Honig, Hantel, Heimat
Der Fitness-Influencer Coach Aaron predigt von Pumpen und Rohhonig. Schnell geht es aber auch um die vermeintlich traditionellen Rollenbilder, um Patriotismus und Verschwörungsmythen
Ein schwarzer SUV rollt auf den Parkplatz eines Fitnessstudios im Gewerbegebiet in Isny im Allgäu. Ein Mann steigt aus, Tattoos von Kinn bis Knöchel, ein Kreuz wie ein Stier, das Basecap tief ins Gesicht gezogen. Auf seinem Hals steht „SELFMADE“. Aaron Boadu wippt auf seinen Zehenspitzen, barfuß auf dem Asphalt. Er zündet einen Joint an und bläst den Rauch in die Sommerluft.
„Kein Tabak, alles Natur“, sagt er später.
Coach Aaron – so nennt er sich im Netz – ist zu diesem Zeitpunkt einer der Influencer, die zur sogenannten „Rohgang“ zählen, einer Gruppe von Content-Creators, die mit Fitnesstipps das Internet aufrühren und predigen, so „natürlich“ zu essen wie möglich. Rohmilch, Obst und Gemüse, am liebsten ungekocht, Nüsse, Fisch, Weiderind. Verboten sind Alkohol, Industriezucker, Samenöle und Gluten. „Gottes Nahrung“ nennen sie das, es soll sein wie im Paradies: roh, rein und vor allem gesund. Natürlich wirbt Boadu auch für Shops, in denen die passenden Produkte verkauft werden.
Der 39-jährige Boadu trifft auf dem Parkplatz an einem Sommermorgen 2025 Rainer Krüger, Urschwabe, 67 Jahre alt und Imker. Sie umarmen einander wie echte Freunde.
Krüger ist Imker in vierter Generation. Er glaubt an die Heilkraft der Bienenerzeugnisse, ihr Propolis, auch Bienenharz genannt, helfe gegen Entzündungen, Pollen gegen Allergien, der Honig gegen Falten. Boadu hat Krügers Bienenprodukte für sich entdeckt, sie sind in seiner Diät zentral. Er liebt Süßes. Auch Honig enthält Zucker – wissenschaftlich betrachtet handelt es sich um dieselben Baustoffe wie im klassischen Industriezucker, nur anders zusammengesetzt. Baodu und Krüger glauben jedenfalls, dass Honig eine gesunde Sache ist, und vermarkten Krügers Produkte zusammen. Der Honig wird zum Klebstoff zwischen Allgäuer Naturheilkunde und urbaner Pumperästhetik.
Seit Boadu in seinen Videos Schokolade aus Rohkakao in Krüger-Honig tunkt, sind die Verkaufszahlen der Imkerei explodiert, von einer auf sieben Millionen Euro Umsatz im Jahr. Die Firma expandierte.
Ein Marketingcoup für die Imkerei. Für Boadu ist der Honig mehr. Er ist Teil eines Weltbilds.
In seinen Reels kippt die Sehnsucht nach Reinheit ins Reaktionäre. Die „Natur“ soll wieder den Takt vorgeben, findet Boadu. Heißt für ihn: Es gibt Männer und Frauen. Echte Männer sollen führen, stramm, stark und stolz sein. Frauen sind aus seiner Sicht in erster Linie für das Heim zuständig. „Gottes Nahrung“ und Krügers Bienenprodukte werden dabei zum Versprechen für das große Comeback der Männlichkeit.
Vom Footballer und Häftling zum Influencer
Boadu war schon viel in seinem Leben. Mit Anfang 20 ging er an ein Sportcollege in den USA, spielte zunächst Basketball, dann Football. Drogenhandel und Raubüberfälle brachten ihn dort ins Gefängnis. Nach knapp einem Jahr in U-Haft wurde er 2010 nach Deutschland abgeschoben, so erzählt er es in einem Podcast. Der American Dream platzte.
Kaum zurück, landete er auf dem Rasen der Kiel Baltic Hurricanes in der German Football League, wurde deutscher Meister. 2012 überfiel er in Hamburg ein Restaurant und saß wieder ein, drei Jahre in der JVA.
Nach der Geburt seiner Kinder will er alles hinter sich lassen. 2017 beginnt er, als „Coach Aaron“ erste Fitnesstipps im Internet zu geben. In dieser Zeit, so erzählt er später, endet sein jahrelanges Darmleiden, er führt das auf eine Diät zurück, bei der nur Lebensmittel gegessen werden, die es schon in der Steinzeit gab. Für ihn ein Erweckungserlebnis.
Aaron Boadu (links) nimmt seinen Geschäftspartner Rainer Krüger auch mit zum Krafttraining
Boadu experimentierte mit Ernährung: ketogen, also kohlenhydratarm und fettreich, vegan, vegetarisch. 2021 beendete er seine Footballkarriere. Ernährung wird Teil seines Markenkerns, seine Social-Media-Followerschaft wächst.
Auf seinem Instagram-Kanal sagt er, Fast Food sei Müll und zerhackt AirPods mit der Axt. Immer und immer wieder spricht er seine Botschaften in die Kamera: Du wirst verarscht. Sei gesund, sei ein Mann – iss Honig!
Aus dem Footballer und Häftling ist ein Influencer geworden, der Honig löffelt und dabei Disziplin predigt. Weg vom Handy, ran an die Hantelbank. Und in den Biomarkt.
Mittlerweile hat Boadu ein ganzes Team. Auf dem Parkplatz in Isny springen sein Kameramann und ein weiterer Partner aus dem schwarzen SUV. Sie reisen zusammen durchs Land und produzieren Content: Waldbaden, Leinenklamotten, Glaube an Testosteron.
Der Weg zurück zum „wahren Mann“
Drinnen im Fitnessstudio verreibt Boadu Magnesium auf seinen Handflächen. Für den Halt an der Hantelstange. „Der wahre Mann stirbt aus“, sagt er, bevor es losgeht mit dem Muskelnstählen. „Männer sind wie Frauen geworden. Emotional, kein Biss mehr.“
Seine Theorie: Männer, die sich an Klimmzugstange und Kühlschrank disziplinieren, pushen ihren Testosteronspiegel und werden wieder verantwortungsvolle Mitglieder der Gesellschaft, die sich um Frau und Kinder kümmern.
Auch Rainer Krüger, der Imker, hängt sich an die Stange. Er beißt die Zähne zusammen, verzieht das Gesicht, hievt sich hoch. „Viiier“, krächzt er. Kurz hält er den Klimmzug, dann verlässt ihn die Kraft, und er springt auf den Mattenboden. Dass Krüger im Fitnessstudio dabei ist, ist kein Zufall, auch solche Szenen werden später zu Content.
Vor dem Training habe er sich zwei kräftige Löffel von einer von Krügers Produktmischungen „neighaue“. Honig, Gelée royale, Propolis-Extraktpulver, Ginsengextrakt, Pollen.
Studien zeigen, dass Menschen, die hoch verarbeitete Lebensmittel essen, in der Tat wahrscheinlich ein höheres Risiko für Krankheiten wie Übergewicht, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes haben. Vor übermäßigem Zuckerkonsum warnen Ärztinnen und Ärzte seit Jahren – das gilt übrigens auch für Honig. Am Ende zähle für eine gesunde Ernährung vor allem ausgewogene Ernährung, möglichst wenig industriell verarbeitet.
Für Boadu zählen wissenschaftliche Erkenntnisse vor allem dann, wenn sie in seine Gleichung passen: Natur gleich gut; moderne Kultur gleich schlecht. Was Natur ist, bestimmt er oft genug selbst. Auch die Produkte, die er bewirbt, landen nicht vom Baum direkt auf dem Teller, sondern kommen von verschiedenen Orten auf der Welt, werden in Riegel gepresst, in Plastik verpackt und in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten.
Krüger wolle sich eigentlich gar nicht politisch äußern, sagt er. Doch immer wieder versucht er, seinen Freund zu mäßigen – am Esstisch nach dem gemeinsamen Besuch im Fitnessstudio oder in seinen Videos. Und so erklärt der Imker Krüger dem Influencer Boadu in einer Podcastfolge dass der Klimawandel vom Menschen gemacht ist. Und dass es Dinosaurier wirklich gegeben habe. Boadu sieht beides anders. In einem Reel behauptet er, dass die Welt von einem „satanistischen Kreis“ regiert werde, der Kinder esse. Und immer wieder geht es um „die schwächste Generation seit Anbeginn der Menschheit“.
Auch Rechte dürfen bei ihm reden
Solche Sätze fallen oft, live, geklickt von Hunderttausenden. Coach Aaron streamt und pumpt mit Menschen aller Herkünfte und Religionen. Der Glaube an das Comeback der „gesunden“ Männlichkeit verbindet ihn mit traditionsgläubigen Christen und Muslimen, aber auch mit Deutschnationalen.
Vor einem Jahr waren zwei Influencer im Podcast eingeladen: „Heimatecho“ und „frei.und.direkt“. Thema: „Was das DEUTSCHE VOLK wirklich denkt ...“. Im Video tragen sie Seitenscheitel und ausrasierte Nacken und sprechen unter anderem darüber, wer sich deutsch nennen darf und wer nicht. Am Esstisch im Allgäu sagt Boadu: „Ich glaube, meine Aufgabe ist, die Deutschen wieder in ihre Deutschheit zu holen. Wir sind mal stramme Leute gewesen!“
Im Netz wird der Gegenwind stärker, nicht nur aus der Fitness-Bubble. Ende 2025 bringt Rapperin Ikkimel einen Diss-Track raus, der sich auf einige seiner Aussagen bezieht.
Doch Coach Aaron postet weiter, im Rhythmus weniger Stunden erscheinen Reels und Videos. Nur mit dem Kiffen hat er mittlerweile aufgehört.
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