen zugibt: „Ich hab da ehrlich gesagt noch nie drüber nachgedacht. Irgendwie waren das immer eher Inhaltsangaben für mich.“

Szene aus dem Comic "Himmelblau" von Pandora Magri: Illustration einer ruhigen Straßenszene mit Wohnhäusern

Lohnt sich das?

Ja! „Himmelblau“ will kein großes Comicepos mit Pauken und Trompeten sein, sondern eine kleine und persönliche Geschichte erzählen, und das tut es, leise, fokussiert und eindringlich. Abgesehen von wenigen Stellen vermittelt es seine Thematik dabei auch nicht dozierend, sondern über seine Szenen – und seine guten grafischen Ideen.

Ideal für:

Der erste, naheliegende Gedanke wäre hier natürlich: für alle, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind oder es waren. Und das waren in Deutschland allein im Jahr 2024 nach offiziellen Zahlen über 171.000 Personen, rund 80 Prozent davon Frauen. Die tatsächlichen Zahlen, das sogenannte Dunkelfeld, werden um ein Vielfaches höher eingeschätzt. Betroffenen kann „Himmelblau“ möglicherweise Mut machen, Halt geben, zeigen: Du bist nicht allein, Geschichten wie deine werden gesehen. Bei manchen Betroffenen mag der Comic aber auch Dinge triggern – selbst wenn die physische Gewalt niemals explizit gezeigt oder beschrieben wird, die blauen Flecken auf dem Arm in der allerersten Szene sind da schon das Maximum. 

Doch eigentlich wäre es ohnehin viel besser, wenn „Himmelblau“ vor allem diejenigen lesen, die bisher nicht von Partnerschaftsgewalt betroffen sind oder waren. Denn sie können hier etwas dazulernen. Sei es, dass für Betroffene von sexualisierter Gewalt das Erlebte nie ganz aufhört, oder auch, dass sogar eine Handcreme triggern kann.

 

Himmelblau“ von Pandora Magri ist im Jaja Verlag erschienen. Es hat 88 Seiten und kostet 16 Euro

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